Sport

Premiere auf dem Platz

Auf den ersten Blick unterscheidet sie nichts von den anderen Fußballspielern, die regelmäßig im Park HaYarkon im Norden Tel Avivs ihrer Leidenschaft nachgehen und kicken. Auf den zweiten Blick eigentlich auch nichts. Und dennoch handelt es sich bei der Gruppe der 20 bis 25 jungen Männer, die sich jeden Freitagnachmittag dort trifft, um eine Premiere. Denn sie sind der erste schwule Fußballverein Israels.

»Ein Jahr habe ich in England gelebt und dort in einem schwulen Team mit dem schönen Namen ›Leftfooters‹ gespielt«, berichtet Ron Cohen. »Das hat mir sehr viel Spaß gemacht«, so der 27-jährige Kommunikationswissenschaftler aus Rischon LeZion. »Zurück in Israel dachte ich mir, dass so etwas doch auch hier möglich sein müsste.«

Gründung Also ergriff er die Initiative und schaltete gemeinsam mit seinem Freund Ben auf der Dating-Webseite Atraf sowie auf Facebook eine entsprechende Anzeige. Gesucht wurden weitere Hobbyfußballer mit einer Vorliebe für das eigene Geschlecht. Am Anfang war das Ergebnis jedoch recht mager. »Ganze vier Leute fanden sich vor ein paar Monaten ein, als wir uns das erste Mal trafen«, so Cohen. »Und einer davon war auch noch heterosexuell«, erinnert er sich mit einem leichten Grinsen.

Doch schnell machte die Nachricht von der Gründung die Runde. Heute gehören dem Verein mehr als 60 Fußballfreunde an. Der Jüngste ist 17, der Älteste 50. Auch stammen nicht alle aus Tel Aviv, selbst aus Netanya, Aschdod oder Modiin reisen einige an. Vom prominenten Konditor und Kochbuchautor bis hin zum Schüler ist so ziemlich alles dabei.

Akzeptanz »Als Kind und Jugendlicher war ich immer ein begeisterter Fußballspieler«, beschreibt Lion Suissa seine Motivation, warum er jeden Freitag mit von der Partie ist. »Doch spätestens nach dem Militär war Schluss damit, weil ich Angst hatte, als Spieler nicht mehr akzeptiert zu werden, wenn die anderen erfahren, dass ich homosexuell bin«, so der 31-jährige frühere Mitarbeiter im Stab des seinerzeitigen Vizepremierministers Silvan Schalom. »Dann habe ich von dem neuen Verein erfahren. Als ich dann auch noch hörte, dass es nicht wirklich von Bedeutung ist, wie gut man eigentlich spielt, wollte ich das zuerst gar nicht glauben.«

Genau das aber scheint das Erfolgsrezept des Vereins zu sein: Niemand wird für seine Ungeschicklichkeiten auf dem Spielfeld ausgelacht oder gar angegriffen. »Am Anfang wusste ich wohl nicht einmal, was ein Ball ist«, so der 28-jährige Ori. »Ich habe einfach begonnen mitzuspielen.« Heute ist er begeistert dabei und merkt, wie er von Mal zu Mal besser wird. Die sehr herzliche Atmosphäre nimmt vielen die Angst, mit dem Spielen anzufangen. »Wir sind halt nicht so wie andere Fußballvereine«, bringt es Miki Zaidel auf den Punkt. »Wir sind aber auch nicht so wie andere Schwule, weil wir wirklich jeden akzeptieren«, berichtet der Sicherheitsbeamte aus Aschdod nicht ohne Stolz.

Homophobie Mittlerweile trifft man sich auch außerhalb des Spielfeldes, um gemeinsam zu grillen oder sich Fußballspiele anzuschauen. Zudem ist es mal was anderes, sich mit Leuten anzufreunden, die man nicht im Internet kennengelernt hat. Mit den anderen Hobbyfußballern im Park HaYarkon gibt es keine Probleme, allenfalls wird heftig um die knappe Spielfläche gestritten.

Doch der Verein will mehr sein als nur eine Gruppe junger Männer, die gerne kicken und feiern. »Homophobie ist wie überall auf der Welt auch im israelischen Fußball sehr weit verbreitet«, lautet die Beobachtung von Ron Cohen. »Verbale Attacken bei Spielen zwischen den großen Vereinen wie Beitar Jerusalem oder Maccabi Tel Aviv, bei denen sich die Kontrahenten dann gegenseitig als ›schwul‹ diffamieren, gehören leider zur Normalität.« Zudem gibt es das gängige Negativ-Klischee, dass Schwule sportlich eher zu den Nieten zählen und allenfalls im Ballett etwas taugen. »Gerade im Fußball ist dieses Vorurteil besonders präsent«, bestätigt Tal Konilemel Hershkovitz. »Dieses stereotype Image wollen wir über den Haufen werfen.«

Signalwirkung Immer wieder passiert es, dass Außenstehende fragen, ob sie mitspielen dürfen. »Dass sie plötzlich in einer schwulen Mannschaft mitmachen, merken die meisten gar nicht«, so Cohen. »Und wenn doch, ist es ihnen zumeist völlig egal. Schließlich spielen wir ja genauso wie alle anderen auch.«

Wie in Deutschland gibt es auch in Israel im Profifußball keinen einzigen prominenten Spieler, der sich bis dato geoutet hat. »Natürlich kursieren immer wieder Gerüchte über einzelne Personen«, sagt Cohen. »Doch den Mut, aus der Anonymität herauszutreten, wird derzeit wohl kaum einer aufbringen.« Das Gerücht von vor einigen Monaten, dass sich bald der erste Bundesliga-Spieler öffentlich zu seiner Homosexualität bekennen will, fanden alle großartig. »Vielleicht hätte das ja eine Signalwirkung.«

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