Ihr Blick aus großen braunen Augen ruht auf mir. Sie lächelt nicht. Sie überlegt und antwortet. Ganz bei sich. Die 20-jährige Soldatin im Militärdienst ist im Bus auf dem Platz neben mir gelandet und gibt mir eine Lektion in Realität. Aber das ist fast am Ende der Reise, die an einem Sonntag – drei Tage vor dem dritten Jahrestag des 7. Oktober und gut drei Wochen vor der Knessetwahl – in Jerusalem begonnen hat.
Wegen Simchat Tora seien noch besonders viele ultraorthodoxe Juden in der Stadt unterwegs, sagt Superintendent Johnny Kassabri, seit 2012 stellvertretender Berater für Minderheiten im Büro des Distriktkommandanten der israelischen Polizei in Jerusalem. Vom Jaffator aus läuft er vorbei an Scheitel und Bekishe in den Schuk, und es fällt schwer, Schritt zu halten. In keiner Stadt der Welt sei die Polizeiarbeit komplizierter als hier, sagt der arabische Christ, der immer wieder von Passanten und Ladenbesitzern gegrüßt wird. In vielen Häusern lebe in jedem Stockwerk eine andere Religion: Christen, Muslime, Juden. Die Menschenmassen bei den verschiedenen Festen durch die Stadt zu leiten, sei eine Herausforderung. »Und dann heißt es, wir blockieren sie.«
Kassabri wirkt müde und etwas wütend. Das ist wohl auch die Stadt in ihm. »Ich spreche mit jedem«, sagt der 52-Jährige. Seit dem 7. Oktober müsse er ein Auge auf das politische Weltgeschehen haben, um zu wissen, was ihn bei der Arbeit erwartet.
Während er in der Grabeskirche steht, ist von draußen der Muezzin zu hören.
Wieder erzählt Kassabri, dass er in Kanada einmal wegen seiner israelischen Staatsangehörigkeit angepöbelt worden sei: »Ich bin nicht mein Pass, ich bin ein Mensch!«
Seit dem 7. Oktober ist Israel nicht mehr gewillt, Risiken einzugehen.
Es ist Abend, und die Stadt beruhigt sich langsam. Wir sind zurück am Jaffator, und ein junger Polizist erzählt mir, dass er eigentlich in einer Sondereinheit Karriere machen wollte. Aber jetzt, da er verheiratet sei und eine Familie gründen wolle, habe er einen ungefährlicheren Dienst übernommen. Er überlegt kurz, dann lachen wir beide los – kurz und ironisch. Auf dem Weg durch die Neustadt komme ich an einer Bäckerei namens »Yolo« vorbei und an einem Sofer neben einem Tattoo-Studio.
In den folgenden Tagen dieser vom israelischen Außenministerium organisierten Reise sitze ich immer wieder Sicherheitsexperten gegenüber. Es geht um die beeindruckende Stärke der Abraham-Abkommen, Gaza, den Libanon und natürlich Iran. Anders als sonst seien alle Karten in der Luft, heißt es. Und das ist positiv gemeint. Von mehreren Seiten wird mir versichtert, dass bis zu den Wahlen nichts passieren werde.
Aufgabe der neuen Regierung
Alle sorgen sich um das Westjordanland, den dortigen jüdischen Terrorismus, aber auch um die Naivität Europas. Natürlich sei die Hamas auch in »Judea und Samaria« aktiv, sagt einer, und natürlich gehe Abbas’ Palästinensische Autonomiebehörde gegen die vor, während sie selbst immer schwächer werde. Dass das Mullah-Regime fallen werde, davon geht man aus. Nur wisse niemand, wann. Und bis dahin seien die Revolutionsgarden eine unterschätzte Gefahr. Israels zerstörten Ruf in der Welt wiederherzustellen, werde die Aufgabe der neuen Regierung sein – ebenso die Beruhigung der Hälfte der eigenen Bevölkerung, von der sie nicht gewählt worden ist.
Ich schneide an meiner in Tahina schwimmenden Aubergine herum und denke über Sätze nach wie »Die Feinde des Friedens sollten nicht die Zukunft des Nahen Ostens bestimmen«, der sich so angenehm einfach und logisch anhört. Realistischer ist natürlich dieser: Während der Westen sich nach dem 7. Oktober von Israel die Reaktion eines »französischen Pudels« gewünscht hat, wollte die israelische Bevölkerung im Affekt nach den unbeschreiblichen Massakern einen »tollwütigen Rottweiler«.
Eine Diplomatin erzählt, dass ihr Haar weiß geworden sei, als sie gerade mal 32 war. »An Israel werden Maßstäbe angelegt wie an kein anderes Land der Welt – es soll einem Heiligen gleichen. Dabei sieht es sich Bedrohungen gegenüber, mit denen keine andere Demokratie zu kämpfen hat«, sagt sie. »Und unsere Gegner machen gar keinen Hehl aus ihren Absichten. From the River to the Sea ...« Seit dem 7. Oktober ist Israel nicht mehr gewillt, Risiken einzugehen. Darin sind sich alle einig.
Weiße Taube noch einigermaßen im Rahmen
An der Wand hängen abstrakte Bilder, nur auf einem ist eine weiße Taube noch einigermaßen im Rahmen. Selbst Yair Golan, Parteichef der Demokraten, spricht mittlerweile nicht mehr von einer Zweistaatenlösung, sondern von einer »Trennung, um die Spannungen zwischen zwei verfeindeten Bevölkerungsgruppen abzubauen und gleichzeitig die Verantwortung für die Sicherheit Israels zu wahren«. Eine Umfrage des Israel Democracy Institute vom September 2025 ergab, dass 78 Prozent der jüdischen Bevölkerung meinen, dass ein Palästinenserstaat nicht im nationalen Interesse liege. Wie denn auch, solange im Westjordanland die »Pay for Slay«-Praxis fortbesteht und Judenhass in den Schulbüchern steht. Vor dem 7. Oktober hat Israel den Rottweiler immer wieder an die Kette gelegt. Hat es irgendjemandem geholfen, außer denen, die Israel hassen? Ja, natürlich mache der Cooling-Effekt ihr Sorgen, sagt die Diplomatin.

Es ist der 5. Oktober, und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu legt bei der staatlichen Gedenkveranstaltung für den 7. Oktober auf dem Herzlberg in Jerusalem einen Kranz nieder. Denn gemäß dem jüdischen Kalender überfielen die Terroristen den Süden des Landes am 24. Tischrei. Seine kämpferische Ansprache wird von einem Vater unterbrochen, der dem Premier die Ermordung seines Sohnes bei den Massakern vorwirft. Zwei Tage später gedenken in Tel Aviv rund 50.000 Menschen im Yarkon-Park der Toten, der überlebenden Geiseln, der Verletzten und des eigenen Traumas, das bei vielen auch nach drei Jahren noch nicht in eine posttraumatische Phase übergegangen ist. Weder Netanjahu noch sein Kabinett sind eingeladen.
Tausende Kilometer für den Vernichtungswahn!
Am Vormittag des staatlichen Gedenkens hat mir ein selbstbewusster junger Mann mit großen Ringen an den Fingern das Hawala-Prinzip erklärt, mit dem Hamas-Unterstützer Geld nach Gaza schmuggeln. Vor allem über die Türkei, die die Terroristen als rechtmäßige Vertreter für die Belange der Palästinenser ansieht. Hawala funktioniert vollständig außerhalb traditioneller Bankensysteme. Es nutzt ein Netzwerk von einander vertrauenden Vermittlern, die ihre Forderungen später untereinander begleichen. Sie hätten es auch mit Krypto-Währungen versucht, sagt der junge Researcher und lächelt: »Bitcoins kann man aber nachverfolgen.«
Immer wieder ist zu hören, dass Vorsicht geboten sei. Ja, Hamas und Hisbollah stellten im Augenblick keine militärische Bedrohung dar – dank des Vorgehens der israelischen Armee. Aber sie hätten noch nicht aufgegeben, wie Finanztransfers und Schmuggel für den Wiederaufbau zeigen.
Bus 95 fährt nach Yad Vashem. Die Holocaust-Gedenkstätte ist kleiner, als die Aufgabe vermuten lässt. Doch jedes Mal ist da ein anderes Detail, das durch Kopf und Körper rast. Heute erwischt mich das Schicksal von Daniel Rahamim. Der Holzhändler war der einzige jüdische Bewohner der winzigen griechischen Insel Leros. Ende Juli 1944 kamen Frachtschiffe, um sicherzustellen, dass auch er in den Tod geschickt wird. Tausende Kilometer für den Vernichtungswahn! Als ich am Ende der Betonpyramide stehe und in Jerusalems Grün blicke, kann ich wieder atmen. Am Abend renne ich in Tel Aviv an den Strand und rufe unterwegs meine Freundin an, die gerade nach Griechenland ausgewandert ist. Gemäß Daten des Zentralbüro für Statistik und Studien der Universität Tel Aviv haben im Zeitraum 2023 bis 2025 rund 270.000 Israelis für mindestens drei aufeinanderfolgende Monate das Land verlassen. Grund seien vor allem das Trauma des 7. Oktober, der Krieg und der soziale Druck.
Naftali Bennett, einer der Herausforderer Netanjahus bei der anstehenden Wahl, steht im schwarzen T-Shirt auf der Bühne der Reichman-Universität und verspricht, diesen »Brain Drain« zu stoppen. Auch werde er dafür sorgen, dass die Charedim sich nicht länger dem Armeedienst entziehen. »Wer nicht Scherut leistet, bekommt keinen Schekel! Wer keine Steuern zahlt – keinen Schekel! Wer an seinen Schulen nicht Englisch und Mathematik lehrt – keinen Schekel!« Seine Faust saust aufs Pult. Bibi, Gaza, Katar – er räumt sie alle ab, als sei er bereits der neue Premier.
»Unsere Kinder werden kein Leben haben, wenn wir keine Schutzräume graben.«
Moshe Dayan, 1956
Es folgt ein Gänsehautmoment: Bennett zitiert die Grabrede Moshe Dayans für Roi Rotberg, den 21-jährigen Sicherheitschef des Kibbuz Nahal Oz, der im April 1956 von arabischen Angreifern aus Gaza ermordet wurde: »Wir sind eine Generation des Aufbaus, die ohne Stahlhelm und Kanonenrohr weder säen noch ein Zuhause errichten kann. Unsere Kinder werden kein Leben haben, wenn wir keine Schutzräume graben. Und ohne Stacheldraht und Maschinengewehr werden wir weder einen Weg anlegen noch nach Wasser bohren können.« Nicht zu hören ist, wie der Text des legendären Verteidigungsministers weitergeht: »Jenseits der Furche, die die Grenze markiert, liegt ein wogendes Meer aus Hass und Rache, das sehnsüchtig auf den Tag wartet, an dem Gelassenheit unsere Wachsamkeit trübt, auf den Tag, an dem wir auf die Botschafter der verschworenen Heuchelei hören, die uns auffordern, unsere Waffen niederzulegen.«
Auch Yair Lapid ist zur Sicherheitskonferenz nach Herzliya gekommen. Sanfter als sein »Bejachad«-Kollege tritt Israels George Clooney an, sein Land zu retten, damit es nicht zu einem isolierten, extremistischen, angstgetriebenen Staat werde, wie es Hamas-Chef Sinwar geplant habe. »Am 7. Oktober ist das Land kollabiert, aber es ist wieder aufgestanden. (...) Es wird nicht einfach, aber wir brauchen eine Politik der Hoffnung!«, sagt Lapid. Ein älterer Mann in der Reihe vor mir trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift »Restart-Up Nation«.

Die Reichman University ist konservativ, aber pragmatisch. Militärs und Nachrichtendienst-Veteranen geben sich hier die Hand. Die Politik von Ben-Gvir und Smotrich gilt ihnen als schnellstmöglich abzuschaffender ehrloser Schwachsinn. Es geht darum, vorbereitet zu sein, um neue Raketen und Drohnen, Schulter an Schulter mit den USA. Vielleicht deshalb liegen vor der Tür kubanische Zigarren im Aschenbecher.
Draußen treffe ich Studentin Hanna, 23, aus Kanada, die vor einem Jahr Alija gemacht hat. »Es war mein erster Krieg«, sagt sie über das Dauerbombardement aus dem Iran von Februar bis April. »Aber er hat Bedeutung für mich, weil wir Iran zu Fall bringen.«
Der einstige Ort einer riesigen Party gleicht einem Friedhof
Am 7. Oktober bin ich in Re’im, dem Ort in der Negev-Wüste, wo die Hamas 378 Menschen abgeschlachtet und 44 nach Gaza verschleppt hat. Nur 25 von ihnen haben überlebt. Der einstige Ort einer riesigen Party gleicht einem Friedhof. Seit fünf Uhr morgens sind Bar Zohars Eltern hier, um ihrer Tochter zu gedenken, die, obwohl sie angeschossen wurde, versuchte, Menschen zu retten, die wie sie zum Tanzen gekommen waren. Am Ende sollten es Hunderte sein, denn Bar hatte Alarm gegeben, dass an der Ausfahrtstraße Terroristen lauern. Ihr Vater hat dafür gesorgt, dass aus den provisorischen Erinnerungsfotos an Metallstangen festinstallierte Trauerplätze wurden. Menschen gehen weinend durch die Reihen, lesen, was unter den Fotos steht, starren ins Leere. Ein junger Mann legt an gleich drei Orten Geschenke ab, das letzte am Bild des Freundes, der ihm eine Karte fürs Nova-Festival gegeben hatte. »Ich wollte eigentlich kommen, aber ich war zu müde«, sagt er völlig fassungslos.
In Majdal Shams, einer drusischen 12.000-Einwohner-Stadt im Golan, ist der Tod aus bronzefarbenem Metall. Von einem Künstler ineinander verkeilte Rechtecke bilden eine Kuhle im Boden eines ehemaligen Fußballplatzes. Am 27. Juli schlug hier eine Hisbollah-Rakete ein und tötete zwölf Kinder. Eines davon war die elfjährige Alma, deren Mutter sich gerade an meiner Hand festhält. Die Frau mit dem langen braunen Haar erzählt von ihrem Kind, dem sie den Namen Seele gegeben hat, und wie bei den Eltern von Bar in Re’im scheint es wenigstens für diese Zeit wieder zu atmen. »Auf dieser Welt gibt es so viel, für das es sich zu leben lohnt«, hatte Alma ihren Freundinnen ins Poesiealbum geschrieben. Ich fürchte den Moment, da ich ihre Mutter wieder allein lasse.
Almas Mutter spricht auch von Syrien, das gleich hinter dem nächsten Hügel beginnt. Die Gemeinschaft der Drusen lebt auf beiden Seiten, und als im Juli 2025 syrische Regierungstruppen und verbündete Clans in drusische Gebiete vordrangen und in Suweida Massaker verübten – mehr als 1700 Menschen wurden ermordet –, stürmten bis zu 1000 israelische Drusen die Grenze nach Syrien. Kurz darauf bombardierte Israel syrische Regierungsstellungen und Milizen rund um Suweida und Damaskus, um an der Seite seiner loyalen Bevölkerungsgruppe zu stehen. Aber auch, weil Syrien zwar nicht mehr dem gefürchteten, Iran-getreuen Assad-Regime gehört, jedoch mit einem Islamisten als Herrscher weiterhin eine potenzielle Bedrohung darstellt.
Der Bus ist gerade wieder durch ein Schlagloch gefahren, und ich frage mich, ob ich nach dieser Fahrt vielleicht meine Rückenschmerzen los bin. Die junge Soldatin neben mir sagt, dass sie nach dem Militärdienst gern reisen würde. »Nach Nord- und Südamerika!« – »Nicht nach Europa?«, frage ich. – »Nein, ich habe Angst vor Europa«, sagt sie.