Iran

Krieg auf Eis gelegt

Nahe Jericho im Westjordanland eingeschlagen: eine iranische Rakete Foto: Flash 90

Nach zwei Monaten des fragilen Waffenstillstands geriet die Konfrontation zwischen Israel und dem Iran innerhalb weniger Stunden erneut außer Kontrolle. Auslöser war ein israelischer Luftangriff auf Ziele der Hisbollah in Dahiyeh, dem schiitischen Vorort Beiruts und zugleich Machtzentrum der vom Iran unterstützten Terrororganisation. Israel wollte deutlich machen, dass die anhaltenden Raketen- und Drohnenangriffe auf den Norden Israels nicht unbeantwortet bleiben.

Doch diesmal blieb die Reaktion nicht auf den Libanon beschränkt. Am Sonntagabend heulten im Norden Israels erneut die Sirenen. Gegen 22 Uhr feuerte der Iran rund zehn ballistische Raketen auf israelische Ortschaften ab. Wieder mussten die Menschen in Schutzräume rennen. Nach Angaben der israelischen Armee wurden sämtliche Raketen abgefangen oder schlugen in unbewohnten Gebieten ein. Außer einer älteren Frau, die auf dem Weg zu einem Bunker verunglückte, gab es keine Verletzten.

Teheran erklärte, es sei eine Vergeltungsmaßnahme für den israelischen Schlag gegen die Hisbollah in Beirut gewesen.

Dennoch war die politische Botschaft eindeutig: Erstmals seit dem Waffenstillstand vom April griff der Iran Israel wieder direkt an. Teheran erklärte, es sei eine Vergeltungsmaßnahme für den israelischen Schlag gegen die Hisbollah in Beirut gewesen. Israelische Sicherheitsexperten sehen darin die eigentliche strategische Veränderung: Jahrelang hatte Israel versucht, die Konflikte in Gaza, Libanon, Syrien und Iran voneinander zu trennen. Teheran will sie zusammenführen. Die Botschaft lautet jetzt: Wer die Hisbollah in Beirut angreift, muss künftig mit einer direkten Antwort aus dem Iran rechnen.

Israel will den permanenten Beschuss seiner Bürger nicht länger hinnehmen.

Die regierungsnahe Tageszeitung »Isra­el Hayom« sprach von einer »gefährlichen strategischen Falle«. Der Iran habe eine neue Abschreckungsformel geschaffen. Militärschläge gegen die Hisbollah könnten künftig Raketen aus Iran und möglicherweise auch Attacken der Huthi-Miliz im Jemen nach sich ziehen. Der erste Angriff auf das Zentrum Israels geschah dann auch am Montagmorgen, und zwar tatsächlich aus dem Jemen. Es folgten Raketen aus dem Iran.

So erreichte die Krise wieder den Alltag der Bevölkerung. Landesweit wurden die Schulen geschlossen, Konzerte, Kulturveranstaltungen und die israelische Buchwoche abgesagt oder verschoben. Unmittelbar nach den Raketenangriffen der Mullahs in Teheran erklärte Generalstabschef Eyal Zamir: »Die IDF (israelische Armee, Anm. d. Red.) wird den Feind mit voller Kraft treffen, sobald die Genehmigung vorliegt.« Innerhalb der israelischen Regierung mehrten sich die Forderungen nach einem harten Gegenschlag.

Doch in diesem Moment schaltete sich US-Präsident Donald Trump ein. Noch bevor er mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu telefonierte, machte er öffentlich klar, dass er eine weitere Eskalation verhindern wolle. »Ich werde Bibi jetzt anrufen und ihm sagen, dass er nicht zurückschlagen soll«, so seine Worte. »Israel hatte seinen Angriff, Iran hatte seinen Angriff. Wir brauchen keinen weiteren.«

Seit Wochen verfolgt Trump eigenen Aussagen zufolge das Ziel, mit Teheran ein umfassendes Abkommen zur Beendigung des Krieges auszuhandeln. Immer wieder heißt es, dass die Verhandlungen kurz vor einem Durchbruch stehen würden. »Wir sind sehr nah an einem Deal«, sagte Trump während der militärischen Eskalation. »Und jetzt passiert das …«

Wie israelische Medien später berichteten, sei die Lage dramatischer gewesen, als zunächst bekannt wurde. Die israelische Luftwaffe hatte bereits Kampfflugzeuge in der Luft und soll sich in Bereitschaft befunden haben. Laut dem öffentlich-rechtlichen Sender »Kan« hatte Netanjahu am Montagnachmittag einen deutlich größeren Angriff genehmigt.

Dann klingelte das Telefon. Nach Angaben mehrerer Medien führte Trump gleich mehrere Gespräche mit Netanjahu. Dabei habe er deutlich gemacht, dass Washington eine weitere Eskalation verhindern wolle. Gegenüber dem israelischen Journalisten Barak Ravid drohte Trump sogar: »Bibi, du solltest vorsichtig sein, sonst wirst du sehr bald allein dastehen.«

Kurz darauf wurde der US-Präsident gegenüber der BBC noch deutlicher. »Wenn ich ihm etwas sage, dann macht er es.« Und in der »Financial Times« hob er in Bezug auf Israels Premier noch einmal hervor: »Ich bestimme die Richtung. Ich bestimme alles. Er bestimmt nicht.«

In Israel wurden diese Sätze aufmerksam registriert. Das Vertrauen der Israelis in Trumps Unterstützung für die Sicherheit des jüdischen Staates ist deutlich gesunken. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Israel Democracy Institute halten nur noch 44 Prozent der Befragten die »Sicherheit Israels« für ein zentrales Anliegen des US-Präsidenten. Im März waren es noch 60 Prozent.

Und so war 100 Tage nach Beginn der gemeinsamen amerikanisch-israelischen Offensive gegen den Iran klar: Die beiden engsten Verbündeten verfolgen ganz unterschiedliche Prioritäten. Für Israel steht weiterhin die Abschreckung gegenüber dem Iran und der Hisbollah im Mittelpunkt. Für Trump dagegen hat die diplomatische Beendigung des Konflikts Vorrang.

Am Montagnachmittag signalisierten Israel und der Iran Zurückhaltung. Doch die vorläufige Ruhe täuscht.

Schließlich erklärte sich Netanjahu bereit, die vorbereitete Großoperation nicht durchzuführen. Der bereits genehmigte Angriff wurde in letzter Minute gestoppt. Anschließend bemühte er sich, die Differenzen mit Washington herunterzuspielen. »Wir stehen auf derselben Seite wie der Präsident«, soll der Premier intern erklärt haben. Doch ein amerikanischer Regierungsvertreter fasste es gegenüber dem amerikanischen Nachrichtenportal Axios so zusammen: »Bibi braucht die Fortsetzung des Krieges, um politisch in Israel zu überleben. Trump braucht sein Ende, um politisch in den USA zu überleben.«

Ganz ohne Reaktion blieb der iranische Raketenbeschuss dennoch nicht. In der Nacht auf Montag griff die israelische Luftwaffe Ziele im Iran an. Nach Angaben der Armee wurden Luftverteidigungs­systeme sowie militärische Einrichtungen getroffen. Die Reaktion fiel allerdings deutlich moderater aus als die ursprünglich vorbereitete Operation.

Am Montagnachmittag signalisierten Israel und der Iran Zurückhaltung. Doch die vorläufige Ruhe täuscht. Die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon gehen weiter. Die israelische Luftwaffe griff erneut Ziele der Terrororganisation im Südlibanon und Beirut an. Die Schiiten-Terrormiliz reagierte ihrerseits mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Nordisrael. Gleichzeitig wurden auch die Vereinigten Staaten stärker in die Auseinandersetzung hineingezogen. Nach dem Abschuss eines amerikanischen Militärhubschraubers durch mit Iran verbündete Kräfte reagierte Washington mit Vergeltungsschlägen.

Somit sind weder der Konflikt zwischen Israel und der Hisbollah noch die grundlegenden Spannungen zwischen Jerusalem und Teheran verschwunden. Die jüngste Eskalation wurde vielmehr zu einem Lehrstück über die veränderten Machtverhältnisse im Nahen Osten. Die grundlegenden Probleme bleiben ungelöst. Der Iran bedroht nach wie vor Israels Existenz, die verbündete Hisbollah greift den Norden des Landes weiterhin an. Der Krieg ist auf Eis gelegt – mehr nicht.

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