Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Die Autorin mit ihrer Kindergartengruppe zu Schawuot 1967. Hinten die Erzieherin Hasida.

Ich bin in Be’eri aufgewachsen. Der Kibbuz vor dem Massaker vom 7. Oktober ist für mich voller Erinnerungen an Güte, Stärke, Liebe, Feste und Kultur. Die Feiertage haben wir immer gemeinsam gefeiert – der ganze Kibbuz. Hunderte Menschen, die gesamte Gemeinschaft, festlich gekleidet, versammelt vom ältesten bis zum jüngsten Mitglied.

Ich erinnere mich an das Schawuotfest schon aus meiner Kindergartenzeit. Gemeinsam mit unserer Erzieherin Hasida gingen wir vom Kindergarten »Kalaniyot« – den Anemonen – zur Feier auf die große Wiese. Nimrod und ich waren die Ältesten der Gruppe, und wir wurden ausgewählt, die Erstlingsfrüchte unseres Kindergartens auf die Bühne zu bringen. Die Zeremonie wurde von meinem Vater gestaltet, dem Dichter Andad Eldan. Das Fest war geprägt von Landwirtschaft, den verschiedenen Arbeitszweigen des Kibbuz und den jüdischen Traditionen.

Erste Ernten

Jeder Bereich des Kibbuz brachte seine ersten Erträge auf die Bühne: Weizen, die ersten Feigen und Trauben. Ein Moderator lud die Mitglieder ein, die Früchte ihrer Arbeit vorzustellen. Danach gab es auf der großen Wiese Stände der verschiedenen Arbeitsbereiche – Spiele, Traktoren, Werkzeuge. Und ein gemeinsames Picknick im Gras, Musik im Hintergrund und unendlich viel Freude. Die Freude an der Arbeit, am Miteinander und am Erschaffen.

Das letzte Fest, das wir vor dem 7. Oktober gemeinsam im Kibbuz feierten, war Schawuot. Auch meine Eltern kamen damals zur Feier auf der Wiese nahe der Druckerei am Eingang des Kibbuz. Ich fotografierte sie dort. Wenn ich die Bilder heute betrachte, sehe ich auch Freunde, die nur wenige Monate später beim Massaker vom 7. Oktober ermordet wurden.

»Am 7. Oktober 2023 fühlte es sich an, als wäre alles zerstört worden – Freude, Schaffen, Arbeit –, niedergeschlagen durch die zerstörerische Gewalt aus Gaza.«

Am 7. Oktober 2023 fühlte es sich an, als wäre alles zerstört worden – Freude, Schaffen, Arbeit –, niedergeschlagen durch die zerstörerische Gewalt aus Gaza. Unsere geliebte Hasida, die Erzieherin aus dem Kindergarten Kalaniyot, war am Tag des Angriffs über neunzig Jahre alt. Sie überlebte in ihrem Haus im Veteranenviertel nahe dem Haus meiner Eltern. Hasida überlebte, weil General Yossi Bachar, selbst Mitglied des Kibbuz Be’eri und einst ein Kind in ihrem Kindergarten, Stellung auf ihrem Balkon bezog. Von dort aus verteidigte er die älteren Bewohner von Be’eri gegen die Angreifer. Während Yossi die Gemeinschaft verteidigte, wurde seine Mutter in ihrem Haus ermordet. Kinder von Yossis Schwester wurden nach Gaza verschleppt und ermordet. Und dennoch kämpfte Yossi weiter, um alle zu schützen. Er gehörte zu jener kleinen Gruppe von Mitgliedern, die den Terroristen mutig Widerstand leisteten, bis die Armee eintraf.

»Auf der großen Wiese des Kibbuz – dem Ort unserer Feste und Feiern – wurden nach dem Angriff die Leichen der von der Hamas Ermordeten gesammelt.«

Auf der großen Wiese des Kibbuz – dem Ort unserer Feste und Feiern – wurden nach dem Angriff die Leichen der von der Hamas Ermordeten gesammelt. Der Ort, der einst für Leben, Freude und Arbeit stand, wurde von den Mördern aus Gaza entweiht. Auch der Kindergarten Kalaniyot, in dem ich aufgewachsen bin und der später als Bürogebäude genutzt wurde, wurde am 7. Oktober zerstört. Im Zuge des Wiederaufbaus wurde das Gebäude abgetragen und verschwand nach Jahrzehnten aus der Landschaft. In genau diesem Kindergarten war ich bereits 1967 während des Sechstagekriegs, als aus Gaza auf Be’eri geschossen wurde. Damals saßen wir Kinder im nahegelegenen Schutzraum, während unsere Eltern den Kibbuz verteidigten.

Die Stärke von Be’eri

Seit dem 7. Oktober vermischt sich die Freude des Feiertags mit Trauer über Tod und Zerstörung. Doch der Geist und die Stärke von Be’eri lassen sich nicht besiegen. Die Überlebenden wurden evakuiert, und die Gemeinschaft durchlebt Prozesse der Trauer, der Verarbeitung und des Wiederaufbaus. Auch die Feiertage sind langsam zurückgekehrt. Wir verdrängen weder Schmerz noch Verlust – und wir setzen die Arbeit des Wiederaufbaus und des Erschaffens fort.

Schawuot in Be’eri 2023. Ein paar Monate später war alles anders.Foto: (privat)

Wenn die Verantwortlichen in Gaza sich – wie in Be’eri – dem Aufbau des Lebens gewidmet hätten statt Zerstörung und Rache, könnten auch sie Leben aufbauen. Es ist so schmerzhaft, dass ihre Kräfte und Ressourcen über so viele Jahre in Tod und Zerstörung geflossen sind. Be’eri wird derzeit Stück für Stück wieder aufgebaut. Auf der anderen Seite der Grenze leben auch Menschen aus Gaza, die einst in Be’eri gearbeitet haben. Nachdem die Grenze durch die Hamas geschlossen wurde, konnten sie dort nicht mehr arbeiten. Trotzdem spendeten Mitglieder von Be’eri ihnen weiterhin jedes Jahr Geld. Wenn die Menschen jenseits der Grenze sich doch ebenfalls für die Kräfte des Lebens entscheiden würden – und nicht für die Kräfte des Todes.

Lesen Sie auch

Seit dem 7. Oktober sind meine Eltern nicht mehr in Be’eri. Das Haus steht leer. Die meisten Mitglieder der Gemeinschaft leben während des Wiederaufbaus derzeit im Kibbuz Hatzerim. Und ich vermisse die Menschen von Be’eri so sehr – jene, die ermordet wurden, meine Eltern, mein Zuhause und das Be’eri, das vor dem 7. Oktober existierte. Einige Tage nach dem Massaker sagte meine Freundin Vered, meine einstige Klassenkameradin, zu mir: »Be’eri wird nie wieder dasselbe sein.«

Wir alle tragen Trauer, Schmerz und Sehnsucht in unseren Herzen – und zugleich die Entschlossenheit und den Wunsch, weiterzuleben. Das Fest der Erstlingsfrüchte steht für Schöpfung, für die Früchte der Arbeit und des menschlichen Wirkens. Wir verpflichten uns, weiter Leben zu schaffen.

Boykott?

Weitere Firma verweigert Jerusalemer Seilbahn-Projekt

Die israelische Regierung will per Seilbahn einen direkten Zugang zur hochsymbolischen Klagemauer in Jerusalem schaffen. Aber immer mehr ausländische Partner ziehen sich zurück

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Wahlkampf

Netanjahu stellt sich hinter religiöse Wehrdienstverweigerer

Um an der Macht zu bleiben, braucht Israels Ministerpräsident die Unterstützung der ultraorthodoxen Juden. Wenige Tage vor der Wahl übt er den Schulterschluss mit Religiösen, die sich der Wehrpflicht entziehen

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Vanessa Emde (Die Linke)

Berlin

Linken-Fraktion vorerst ohne Einigung im Streit um Emde

Eine Abgeordnete, die in ihrer Israel-Kritik immer wieder nachlegt, und eine Fraktionsspitze, die ein Problem mit ihr hat: Im Berliner Koalitionspoker bleibt der Streit um Vanessa Emde ungelöst

 20.10.2026

Hamas

Emiratische Blase in Gaza

Israel erlaubt den VAE Infrastrukturarbeiten nahe Rafah. Den Wiederaufbau der Enklave knüpft Israels Premier Netanjahu an die Entwaffnung der Terrororganisation

von Sabine Brandes  20.10.2026

Tel Aviv

Wehrdienst oder Gefängnis: Armee stellt Chabad-Studenten vor die Wahl

Am Ben-Gurion-Flughafen wurden Dutzende Männer aus der Chabad-Lubawitsch-Bewegung festgenommen, als sie aus New York zurückkehrten

 20.10.2026

Tel Aviv

Gloria Gaynor tritt in Israel auf

Nur wenige ausländische Musiker kommen derzeit nach Israel. Die »Queen of Disco« ist eine von ihnen. Was für ein Verhältnis hat sie zum jüdischen Staat?

 20.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was genau sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Knessetwahl

Gantz zieht die Reißleine

Nach dem Absturz seiner Partei verzichtet der Ex-Generalstabschef auf eine Kandidatur – und wirbt erneut für eine große Einheitsregierung.

von Sabine Brandes  20.10.2026

Tel Aviv

Israels Armee verhängt Urlaubsstopp vor der Wahl

Die Hintergründe

 20.10.2026