Weinbau

Aus Katzrin nach Bordeaux

Traubenernte im Moschaw Nov im Süden der Golanhöhen Foto: Flash 90

Israel gehört zu den ältesten Weinbauländern der Welt – schon zu biblischen Zeiten wurden in verschiedenen Regionen des Landes Reben angebaut. Dennoch hatte israelischer Wein noch vor wenigen Jahrzehnten nicht den besten Ruf, was die Qualität anging. Jüdische Kunden im Ausland kauften die Weine weniger wegen ihres Geschmacks, sondern wegen der Kaschrut-Siegel.

Bis heute ist Israel der größte Exporteur von koscherem Wein, doch längst sind nicht mehr vor allem süßliche Kiddusch-
Weine gefragt, sondern hochwertige Produkte, die in der gesamten Welt abgesetzt werden – auch in Ländern wie Japan, wo der Anteil der jüdischen Käufer gering sein dürfte. Israelische Weine ohne Koscher-Siegel gelangen mittlerweile ebenfalls in den Export, wenn auch in überschaubarer Zahl.

Vor gut 30 Jahren begann eine neue »Weinrevolution« in Israel – genauer gesagt, auf den Golanhöhen. Bis dahin wurde Wein in Israel in Galiläa, den höheren Regionen der Negevwüste, den Hügeln von Judäa um Jerusalem, südöstlich von Tel Aviv (Samson) und südlich von Haifa an der Mittelmeerküste angebaut.

Vinexpo Nach dem Sechstagekrieg 1967 kamen Forscher auf die Idee, dass sich der vulkanische Boden der Golanhöhen gut für den Weinanbau eignet. 1976 wurden die ersten Trauben angepflanzt, 1983 entstand die Golan Heights Winery bei Katzrin. Vier Jahre später wurde der Yarden Cabernet Sauvignon, das »Flaggschiff« der Golan Heights Winery, mit der Goldmedaille und der Winiarski-Trophäe bei der International Wine and Spirits Competition in London ausgezeichnet, später folgte dreimal die Goldmedaille der »Vinexpo« in Bordeaux für diesen Rotwein.

Die »Jerusalem Post« nannte die Auszeichnungen für den Golan-Wein »bahnbrechend« – und verglich sie mit den Goldmedaillen, die Wein aus der 1882 gegründeten Carmel-Kellerei von Baron Edmond de Rothschild 1900 bei der Weltausstellung in Paris erhielt. Damals wurden Kenner zum ersten Mal auf Wein aus dem Heiligen Land aufmerksam.

Mehr als 80 Jahre später folgte dem internationalen Erfolg des Golan-Weins ein Aufschwung der gesamten israelischen Weinindustrie: Neben den großen Weinkellern wie Carmel, Golan Heights, Barkan-Segal, Binyamina und Tishbi haben sich mittlerweile auch mittlere wie Domaine du Castel, Flam und Yatir gut etabliert – dazu über 200 Boutique-Weinkeller, viele von Autodidakten aufgebaut, insgesamt mehr als 300 Betriebe.

auszeichnungen Und weitere internationale Auszeichnungen ließen nicht auf sich warten: Das Weingut Domaine du Castel in den Judäischen Bergen westlich von Jerusalem wurde 2008 als erstes aus Israel mit vier Sternen in Hugh Johnsons Pocket Wine Book erwähnt – auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dort schon Bestellungen aufgegeben. 2010 wurde ein Shiraz-Wein von Carmel mit der Internationalen Dekanter-Trophäe prämiert – die höchste Auszeichnung für einen israelischen Wein überhaupt. Und 2016 wurde der Winzer Eran Pick von »Tzora Vineyards« als erster Israeli zum »Master of Wine« ernannt – weltweit gibt es derer nur etwa 300.

Angebaut werden in Israel vor allem die Traubensorten Cabernet Sauvignon und Merlot. Die Golan Heights Winery kultiviert auch die Rebsorten Syrah, Cabernet Franc, Malbec und Petit Verdot und produziert neben trockenen Weißweinen und Gewürztraminer auch Schaumwein, der allerdings nicht Champagner genannt werden darf.

»Unser Weinkeller war der erste, der mit dem Ziel startete, Qualitätswein herzustellen. Dieser Gedanke war damals etwas Neues«, sagt Victor Schoenfeld aus Kalifornien, seit 27 Jahren oberster Winzer der Golan Heights Winery, der Jüdischen Allgemeinen. »Bis heute sind wir im höheren Segment des Marktes sehr dominant, sowohl in Israel als auch im Export. Dabei lassen wir Kiddusch-Weine und billige Weine außer Acht, denn wir erzeugen aus Prinzip keinen Mevuschal-Wein«, unterstreicht Schoenfeld. »Wir sind nicht daran interessiert, auf diesen Märkten zu konkurrieren, denn wir halten nichts davon, unsere eigenen Produkte zu schädigen.«

»Mevuschal« (gekocht) bedeutet, dass der Wein kurzfristig auf bis zu 90 Grad erhitzt wird. Für orthodoxe Juden ist das Verfahren wichtig, denn nur derart etikettierte Flaschen dürfen von Nichtjuden geöffnet und von nichtjüdischen Kellnern eingeschenkt werden, ohne dass der Wein dadurch treif wird.

Pasteurisierung Heute benutzen die meisten koscheren Weinhersteller das schonendere Verfahren der Pasteurisierung und erhitzen den Wein nur wenige Sekunden auf etwa 71,5 bis 74 Grad. Doch Rabbiner Shalom Aronzon, Maschgiach der Golan Heights Winery, ist davon nicht überzeugt: »Es gibt sicherlich Erfolge, aber Experten merken den Unterschied.«

Streng koscher ist Golan-Wein dennoch – in den Kategorien »mehadrin« und »koscher le-Pessach«. Koschere Produktion bedeutet, dass auch der oberste Winzer Victor Schoenfeld starken Einschränkungen unterliegt: Wie die vier anderen Winzer ist er nicht religiös und darf die Produktionsstätten nur betreten, wenn religiöse Mitarbeiter anwesend sind.

Vor etwa 15 Jahren stellte auch »Domaine du Castel« seine Weinproduktion unter Kaschrut-Aufsicht. Denn nicht nur wegen der Kunden, sondern auch aus Marketing-Gründen verkauft sich koscherer Wein leichter. »In Märkten in den USA und Frankreich gibt es einen koscheren Bereich. Gute Weine, die nicht koscher sind, kann man nicht im koscheren Bereich platzieren. Dafür bräuchte man einen ›israelischen‹ oder ›Mittelmeerbereich‹, obwohl man diesen Trend auch mehr und mehr sieht«, sagt Schoenfeld.

Vom Geschmack her merkt der Winzer keinerlei Unterscheid, ob Wein koscher ist oder nicht. Ausdrücklich lobt er auch nichtkoschere Weinkeller in Israel wie Clos de Gat, dessen Chanson-Wein auf der Liste der zehn besten Weine von »Haaretz« erwähnt wurde, und Kerem Shvo, dessen »Shvo Rose« (aus damals 100 Prozent Barbera-Trauben) der Weinkritiker David Rogov als »einen der besten Rosé-Weine, die ich je probiert habe«, bewertete. Von diesem nichtkoscheren Wein wurden allerdings nur 3000 Liter hergestellt.

Bandbreite In Israel stehen derzeit nur etwa 7000 Hektar Fläche für den Anbau von Trauben zur Verfügung – die Hälfte davon sind Tafeltrauben. »Die Weinindustrie in Israel ist nicht groß, weil das Land nicht groß ist. Außerdem sind die Gebiete, die für den Anbau von Trauben für Qualitätswein geeignet sind, noch kleiner. Aber was in Israel erstaunlich ist, ist der enorme Unterschied von Ort zu Ort, was das Klima, den Boden und die Topografie angeht. Wir haben eine Bandbreite wie ein großes Land, es ist faszinierend, hier Wein anzubauen«, schwärmt Victor Schoenfeld.

Leider habe man in der Hauptstadt Jerusalem die Bedeutung noch nicht ganz begriffen: »Obwohl wir gerade 70 Jahre Israel feiern, steht die Weinindustrie auf der Prioritätenliste der israelischen Regierung nicht besonders weit oben«, beklagt der Winzer. Er hofft aber, dass sich das ändert, »denn in Obergaliläa und auf dem Golan gibt es nichts anderes, das Landwirtschaft, Industrie und Tourismus auf diese Art und Weise vereint. Es gibt nichts Besseres in diesen Gebieten!«

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