Jom Hasikaron

So viele Verluste

Zerstörung im Kibbuz Be’eri Foto: Sabine Brandes

Am Dienstag gedenken wir in Israel den gefallenen Soldaten und Opfern von Terroranschlägen. Am Vorabend findet in Tel Aviv eine zentrale Zeremonie statt, die im Fernsehen übertragen wird. Dort wird auch ein Gedicht meines Vaters verlesen, des israelischen Dichters Anadad Eldan, der das Massaker vom 7. Oktober überlebt hat.

Mein Vater und meine Mutter waren in Be’eri, dort, wo schon ich geboren wurde – sie waren Zuhause, als die Terroristen den Kibbuz stürmten, 102 Bewohner ermordeten, und 32 Geiseln nahmen.

Zum Zeitpunkt des Massakers war mein Vater 99 Jahre alt – und meine Mutter 88. Meine Eltern waren an jenem Samstagmorgen allein in ihrem Haus. Die Pflegerin war zwei Tage zuvor gegangen, eine Neue noch nicht angekommen.

Sie waren alt und sie waren allein, als die Terroristen kamen

Terroristen drangen in das Haus ein, bedrohten meine Eltern, verlangten von meiner Mutter die Schlüssel für ein Auto, das sie gar nicht besitzen, feuerten von vorne und von hinten auf das Haus, schossen auf den Warmwasserspeicher auf dem Dach, Wasser strömte durch die Decke ins Haus, und darin saßen meine betagten Eltern auf ihren Rollatoren.

Im Nachbarhaus wurde währenddessen ein guter Freund ermordet. Und im Garten wurde ein Freund getötet, der kam, um ihm zu Hilfe zu eilen. Auf der anderen Straßenseite wurden Freunde ermordet und in ihren Häusern lebendig verbrannt, Freunde wurden entführt und die Leichen ermordeter Freunde nach Gaza verschleppt. Letztlich waren wir alle Freunde in Be’eri. Und viele davon starben an diesem Tag.

Ein Wunder geschah meinen Eltern, und inmitten dieses Höllenreichs überlebten sie.

Ein Wunder geschah meinen Eltern, und inmitten dieses Höllenreichs überlebten sie.

Meine Eltern wurden zusammen mit den Mitgliedern des Kibbuz in ein Hotel am Toten Meer evakuiert, von dort wurden sie in ein Altenheim in Tel Aviv gebracht. Sie wurden zu Flüchtlingen in ihrem eigenen Land.

Mein Vater wollte immer wieder nach Be‘eri zurückkehren, doch das war nicht möglich. Zwei Jahre nach dem Massaker, als die letzten Entführten nach Hause zurückkehrten, kurz nach dem 7. Oktober, starb er im Alter von 101 Jahren. Es bricht mir das Herz zu wissen, dass mein geliebter Vater, der Dichter, der Mann der Natur und der Erde, als Flüchtling, entfernt von seinem Zuhause starb.

Mein Vater kam als Kind aus Polen nach Israel, in den Kibbuz Haftzivah im Izraeel Tal. Großvater Noach Bleiberg, der Vater meines Vaters, brachte seine Eltern, seine Geschwister und seinen Sohn in Sicherheit. Einer der Onkel meines Großvaters blieb in Polen. Er wurde im Holocaust ermordet.

Die Eltern meiner Mutter Shari, Großvater Zvi und Großmutter Tzipora, kamen ebenfalls aus Polen, noch vor dem Holocaust und der Staatsgründung Israels. Ihre gesamte zurückgebliebene Familie wurde von den Nazis ermordet. Mama wuchs ohne Großeltern und ohne weitere Verwandte auf.

Im hohen Alter hat meine Eltern die genozidale Gewalt, vor der sie geflohen waren, eingeholt.

Im hohen Alter hat meine Eltern die genozidale Gewalt, vor der sie geflohen waren, eingeholt. In Be‘eri gibt es noch weitere Freunde, die in ihrer Kindheit das Morden der Nazis in Europa überlebt haben und im hohen Alter das der Hamas.

Das Gedicht meines Vaters, das bei der Gedenkfeier in Tel Aviv vorgetragen wird, beschreibt einen weiteren Verlust: Es geht um Eltern, die zum Grab ihres Sohnes gehen. Mein Vater schrieb das Gedicht nach dem Tod von Nir Tal, dem Sohn von Ruti Tal, seiner Schwester.

Auch Moshe Tal, der Ehemann von Ruti, verlor seine Familie während des Holocaust in Europa. Einmal beschrieb er mir, wie seine Mutter in der Abenddämmerung erhängt wurde, als er noch ein Kind war. Moshe gründete eine Familie im Kibbutz Hekftsiba und verlor seinen Sohn. Seitdem verbrachte er einen Großteil seines Lebens auf dem Friedhof.

Der Vater der Autorin im Kibbuz. Fotograf: Kesem Cohen.

Der Gedenktag wird dieses Jahr für mich besonders schmerzhaft sein. So viele Verluste. Die Freunde in Be’eri, die schon früher, im Laufe der Jahre, in Kriegen getötet wurden. Meine 102 Nachbarn, die am 7. Oktober ermordet wurden. Und mein Vater, der Dichter Anadad Eldan, der als Kind nach Israel floh und so sein Leben rettete.

Mein geliebter Vater, der nach der Schoa im Rahmen der Organisation »HaBricha« Holocaust-Überlebende aus Europa nach Israel brachte. Der Reiseleiter, Wanderer, Lehrer und Dichter war, ein von allen geliebter Mensch, ein Mann des Friedens, der die Menschen und die Sonne liebte, an Treffen jüdischer und arabischer Dichter teilnahm. Mein geliebter Vater, der durch das Massaker vom 7. Oktober, das die Hamas und Bewohner von Gaza im Kibbuz Be’eri verübten, zum Flüchtling wurde. Und das bricht mir das Herz.

Eshkar Eldan Cohen, Tochter des Kibbuz Be’eri

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