Mehr als die Hälfte der Israelis fühlt sich nach dem 7. Oktober unwohl bei dem Gedanken, im Ausland ihre Nationalität offen zu nennen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Center for Jewish Impact hervor. Demnach haben die veränderte Sicherheitslage, zunehmender Antisemitismus und die wachsende Ablehnung Israels auch das Reiseverhalten vieler Menschen beeinflusst.
52 Prozent der Befragten gaben israelischen Medienberichten zufolge an, zumindest teilweise Bedenken zu haben, sich auf Reisen als Israelis zu erkennen zu geben. 41 Prozent erklärten zudem, ihr Verhalten im Ausland seit dem 7. Oktober verändert zu haben. Dazu gehören demnach Änderungen bei Reisezielen, die Absage geplanter Reisen oder der Verzicht auf bestimmte Aktivitäten.
Die Erhebung, die im August durchgeführt wurde, beschäftigte sich neben dem Verhältnis Israels zur Welt auch mit gesellschaftlichem Zusammenhalt, religiösen Spannungen und den Beziehungen zur jüdischen Diaspora.
Wenig Erfolgreich
Besonders kritisch fällt die Einschätzung der israelischen Außenkommunikation aus. Zwar bewerten 64 Prozent der Befragten das strategische Verhältnis zu den USA als stark. Gleichzeitig sind jedoch nur 23 Prozent der Meinung, Israel vermittle seine politischen Positionen gegenüber einem internationalen Publikum wirksam. Insgesamt halten 70 Prozent die israelische Öffentlichkeitsarbeit im Ausland für wenig erfolgreich.
Die Ergebnisse stehen vor dem Hintergrund eines international zunehmend schwierigen Umfelds für Israel. Antisemitische Vorfälle und antiisraelische Stimmungen haben in zahlreichen Ländern zugenommen. Gleichzeitig hat sich das Verhältnis Israels zu mehreren Staaten verschlechtert.
Trotz der pessimistischen Einschätzungen glauben die meisten Befragten nicht, dass Israels Ansehen in der Welt dauerhaft beschädigt sein muss. 33 Prozent sehen eine langfristig angelegte Strategie für internationale Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit als wichtigsten Schritt, um das Image des Landes zu verbessern. Weitere 25 Prozent setzen vor allem auf Veränderungen bei politischen Entscheidungen und der Regierungsarbeit.
Israel und Diaspora
Nur 14 Prozent sind der Ansicht, Israels internationale Stellung lasse sich kaum noch wesentlich verbessern.
Ein weiteres Ergebnis betrifft das Verhältnis zwischen Israel und den jüdischen Gemeinden außerhalb des Landes. 70 Prozent sprechen sich dafür aus, dass Israel mehr Mittel für jüdische Gemeinschaften in der Diaspora bereitstellt. 26 Prozent würden diese Unterstützung vor allem zur Förderung der Einwanderung nach Israel einsetzen. 23 Prozent sehen den Schutz und die Sicherheit jüdischer Gemeinden als wichtigste Aufgabe, während 17 Prozent Hilfen für Organisationen der Zivilgesellschaft bevorzugen.
Auch bei der Frage nach dem inneren Zustand Israels zeigt sich ein gemischtes Bild. 73 Prozent der Befragten halten es weiterhin für möglich, dass die israelische Gesellschaft zusammenfindet. Im Februar waren es 67 Prozent. Damit wurde in dieser seit einiger Zeit laufenden Untersuchung der bislang höchste Wert erreicht.
Jüdisch-arabisches Zusammenleben
Allerdings bestehen erhebliche Zweifel an der konkreten Fähigkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen, miteinander auszukommen. Nur 64 Prozent glauben, dass säkulare Israelis und ultraorthodoxe Juden dauerhaft zusammenleben können. Noch skeptischer fällt die Einschätzung des jüdisch-arabischen Zusammenlebens aus: Lediglich 42 Prozent halten dies für möglich.
Robert Singer, Vorsitzender des Center for Jewish Impact, sieht darin ein grundsätzlich positives Signal, aber zugleich einen deutlichen Handlungsauftrag. »Die Daten zeigen eine israelische Gesellschaft, die fest an ihre Fähigkeit glaubt, zusammenzustehen, zugleich aber erkennt, wie lang der Weg noch ist.«
Dass eine große Mehrheit grundsätzlich an gesellschaftlichen Zusammenhalt glaube, sei eine wichtige Quelle des Optimismus, erklärte Singer. Gleichzeitig müsse die große Lücke zwischen dem allgemeinen Wunsch nach Einheit und dem Vertrauen in ein tatsächliches Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen »sofortiges Handeln« auslösen.
»Großes Warnsignal«
Auch die Ergebnisse zur Wahrnehmung Israels im Ausland seien ein Warnsignal. »Dass die meisten Israelis unzufrieden damit sind, wie Israel auf der internationalen Bühne auftritt, und dass mehr als die Hälfte Angst davor hat, sich im Ausland als Israelis zu erkennen zu geben, muss ein großes Warnsignal sein«, sagte Singer.
Er forderte die israelische Regierung auf, möglichst schnell eine langfristige Strategie zu entwickeln. Diese müsse sowohl den gesellschaftlichen Zusammenhalt innerhalb Israels stärken als auch die internationale Position des Landes und die Beziehungen zur jüdischen Welt verbessern. im