Studie

Iranische Schattenwelt im israelischen Ferienparadies

Georgien ist bei Israelis ein beliebtes Urlaubsland Foto: picture alliance / imageBROKER

Georgien gilt für viele Israelis als unkompliziertes Urlaubsparadies: kurze Flugzeit, günstige Preise, spektakuläre Berglandschaften und eine jahrtausendealte Geschichte ohne nennenswerten Antisemitismus. Doch ausgerechnet in dem Land, das sich lange als enger Partner des Westens präsentierte, soll der Iran in den vergangenen Jahren ein weitverzweigtes Netzwerk aufgebaut haben. Zu diesem Schluss kommt ein neuer Bericht des amerikanischen Hudson Institute.

Die Autoren Luke Coffey, Sicherheitsexperte am Hudson Institute, und der frühere georgische Parlamentsabgeordnete Giorgi Kandelaki zeichnen das Bild einer systematischen Einflussoperation, die religiöse Einrichtungen, Bildungseinrichtungen, Medien, Wirtschaftsunternehmen und politische Kontakte umfasst. Das Ziel: Die Islamische Republik wolle ihren Einfluss im Südkaukasus ausbauen und zugleich neue Möglichkeiten für nachrichtendienstliche und operative Aktivitäten schaffen.

Ein besonders auffälliges Beispiel ereignete sich im georgischen Marneuli, einer Stadt mit rund 20.000 Einwohnern. Bei einer schiitischen Prozession zum Beginn der Trauerzeit Muharram marschierten Teilnehmer mit Bildern des ehemaligen Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah. Über den Straßen hingen Banner, auf denen US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit blutverschmierten Händen dargestellt wurden. Die Parolen richteten sich offen gegen Israel und die Vereinigten Staaten und unterstützten die Führung in Teheran.

»Eine solche Veranstaltung in Teheran oder im Libanon hätte niemanden gewundert«, so die Autoren, »diese Szenen in Georgien zu sehen, ist aber überraschend«.

In Tiflis wurde der Jahrestag der Islamischen Revolution gefeiert

Nur wenige Monate zuvor hatte die georgische Hauptstadt Tiflis den Jahrestag der Islamischen Revolution gefeiert. Der Fernsehturm der Stadt wurde in den Farben der iranischen Flagge beleuchtet. Gleichzeitig nahm ein stellvertretender georgischer Außenminister an einem Empfang der iranischen Botschaft teil.

Für die Autoren sind solche Gesten Ausdruck einer Entwicklung, die weit über symbolische Politik hinausgeht. Im Zentrum der Untersuchung steht die aserbaidschanische Minderheit Georgiens. Rund 330.000 Menschen gehören ihr an, fast zehn Prozent der insgesamt etwa 3,7 Millionen Einwohner des Landes. Nach Darstellung des Hudson Institute nutzt Teheran diese Gemeinschaft als Einfallstor für seinen Einfluss.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Al-Mustafa-Universität, die drei Standorte in Georgien betreibt. Die Einrichtung steht unter amerikanischen Sanktionen, weil sie nach Angaben des US-Finanzministeriums mit den Al-Quds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarden zusammenarbeitet. Studentenprogramme würden genutzt, um Teilnehmer ideologisch zu prägen und potenzielle Rekruten zu identifizieren.

Laut Coffey hat sich die Zahl der georgischen Teilnehmer an religiösen Reisen nach Iran und Irak innerhalb weniger Jahre drastisch erhöht. Während 2022 etwa 200 Georgier an solchen Pilgerfahrten teilgenommen hätten, seien es 2025 bereits rund 1.000 gewesen.  »Die iranischen Revolutionsgarden nutzen diese Reisen zur Rekrutierung, zur Informationsgewinnung und zur ideologischen Indoktrinierung«, so Coffey in der israelischen Tageszeitung Israel Hayom.

Autor Luke Coffey: »Die iranischen Revolutionsgarden nutzen diese Reisen zur Rekrutierung, zur Informationsgewinnung und zur ideologischen Indoktrinierung.«

Auch die Organisation »World Assembly of Ahl al-Bayt« sei ein Baustein des iranischen Einflusses. Sie untersteht direkt dem Umfeld von Revolutionsführer Ali Chamenei und unterhält in Georgien Religionsschulen, Jugendorganisationen sowie Wohlfahrtseinrichtungen. Brisant ist dabei auch eine deutsche Verbindung. Der heutige Vorsitzende der Organisation, Ayatollah Ali Ramezani, leitete neun Jahre lang das Islamische Zentrum Hamburg. Die Einrichtung wurde von deutschen Behörden geschlossen. Nach seiner Rückkehr in den Iran konnte Ramezani unbehelligt nach Georgien reisen und für den Ausbau der Aktivitäten werben.

Doch der Bericht beschränkt sich nicht auf religiöse Netzwerke. Die Autoren beschreiben auch eine erhebliche wirtschaftliche Präsenz Teherans. Mehr als 12.800 iranische Unternehmen seien in Georgien registriert. Zwischen 2022 und 2025 importierten 72 georgische Firmen Öl- und Treibstoffprodukte aus dem Iran. Allein 2024 erreichte das offizielle Handelsvolumen iranischer Importe nach Georgien einen Rekordwert von 285 Millionen Dollar, so die Studie.

Im Jahr 2020 deckten georgische Sicherheitsbehörden zudem ein Schatten-Finanznetzwerk auf, über das Gelder außerhalb des regulären Bankensystems transferiert wurden.

Besonders alarmierend erscheinen die sicherheitspolitischen Folgen. Der Bericht verweist auf mehrere Fälle, in denen georgische Staatsbürger aserbaidschanischer Herkunft mit iranischen Operationen in Verbindung gebracht wurden. Dazu gehört ein Mann, der in den USA wegen seiner Beteiligung an einem iranischen Mordkomplott gegen die iranische Regimekritikerin Masih Alinejad verurteilt wurde. Im März dieses Jahres wurde zudem ein georgischer Staatsbürger am Flughafen von Athen festgenommen. Er soll Informationen über amerikanische Marineeinrichtungen auf Kreta gesammelt haben.

In Baku wird die Entwicklung mit besonderer Sorge verfolgt

Auch in Aserbaidschan selbst schlugen die Sicherheitsbehörden Alarm. Dort wurde ein georgischer Staatsbürger festgenommen, der nach Angaben der Ermittler an einem den Revolutionsgarden zugeschriebenen Komplott zur Ermordung eines führenden Vertreters der jüdischen Gemeinde beteiligt gewesen sein soll. Für die Autoren des Berichts ist das ein weiteres Indiz dafür, dass die in Georgien aufgebauten Netzwerke über die Landesgrenzen hinauswirken.

Untersucht wurde auch der Vergleich mit dem Nachbarland Aserbaidschan. Während die Regierung in Baku islamistische Strukturen unterdrücke und proiranischen Organisationen kaum Spielraum lässt, beobachten die Autoren auf der anderen Seite der Grenze eine zunehmende Radikalisierung innerhalb der aserbaidschanischen Minderheit Georgiens.

Diese Entwicklung werde in Baku mit besonderer Sorge verfolgt. Israel und Aserbaidschan verbindet seit Jahren eine enge Zusammenarbeit in den Bereichen Energie, Sicherheit und Nachrichtendienste. Aus Sicht der Autoren versuche Teheran deshalb, den israelischen Einfluss im Südkaukasus nicht direkt in Aserbaidschan, sondern über das Nachbarland Georgien zu unterlaufen. Die Gefahr bestehe demnach nicht nur in einzelnen radikalisierten Personen, sondern in der Entstehung eines gesamten Einflussraums entlang einer Region, die für Israels strategische Interessen von erheblicher Bedeutung ist.

Der Vorteil aus Sicht Teherans liegt auf der Hand: Georgische Pässe genießen in vielen Ländern deutlich mehr Vertrauen als iranische oder libanesische Reisedokumente. Der Autor Coffey sieht darin die größte Gefahr für Israel. Personen, die über Jahre hinweg in iranisch beeinflussten Organisationen radikalisiert worden seien, könnten sich mit georgischen Pässen wesentlich freier bewegen.

Für Israel ist die Entwicklung auch deshalb brisant, weil Georgien bislang als freundliches Nachbarland gilt. Jedes Jahr reisen Hunderttausende Israelis in den Kaukasusstaat, um Ferien zu machen. Sollte sich auch nur ein Teil der Vorwürfe bestätigen, hätte sich im Schatten eines beliebten Urlaubsziels ein strategisches Netzwerk der Mullahs in Teheran entwickelt, das weit über Georgien hinausreicht.

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