Am Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv sorgt die anhaltend hohe Zahl von Flügen derzeit für erhebliche Probleme. Passagiere müssen teilweise stundenlang auf ihre Koffer warten, während Maschinen verspätet starten, weil das Gepäck noch nicht verladen wurde. Beschäftigte und ehemalige Mitarbeiter machen dafür laut einem Bericht von »Ynet« neben dem außergewöhnlich hohen Verkehrsaufkommen vor allem einen chronischen Personalmangel verantwortlich.
»Es gibt keinen Streik und es gab auch keinen Streik«, sagte ein Mitarbeiter dem Bericht zufolge. Trotzdem könne ein Flugzeug bis zu zwei Stunden am Boden stehen, ohne abgefertigt zu werden. »Es gibt eine riesige Menge an Arbeit und nicht genügend Personal.« Der Flughafen entlasse jeden Winter erfahrene Mitarbeiter, die kurz vor einer Festanstellung stünden. Im Sommer fehle dann das Personal, um das deutlich höhere Arbeitsaufkommen zu bewältigen.
Die israelische Flughafenbehörde führt die aktuellen Schwierigkeiten allerdings nicht allein auf die Personalsituation zurück. Sie verweist auf eine Kettenreaktion durch die starke Auslastung, die Präsenz von Tankflugzeugen der USA sowie ungewöhnlich viel Flugverkehr über Griechenland und auf weiteren regionalen Routen. Mitarbeiter halten dagegen, dass die personelle Unterbesetzung den Flughafen gerade in einer solchen Ausnahmesituation zusätzlich überfordere.
»Niemand will hier arbeiten«
Wie gravierend die Folgen sind, zeigte sich zuletzt besonders deutlich. Am vergangenen Freitag konnten zahlreiche Passagiere ihre Maschinen nicht verlassen, weil das Gepäck noch nicht verladen war. Gleichzeitig mussten Reisende, die in Israel angekommen waren, teilweise stundenlang auf ihre Koffer warten.
Nach Angaben der Flughafenbehörde ist das Beschäftigungsmodell staatlich genehmigt und entspricht den arbeitsrechtlichen Vorgaben. Hintergrund ist die stark schwankende Auslastung des Flughafens: Während im Sommer sehr viele Mitarbeiter benötigt werden, geht das Flugaufkommen in den Wintermonaten deutlich zurück.
Deshalb gibt es mehrere Beschäftigtengruppen: dauerhaft angestellte Mitarbeiter, befristet Beschäftigte mit Tarifvertrag sowie Arbeitnehmer mit im Voraus vereinbarten Zwei-Jahres-Verträgen. Eine dauerhafte Beschäftigung sämtlicher Mitarbeiter sei angesichts der saisonalen Schwankungen weder wirtschaftlich noch organisatorisch sinnvoll, argumentiert die Behörde.
Entlassung trotz Erfahrung
Die Beschäftigten sehen darin jedoch einen wesentlichen Teil des Problems. Immer wieder würden Mitarbeiter gehen oder entlassen, obwohl sie über Erfahrung verfügten. Die Folge sei, dass im nächsten Sommer neue Kräfte gefunden und eingearbeitet werden müssten.
»Niemand will an einem solchen Ort arbeiten«, sagte ein Beschäftigter. Niemand wolle sich während der härtesten Monate völlig verausgaben und anschließend im Winter seinen Arbeitsplatz verlieren. Während des Krieges mit dem Iran, als der Flughafen zeitweise nur eingeschränkt betrieben wurde, hätten viele Mitarbeiter gekündigt. Die Behörde habe es danach nicht geschafft, genügend Ersatz zu finden. Statt der geplanten 30 seien lediglich 15 neue Mitarbeiter gekommen.
Ein Gepäckabfertiger schilderte die Belastung während der aktuellen Hochsaison. Die Teams müssten gleichzeitig mehrere Maschinen bearbeiten. An einem Tag würden einzelne Mitarbeiter demnach bis zu 14 Flugzeuge abfertigen, während normalerweise vier bis sechs Maschinen pro Schicht üblich seien.
»Körperlich nicht in der Lage«
»Die gesamte Vorgehensweise und der Umgang mit den Beschäftigten sind beschämend«, sagte er laut »Ynet«. Jede Woche würden Mitarbeiter verschwinden. Viele meldeten sich zudem krank, weil sie körperlich nicht mehr in der Lage seien, unter dem enormen Druck weiterzuarbeiten.
Die Leitung des Flughafens bestreitet nicht, dass die Mitarbeiter derzeit erheblich belastet sind. Der kommissarische Leiter des Ben-Gurion-Flughafens, Zohar Gefen, wandte sich zuletzt in einem Schreiben an die Belegschaft und versicherte ihr die Unterstützung der Führung.
»Ich und das gesamte Management stehen voll und ganz hinter euch«, schrieb Gefen. Man werde alles Notwendige tun, um die Beschäftigten zu unterstützen und ihnen die erforderlichen Mittel für ihre Arbeit zur Verfügung zu stellen. Dies gelte sowohl für die Belastungen im August als auch für die Vorbereitung auf mögliche Notfälle.
»An vorderster Front«
Gefen dankte den Mitarbeitern ausdrücklich für ihren Einsatz. Sie stünden »an vorderster Front« und würden Tag für Tag schwierige Aufgaben bewältigen. Durch gemeinsames Handeln, Professionalität und Verantwortungsbewusstsein werde man auch den kommenden Monat bewältigen und weiterhin für die Öffentlichkeit da sein.
Die israelische Flughafenbehörde weist unterdessen einen Zusammenhang zwischen ihrem Beschäftigungsmodell und den aktuellen Verzögerungen zurück. Die entsprechenden Behauptungen seien »sachlich falsch«. Entscheidend sei nicht, ob ein Mitarbeiter befristet oder dauerhaft beschäftigt sei, sondern wie viele Arbeitskräfte tatsächlich zur Verfügung stünden. im