Gesundheit

Rezept gegen die Pillen

Wird in Israel viel zu schnell und sorglos verschrieben: das süchtig machende Opioid Oxycontin Foto: picture alliance / REUTERS

Gesundheit

Rezept gegen die Pillen

Neue Vorschriften sollen den Missbrauch opioidhaltiger Medikamente eindämmen. Israel führt weltweit beim Pro-Kopf-Konsum

von Sabine Brandes  05.07.2026 10:15 Uhr

Es sollen Rezepte gegen die Pillen sein. Seit Freitag gelten neue Vorschriften des Gesundheitsministeriums, die den Umgang mit den Medikamenten strenger regeln. Ziel ist es, Missbrauch einzudämmen, Rezeptfälschungen zu verhindern und die wachsende Zahl von Abhängigkeiten zu bekämpfen – ein Problem, das Israel in den vergangenen Jahren traurige Schlagzeilen beschert hat.

Kern der neuen Regelung ist, dass Rezepte für Opioide nur noch fünf statt bisher 15 Tage gültig sind. Außerdem darf über handgeschriebene Rezepte von Ärzten künftig nur noch eine Medikamentenmenge für maximal fünf Behandlungstage ausgegeben werden. Das Gesundheitsministerium will damit vor allem den Umstieg auf digitale Rezepte fördern. Diese seien fälschungssicher und ermöglichten eine bessere Kontrolle der Verschreibungen, heißt es aus Jerusalem.

Rezepte sollen digital verfolgt werden

Auch dürfen ab sofort handschriftliche Rezepte nur noch in Apotheken eingelöst werden, die an das Computersystem der Krankenkassen angeschlossen sind. So können Apotheker überprüfen, ob Patienten im vergangenen Monat bereits opioidhaltige Medikamente erhalten haben. Gleichzeitig werden alle Abgaben, auch bei privaten Käufen ohne Beteiligung der Krankenkassen, dokumentiert.

Ärzte, die solche Rezepte ausstellen, müssen ihre Patienten zudem darüber informieren, dass die Verschreibung an die Krankenkassen gemeldet wird. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums soll dadurch verhindert werden, dass Patienten mehrere Rezepte parallel einlösen. Es sei so erstmals ein vollständiger Überblick über sämtliche opioidhaltigen Verschreibungen eines Patienten möglich.

»Die Maßnahmen sind Teil eines umfassenden Programms, das das Gesundheitsministerium gemeinsam mit den Krankenkassen in den vergangenen Jahren umgesetzt hat, um den Missbrauch von Opioiden einzudämmen«, erklärte das Ministerium. Bereits jetzt sei der Verbrauch opioidhaltiger Präparate zurückgegangen, »wobei gleichzeitig die kontinuierliche Versorgung der Patienten gewährleistet bleibt, die diese Medikamente benötigen«.

Gesundheitsministerium: »Die Maßnahmen sind Teil eines umfassenden Programms, das in den vergangenen Jahren umgesetzt wurde, um den Missbrauch von Opioiden einzudämmen.«

Die Verschärfung kommt nicht überraschend. Israel kämpft seit Jahren mit einer Opioidkrise, die im internationalen Vergleich besonders gravierend ist. Bereits 2023 zeigte eine Studie des Taub-Zentrums für Sozialpolitik, dass Israel weltweit den höchsten Opioid-Konsum pro Kopf aufweist.

Zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten gehören Präparate mit dem Wirkstoff Fentanyl. Das synthetische Opioid gilt als etwa 50-mal stärker als Heroin und rund 125-mal stärker als Morphium. Es wird unter anderem in Schmerzmitteln wie Oxycontin eingesetzt und kommt vor allem bei starken Schmerzen zum Einsatz.

Ursprünglich wurden Opioide bis in die 1990er-Jahre überwiegend bei Krebserkrankungen oder nach Operationen verschrieben.

In den 2000er-Jahren weitete sich ihr Einsatz jedoch erheblich aus. Trotz wachsender Bedenken hinsichtlich Sicherheit und Wirksamkeit wurden sie zunehmend auch bei chronischen Rücken-, Gelenk- oder Nervenschmerzen eingesetzt. Mit den steigenden Verschreibungszahlen nahm auch das Risiko von Abhängigkeit und Missbrauch zu.

Entwicklung erinnert an Opioid-Krise in den USA

Die Entwicklung erinnert an die Opioidkrise in den USA. Dort war jahrzehntelang Heroin das am häufigsten konsumierte illegale Opioid. Ende der 2010er-Jahre verlagerte sich die Krise jedoch auf synthetische Opioide – allen voran Fentanyl. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention stiegen die Todesfälle durch Überdosierungen in dieser Zeit dramatisch an.

Im Zentrum der Affäre stand die Unternehmerfamilie Sackler, deren Unternehmen Purdue Pharma das Schmerzmittel Oxycontin entwickelte und vermarktete und später weltweit wegen seiner Vermarktungsstrategie verklagt wurde.

Israel will nun verhindern, dass die Opioid-Krise im eigenen Land tragische Ausmaße wie in den USA einnimmt, wo schätzungsweise mehr als eine Million Menschen an den Folgen einer Opioid-Abhängigkeit starben.

Tel Aviv

Deutschlands neuer Botschafter in Israel stellt sich auf Instagram vor

Alexander Graf Lambsdorff übernimmt die deutsche Vertretung in Israel. In einer Videobotschaft betont der frühere Moskau-Botschafter die enge Zusammenarbeit beider Nationen

 24.07.2026

Wissenschaft

Israelische Forscher entdecken einzigartiges Immunsystem bei Seeanemonen

Die beteiligten Wissenschaftler hoffen, dass ihre Ergebnisse langfristig zum Schutz von Korallenriffen beitragen könnten

 24.07.2026

Jerusalem

Likud-Abgeordneter verärgert Netanjahu mit behauptetem Angriff auf Iran

Das Likud-Mitglied Moshe Saada sagte in einem Interview: »Jeder weiß, dass wir kurz vor einem Angriff auf den Iran stehen – vielleicht sogar schon an diesem Wochenende.«

 24.07.2026

Westjordanland

Drei Terrorangriffe binnen 24 Stunden: Ein Israeli getötet, mehrere verletzt

Bei einer Attacke nahe der Gilad Farm wird ein Israeli erschossen. Eines der Opfer eines anderen Terrorangriffs wird schwer verletzt und per Hubscgrauber in ein Krankenhaus gebracht

 24.07.2026

Meinung

Wenn der »Spiegel« mit der Hamas kuschelt

Die Hamas verkündet, einen Nachfolger für Yahya Sinwar gefunden zu haben. Für das große deutsche Nachrichtenmagazin Grund, eine Runde Sympathie und Mitgefühl zu spendieren

von Sophie Albers Ben Chamo  23.07.2026

Nachruf

»Haim Yavin. Hier enden unsere Sendungen«

Der israelische Protestkünstler Shoshke Engelmayer verabschiedet sich von einer TV-Legende seines Landes

 23.07.2026

Naher Osten

Trump: Atom-Deal nur bei saudischer Anerkennung Israels

Washington und Riad stehen kurz vor einem Atomabkommen zur zivilen Nutzung der Kernenergie. Doch jetzt hat Donald Trump eine neue Bedingung gestellt

 23.07.2026

Plädoyer

Dem Recht vertrauen

Ohne einen unabhängigen Obersten Gerichtshof ist nicht nur Israels Demokratie, sondern der jüdische Staat selbst in Gefahr

von Awi Blumenfeld  23.07.2026

Nachrichten

Geisel, Hamas, Charedim

Kurzmeldungen aus Israel

 22.07.2026