Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Was Henryk Broder immer wieder rettet, ist seine Neugier, seine Ironie und ja, auch seine Empfindlichkeit, wenn es um bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland geht. Foto: Marco Limberg

Wenn im Kreise meist akademisch gebildeter Menschen der Name Henryk Broder fällt, gibt es genau zwei völlig entgegensetzte Reaktionen. Die einen sagen: »Oh, Sie kennen Broder! Das ist ja toll! Erzählen Sie!«. Die anderen stöhnen nur: »Broder? Oh Gott!« In diesem Fall verlässt man möglichst rasch die Lokalität oder redet übers Wetter, besser: Klima und den nächsten Urlaub.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn man mit Henryk Broder unterwegs ist, etwa zu einer Veranstaltung oder Lesung. Ob in der Bahn, auf der Straße oder beim Frühstück im Hotel, immer wieder kommen Leute auf ihn zu und sagen: »Herr Broder, toll, was Sie machen! Weiter so!« Neulich hat sich im ICE sogar der Zugchef ihm gegenübergesetzt und sein segensreiches Wirken gepriesen. Das sollte mal Friedrich Merz passieren.

Broders wahre Heimat ist sein kleiner Laptop, sein Lebenselixier, seine Wunderwaffe, um sich auszudrücken, zu wirken, zu sein.

Als Broder einmal an einer roten Ampel am Potsdamer Platz hielt, stürzte ein Polizeibeamter auf seinen Wagen zu: »Oh Gott, was hab ich falsch gemacht«, fragte sich Broder. »Werde ich jetzt festgenommen, geht es wieder los?«. Nein, der Polizeibeamte reckte den großen Daumen und sagte: »Machen Sie weiter so!«

Als vor Jahresfrist auf der Autobahn sein alter Volvo streikte und wir einen ultimativen Nothalt einlegen mussten, kamen immer wieder Leute auf ihn zu, die ihn erkannten und fachmännisch in den dampfenden Motorblock schauten. Die Rettung war, dass der Chef von »Autoland« auch ein eingeschriebener Broder-Fan ist.

Nach einigen Telefonaten kam ein Ersatzwagen, und die Reise ins Oberfränkische konnte weiter gehen. Natürlich musste vorher noch der umfangreiche Reiseproviant umgepackt werden, darunter seine geliebten de-Beukelaer-Kekse. Wer weiß schon, wann Nachschub kommt.

So einen wie Henryk Broder wird es nicht mehr geben.

All das wird Zeitgenossen irritieren, die in Broder nur den zynischen Polemiker und angeblich reaktionären, dazu »islamophoben« Quälgeist sehen, der Klassiker eines jüdischen »Asphaltliteraten«. Tatsächlich aber ist er jemand, der sehr vielen Menschen in diesem Land aus dem Herzen spricht.

Dazu kommt: Ihm ist, jenseits der branchenüblichen Eitelkeit, jeder Dünkel gegenüber den »normalen Leuten« fremd. Im Gegenteil: Der obligatorische Gang zu Aldi oder Edeka lässt ihn eher aufatmen. Fast überall ganz normale Menschen, die vielleicht nicht einmal wissen, was »Maischberger« oder »Miosga« bedeutet.

So ist es kein Wunder, dass er keine Zeile mehr unterbringen kann in den ehemaligen Leitmedien, für die er lange Zeit geschrieben hat, vor allem den SPIEGEL, dessen intellektuellen Niedergang man nur mit ungläubigem Staunen verfolgen kann.

Die einen sagen: »Oh, Sie kennen Broder! Das ist ja toll! Erzählen Sie!«. Die anderen stöhnen nur: »Broder? Oh Gott!«

Was Henryk Broder immer wieder rettet, ist seine Neugier, seine Ironie und ja, auch seine Empfindlichkeit, wenn es um bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland geht. Er ist eine Art Kolibri im Bergwerk von Germanistan, der auch dann Alarm schlägt, wenn noch kein Gas ausgetreten ist. Seine frühen Warnungen vor linkem Antisemitismus und einem Islam, der sich in Europa immer größere Räume erobert, während er sich radikalisiert, haben viele nicht ernst genommen.

Unvergessen ist mir seine Laudatio auf Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Ehrenpreises in der Frankfurter Paulskirche. Am Ende seiner Rede, in deren Mittelpunkt die tödliche Gefahr für Israel durch die iranische Atombombe stand, verließ er das Podium und umarmte Reich-Ranicki, der damals schon im Rollstuhl saß.

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Und noch eine Anekdote, die etwas über seinen Charakter verrät: Zu Zeiten, als wir beide Redakteure beim Spiegel waren, kam er immer wieder spontan ins Kultur-Ressort in Hamburg und brachte den Sekretärinnen Konfekt oder Blumen mit. Natürlich kann das von seinen linken Kritikern als typisches Zeichen seiner reaktionären, rückwärtsgewandten Gesinnung gewertet werden. Alle anderen progressiven Kollegen vermieden solche Gesten und sparten sich die Blumen.

Dabei ist die Wahrheit ganz einfach. Während beim Spiegel die alte Augstein-Parole »Sagen, was ist« immer mehr in Richtung »Sagen, wie es richtig sein muss« tendiert, bleibt Henryk Broder der minutiöse Protokollant des täglichen Irrsinns, dem er selbst immer nur einigermaßen entkommt, indem er ihn notiert. So ist seine wahre Heimat weder Polen, von wo er mit zwölf Jahren samt der überlebenden Familie nach Deutschland kam, noch die Bundesrepublik, Israel, Island oder Amerika. Es ist sein kleiner Laptop, sein Lebenselixier, seine Wunderwaffe, um sich auszudrücken, zu wirken, zu sein.

Deshalb hoffen wir, dass es noch lange dauert, bis man am Ende feststellen muss: So einen wie ihn wird es nicht mehr geben.

Der Autor ist freier Publizist. Zuletzt erschien von ihm als Herausgeber das Buch »Wenn das Denken die Richtung ändert: Warum wir nicht mehr links sind« (Kohlhammer).

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