Israel

»Ich habe keine Angst, aber ich bin besorgt«

Noam Shaham Foto: Noam Shaham

Israel

»Ich habe keine Angst, aber ich bin besorgt«

Noam Shaham lebt mit seiner Familie bei Tel Aviv. Ein Gespräch über Nachrichten, Sorgen und Freitagabend

von Katrin Richter  13.06.2025 12:59 Uhr

Noam und ich kennen uns seit vielen Jahren. Mit seiner Frau und den gemeinsamen Kindern lebt der Rechtsanwalt bei Tel Aviv. Am Freitagmorgen haben wir kurz geschrieben und uns dann zu einem Videocall über WhatsApp verabredet. Noam war kurz zuvor einkaufen, jetzt ist er zu Hause.

Noam, wie geht es dir?
Weißt du, es ist irgendwie seltsam, diese Situation. Wir sind ja leider daran gewöhnt. Wenn die Realität verrückt wird, versuchen wir, immer noch so zu tun, als wäre alles normal. Solange nicht das Haus oder irgendetwas in der Nähe getroffen wird. Wenn Raketen näher kommen oder der Alarm losgeht, dann wird es ein bisschen stressiger, aber bis dahin sitzen wir hier einfach, wir warten, kochen, essen, sehen fern – so irgendwie. Meine Frau war auf dem Weg von Paris nach Tel Aviv, aber ihr Flug wurde nach Athen umgeleitet. Wir wissen noch nicht, wann sie hier sein wird.

Wie bist du heute Morgen aufgewacht?
Ich war erst gegen 2.30 Uhr zu Hause, weil ich zusammen mit Freunden Poker gespielt habe. Ich wusste, dass irgendetwas in der Luft lag, das können Gerüchte sein oder Psychospielchen, aber man weiß ja nie. Daher war ich jedenfalls erst spät zu Hause. Um drei Uhr gab es einen Alarm. Einen sehr lauten. Wir sind ja daran gewöhnt, dass es Alarm gibt, aber wenn Raketen aus dem Jemen kommen, dann schlafen wir einfach weiter, weil wir uns nicht bedroht fühlen. Dieser Alarm war jedoch anders. Also haben wir sofort den Fernseher angemacht.

Seid ihr dann in den Schutzraum gegangen?
Wir selbst haben keinen in der Wohnung. Wir haben einen Schutzraum im Untergeschoss, und normalerweise gehen wir nur in den Hausflur. Wir haben dann gesehen, dass es einen großen Angriff der israelischen Luftwaffe auf den Iran gab, und dann sind wir einfach in der Nähe des Fernsehers geblieben, ungefähr eine Stunde lang, um herauszufinden, was los ist. Die Empfehlungen lauteten, dass man wachsam bleiben sollte. Im Grunde genommen hat man bei einem Angriff aus dem Iran, zum Beispiel einem Drohnenangriff, ein paar Stunden Zeit, bis man davon erfährt, und dann brauchen wir etwa sieben Minuten, um in den Schutzraum zu gehen. Ich habe den Kindern einfach gesagt, habt etwas bei euch, falls wir in den Keller gehen müssen, etwas Wasser, etwas zu essen. Im Schutzraum haben wir auch eine Matratze, wir können auch den Hund dorthin mitnehmen.

Du warst gerade noch kurz einkaufen. Wie war die Stimmung?
Es war voll, aber nicht wahnsinnig voll, niemand hat gedrängelt, ein bisschen nervös sind alle, die Schlangen sind lang, aber das ist auch alles. Es gibt Nachschub für alles, es fehlt an nichts. Bei uns in der Nähe gibt es jede Menge kleinere Läden, die sind auch offen, aber man sieht heute nicht viele Leute auf der Straße. Alles für heute ist abgesagt worden. Eigentlich wollte ich trainieren gehen, abgesagt; wir wollten zu einer Hochzeit, alles abgesagt.

Noam, hast du Angst?
Nein, ich habe keine Angst; ich bin besorgt wegen der Situation. Was wird nun kommen? Wir sind seit fast mehr als eineinhalb Jahren in einer Kriegssituation. Und der Krieg, er kommt in Wellen. Wir haben den Krieg in Gaza, im Libanon. Jetzt im Iran, das ist aber eine andere Nummer. Der Iran ist immer noch ein sehr starkes Land mit sehr schlechten Absichten. Es zieht die Fäden hinter allem, was mit Terroranschlägen auf Israel zu tun hat. Die Hisbollah und die Hamas werden durch ihn ausgebildet, werden mit Waffen ausgerüstet. Ich sehe nicht, dass sie jetzt wegen eines Angriffs einen Rückzieher machen. Ich hoffe, dass wir die Überlegenheit in strategischen und militärischen Fragen haben. Trotzdem ist es eine Situation, in der wir noch nie waren. Einen direkten Krieg zwischen Israel und dem Iran hat es noch nie gegeben.

Im vergangenen Jahr gab es bereits einen Angriff.
Ja, das war ziemlich beunruhigend, aber es war nur ein einziges Mal und eher so wie: »Ich schlage dich, du schlägst mich zurück«, und dann war es nach einem Tag vorbei. Jetzt kann es wochenlang dauern. Ich mache mir einfach Sorgen über die kurzfristigen Konsequenzen. Ich hoffe, dass es nicht viele Opfer gibt und nicht so viel Schaden entsteht. Weißt du, ich wurde kurz nach dem Jom-Kippur-Krieg geboren. Mein Vater kämpfte in diesem Krieg, wurde verwundet. Ich wurde einen Tag, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, geboren. Wir wissen also, wie es ist, in einem Land zu leben, das vom Krieg bedroht ist. Ich war in der Armee und habe im Libanon und in Gaza gedient. Wir wissen also, wie es ist zu kämpfen. Aber dieses Mal ist es anders.

Kannst du das kurz beschreiben?
Seit einigen Jahren hat man das Gefühl, dass Israel isoliert wird. Vor zehn oder 15 Jahren hat die westliche Welt den Konflikt als einen zwischen dem Westen und dem extremen islamischen Terror gesehen. Jetzt scheinen viele Menschen den Konflikt als einen geografischen Konflikt zu sehen, der das große Ganze nicht berücksichtigt und Israel in vielerlei Hinsicht als Aggressor sieht.

Wie gehst du damit um?
Ich fühle mich nicht mehr so sicher, wie ich mich sonst gefühlt habe. Ich bin in einem Land aufgewachsen, das sich im Krieg befindet und kämpft, aber ich habe mich immer sicher gefühlt. Mir war immer klar, dass ich hierbleiben werde, trotz der Probleme. Aber jetzt fühle ich eine Art Unsicherheit, weil ich merke, dass Israel sehr isoliert ist. Und weil es nicht sehr viel Mitleid geben wird, wenn Israel etwas zustößt. Und alles begann mit einem der schrecklichsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das jemals begangen wurde, dem 7. Oktober 2023. Menschen wie du und ich wurden in ihren Häusern auf die brutalste, schrecklichste und bösartigste Art und Weise, die man sich vorstellen kann, abgeschlachtet. Seitdem ist alles eskaliert. Und die Menschen außerhalb Israels verstehen es nicht, oder sie können den Bruch, der an diesem Tag passiert ist, nicht nachvollziehen. Das Ernüchternde ist, dass ich nicht einmal dagegen ankämpfen kann. Klar schreibe ich manchmal auch etwas in den sozialen Medien, reagiere auf andere, aber es ist so, als ob man versucht, den Ozean mit einem Löffel zu leeren.

Wie konnte es deiner Meinung nach so weit kommen?
Ich gebe auch der Regierung hier die Schuld, weil wir eine extremistische Regierung haben, die mit dieser Situation auf die schlimmste Art und Weise umgeht, die ich mir vorstellen kann. Ich hoffe, dass sich der Wind einfach sehr schnell dreht. Das kann auch passieren, und ich glaube, dass diese Eskalation in gewisser Weise wieder rückgängig gemacht werden kann, aber wir brauchen die richtigen Leute hier. Unsere derzeitigen Politiker haben einen ganz schlechten Ruf.

Es gab heute Morgen eine Erklärung von Premierminister Benjamin Netanjahu. Hast du sie dir angesehen?
Nein, ich habe seit eineinhalb Jahren keine von Netanjahus Reden angeschaut. Wenn es hoch kommt, dann vielleicht nur für eine Sekunde. Aber wenn ich weiß, dass er im Fernsehen ist, dann schaue ich nicht hin. Es ist mir egal, was er sagt. Ich habe kein Interesse daran. Ich habe kein Vertrauen in ihn. Er ist ein furchtbarer Politiker, und er hat dieses Land ruiniert.

Wie beenden wir unser Gespräch? Du hattest vorhin gesagt, dass du noch kochen wolltest. Was gibt es?
Ich denke, nichts Ausgefallenes, Hausmannskost. Gemüsesuppe, Couscous, Schnitzel. Ich werde improvisieren. Ich habe Veganer und Vegetarier zu Hause, mein ältestes Kind ist vor einem Monat ausgezogen und ist heute hier. Und deswegen erfülle ich den Wunsch, Couscous zu machen. Und ansonsten bleiben wir einfach hier.

Mit Noam Shaham sprach Katrin Richter.

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