Mitten in Frankfurt steht ein großes Hilton-Hotel, das einem iranischen Multimillionär und mutmaßlichen Finanzier des Teheraner Mörderregimes gehört. Das Hilton Frankfurt City Centre bietet eine schöne Aussicht auf die Skyline der Bankenmetropole. Eine Übernachtung in der Presidential Suite kostet mehr als 1000 Euro.
Indirekt zahlen die Gäste, ohne es zu wissen, damit in die Taschen des Unternehmers Ali Ansari, der engste Verbindungen mit dem iranischen Mullah-Regime pflegt und dabei ein großes Vermögen angehäuft hat.
Vor vier Wochen hat eine Recherche der »Financial Times« aufgedeckt, dass Ali Ansari in Europa - über ein Geflecht aus Offshore-Firmen und Holdings – ein Immobilienimperium im Wert von etwa 400 Millionen Euro erworben hat. Dazu gehören mehrere Villen und Luxusanwesen in London, das erwähnte Hilton Frankfurt City Centre, das Hilton Frankfurt Gravenbruch, ein ehemaliges Kempinski-Luxushotel, in dem früher auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gerne nächtigte, eine Beteiligung an einem Steigenberger-Golfhotel auf Mallorca, ein Einkaufszentrum in Oberhausen und noch manches mehr.

Brisant: Die britische Regierung hat Ansari als »korrupten Banker und Geschäftsmann« unter Sanktionen gestellt und seine Vermögenswerte auf der Insel im geschätzten Wert von 150 Millionen Euro im vergangenen Oktober eingefroren. London begründet dies mit der Nähe des Iraners zu den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC). Ansari habe »feindselige Aktivitäten« der IRGC finanziert und ermöglicht. An deren Händen klebt viel Blut. Im Januar haben IRGC und Basidsch-Milizen die Massenproteste brutal niedergeschlagen, was nach Schätzungen bis zu 30.000 Todesopfer kostete.
Hinter Ali Ansaris Immobilienanlagen, und das ist noch viel brisanter, soll laut einer Recherche der Nachrichtenagentur Bloomberg letztlich eine weitaus mächtigere Figur stehen: Ansari sei Strohmann für Mojtaba Khamenei, den zweitältesten Sohn von Ajatollah Ali Khamenei. Mojtaba Khamenei gilt als Favorit für die Nachfolge des greisen iranischen Obersten Führers.
Fachleute gehen davon aus, dass der Khamenei-Sohn ein geheimes privates Vermögen von mehreren Milliarden Dollar steuert. Das Geld stammt aus Geschäften bei der Umgehung von Sanktionen, aus dem Unternehmensreich der IRGC und den religiösen Stiftungen (Bonyads), die große Teile der iranischen Volkswirtschaft kontrollieren. Dazu gehören etwa die »Stiftung der Unterdrückten und Kriegsveteranen« und Setad (»Ausführung des Befehls von Imam Khomeini«) – eine Milliardenmaschine mit Beteiligungen an Banken, Versicherungen, Telekom-, Energie-, Pharma- und Baukonzernen.
Ali Khameneis Wirtschaftsimperium soll bis zu 200 Milliarden Dollar schwer sein. Der »Oberste Führer« tritt zwar öffentlich in einfachen Gewändern und mit abgenutzten Sandalen auf; seine Söhne haben gewaltige Vermögen beiseitegeschafft.
Spätestens seit die EU die IRGC als Terrororganisation eingestuft hat, müsste sie auch ein kritisches Auge auf das Firmen- und Immobilienvermögen von Ali Ansari werfen. Nach Informationen der »FAZ« haben deutsche Nachrichtendienste damit angefangen. Doch bislang ist offiziell nichts geschehen. Weder Brüssel noch Berlin haben Sanktionen verhängt.
Erstaunlich ist auch, wie gering das deutsche Medienecho auf die Enthüllungen zum Immobilien- und Hotelbesitz eines mutmaßlichen Finanziers der terroristischen Mullah-Regimes ist. Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD), dessen Eltern aus dem Iran stammen, äußerte sich kritisch.
Es gab eine kleine abendliche Demo der Jusos Hessen Süd vor dem Frankfurter Hilton-Hotel. Aber es war eine Minikundgebung. Kein Vergleich etwa zu den großen Hass-Protesten, die es von »pro-palästinensischer« Seite immer wieder gegen israelische Einrichtungen gibt. Die Empörung über das mörderische iranische Regime bleibt seltsam verhalten.
Der Hilton-Konzern will die Sache offenbar durch Schweigen aussitzen. Auf mehr als ein Dutzend Anfragen zur Geschäftsbeziehung mit Ansari-Unternehmen hat sich die US-Hotelkette nicht offiziell geäußert. Hinter vorgehaltener Hand heißt es nur, der Fall sei »sehr komplex«.
Schmerzhaft ist für die Frankfurter Hotels nur, dass der Buchungskonzern Booking.com sie auf seinem Portal gesperrt hat. Das bedeutet Umsatzeinbußen im zweistelligen Prozentbereich.
Ali Ansari lässt über seinen Londoner Anwalt Roger Gherson jede Verbindung mit den Revolutionsgarden und mit Mojtaba Khamenei bestreiten. Das erscheint jedoch völlig unglaubwürdig. Es ist ein »offenes Geheimnis« in Iran, dass Ansari engste Beziehungen zu den Spitzen des Staates, zum Khamenei-Clan und zur Revolutionsgarde unterhalte, betont Farzim Nadimi vom Washington Institute for Near East Policy, der seit Jahren die Finanzen der iranischen Macht-Elite untersucht.
Bloomberg nennt Ansari »Khameneis Geldmann«. In Ansaris 50.000-Quadratmeter-Anwesen zwischen Teheran und Karadsch verkehrten IRGC-Oberkommandeur Mohammad Pakpour, der Polizeisprecher, der Vertreter des Obersten Führers in Karadsch, hochrangige Politiker wie Gholam-Ali Haddad-Adel, Mojtaba Khameneis Schwiegervater, und viele andere.
Nur Dank seine politischen Beziehungen konnte der 57-Jährige überhaupt ein so großes Vermögen aufbauen. Staatliche Großaufträge für Bau- und Ölunternehmen und lukrative Handelslizenzen füllten seine Kassen. Die Ansari-Familie, die durch großzügige Spenden an religiöse Schreine bekannt wurde, gründete 2012 – protegiert durch den damaligen Präsidenten Ahmadinedschad - ein Finanzinstitut, die Bank Ayandeh (persisch für »Zukunft«), die mit relativ hohen Zinsen mehr als sieben Millionen Kunden anlockte. Ayandeh stand auch hinter dem Projekt Iran Mall, einem riesigen Teheraner Einkaufszentrum.
Im vergangenen Sommer kollabierte die Bank, es kamen Vorwürfe eines betrügerischen Schneeballsystems auf. Die folgende staatliche Rettungsaktion für Ayandeh kostete Milliarden Dollar, was die Finanznot Irans, den Währungsverfall und die galoppierende Inflation weiter verschärfte und ein Auslöser der jüngsten Proteste wurde.
Ansari ist somit eine Schlüsselfigur der jüngsten Iran-Krisen. Umso unverständlicher, dass er in der EU weiterhin unbehelligt Geschäfte machen kann.
Der Autor ist Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in London.