Tel Aviv

NGO warnt vor Begnadigung Netanjahus

Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu Foto: copyright (c) Flash90 2025

In Israel wächst der Widerstand gegen eine mögliche Begnadigung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Die regierungskritische, als liberal geltende Organisation Movement for Quality Government hat sich in einem Schreiben an Kulturminister Amichai Eliyahu gewandt und ihn aufgefordert, von einer entsprechenden Empfehlung an Staatspräsident Isaac Herzog abzusehen. »The Times of Israel« berichtete.

Der Hintergrund: Eliyahu hatte signalisiert, sich für eine Begnadigung aussprechen zu wollen, obwohl die zuständige Abteilung im Justizministerium zu dem Schluss kam, dass Netanjahus Antrag die gesetzlichen Voraussetzungen nicht erfüllt. Justizminister Yariv Levin hatte die Zuständigkeit für das Verfahren zuvor wegen möglicher Befangenheit an Eliyahu übertragen.

Movement for Quality Government warnte, eine Begnadigung während eines laufenden Strafverfahrens würde grundlegende Prinzipien des Rechtsstaats untergraben. »Eine Begnadigung für den Ministerpräsidenten, während das Strafverfahren noch läuft und entgegen der Haltung der Fachbehörden, würde dem Rechtsstaat und der Gewaltenteilung schweren Schaden zufügen«, heißt es in dem Schreiben.

Ungewöhnlicher Schritt

Netanjahu hatte bereits im November einen entsprechenden Antrag gestellt, obwohl sein Korruptionsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Gegen ihn wird unter anderem wegen Bestechung sowie wegen Betrugs und Untreue in mehreren Fällen verhandelt.

Lesen Sie auch

Begnadigungen vor einem rechtskräftigen Urteil sind in Israel äußerst selten. Zwar existieren einzelne Präzedenzfälle, doch setzte das Oberste Gericht in der sogenannten Barzilai-Entscheidung von 1986 klare Maßstäbe. Demnach kommen solche Schritte nur infrage, wenn die Betroffenen die ihnen vorgeworfenen Taten einräumen – was Netanjahu bislang nicht getan hat.

Das Verfahren sieht vor, dass mehrere Stellungnahmen eingeholt werden: Neben der Begnadigungsabteilung des Justizministeriums und dem zuständigen Minister gibt auch die Rechtsabteilung des Präsidenten eine Einschätzung ab. Am Ende liegt die Entscheidung allein beim Staatspräsidenten, der formal nicht an die Empfehlungen gebunden ist.

Eliyahu stellt juristische Bewertung infrage

Eliyahu selbst hatte dem »Times of Israel«-Bericht zufolge in den vergangenen Tagen deutliche Kritik an der juristischen Einschätzung geäußert. Er sprach von einem »tiefen Versagen der Perspektive« und warf der »juristischen Bürokratie« vor, ein außergewöhnliches politisches Ereignis mit den Maßstäben eines gewöhnlichen Strafverfahrens zu bewerten.

Zugleich argumentierte er, das Begnadigungsrecht stehe außerhalb des regulären Justizsystems. Kritiker sehen darin ein Indiz, dass der Minister die ablehnende Haltung der Fachbehörden ignorieren und eine positive Empfehlung aussprechen könnte.

Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch politischen Druck aus den USA. Präsident Donald Trump sprach sich wiederholt für eine Begnadigung Netanjahus aus. Der US-Präsident kritisierte und beschimpfte Herzog öffentlich, weil dieser bislang keine entsprechende Entscheidung getroffen hat. im

Nachrichten

Auszählung, Expats, Einmischung

Kurzmeldungen aus Israel

von Sophie Albers Ben Chamo  28.10.2026

Israel

Dafür stehen die arabischen Parteien in Israel

Die arabisch geprägten Parteien in Israel haben bei der Parlamentswahl überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Wofür setzen sie sich ein, was sind ihre Ziele?

 28.10.2026

Knesset-Wahl

Die arabische Antwort auf Ben-Gvir

Die israelischen Araber wehren sich mit dem Stimmzettel gegen den Sicherheitsminister – und könnten zum Königsmacher der nächsten Knesset werden

von Sabine Brandes  28.10.2026

Meinung

In der Sackgasse?

Sabine Brandes wünscht sich nach den Wahlen für Israel neue Bündnisse – trotz aller Schwierigkeiten

von Sabine Brandes  28.10.2026

Analyse

Israel steckt mal wieder im Patt

Der rechte Block gewinnt bei der Auszählung an Boden. Doch weder Regierungslager noch Opposition haben eine klare Mehrheit – und die arabischen Parteien werden zum entscheidenden Faktor

von Sabine Brandes  28.10.2026

Jerusalem

Demokraten-Chef fordert Koalition mit arabischen Parteien

Bei Israels Richtungswahl liegt Netanjahus Lager vorn, verfehlt aber die Mehrheit. Der Chef der Linksliberalen fordert eine Koalition der Opposition mit Beteiligung arabischer Parteien

 28.10.2026

Jerusalem

Israels Wahlergebnis bleibt offen, mehr als die Hälfte der Stimmen ausgezählt

Mit wie vielen Sitzen kann das Netanjahu-Lager rechnen? Wie sieht das bisherige Ergebnis der Opposition aus?

 28.10.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Bis zu 650.000 »Sonderstimmen« könnten Israels Wahlergebnis noch verändern

Die Stimmen von Soldaten, Reservisten und weiteren Wahlberechtigten, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abstimmen konnten, müssen noch einbezogen werden

 28.10.2026

Jerusalem

Eisenkot will rasch neue Regierung in Israel bilden

Netanjahus Lager verliert die Mehrheit, doch auch Ex-Militärchef Eisenkot kann mit seinem Lager nicht allein regieren. Dennoch erklärt er, schon bald eine Koalition schmieden zu wollen

 28.10.2026