Für viele Iraner war Ali Karimi einst vor allem ein Fußballheld. Der frühere Kapitän der Nationalmannschaft begeisterte mit seiner Technik, seinen Dribblings und seinem Einsatz auf dem Platz Millionen Fans. Heute gilt der 47-Jährige den Machthabern in Teheran als einer ihrer prominentesten Gegner. Nun hat die Islamische Republik erneut Vermögenswerte des Ex-Nationalspielers beschlagnahmt. Offiziell wegen angeblicher Verbindungen zu Israel.
Nach Angaben der regimetreuen Nachrichtenagentur Tasnim habe die Justiz »eine mehr als 1.000 Quadratmeter große Villa in der nordiranischen Stadt Lahijan sowie mehrere besonders wertvolle Mobilfunknummern konfisziert«, hieß es. Die Maßnahmen seien Teil des Kampfes gegen »Spionage und Zusammenarbeit mit Israel« gewesen. Konkrete Beweise wurden allerdings nicht vorgelegt.
Es ist nicht das erste Mal, dass das Mullah-Regime gegen Karimi vorgeht. Bereits im vergangenen Monat hatte die iranische Justiz die Beschlagnahmung von zwei Gewerbeeinheiten und vier Wohngebäuden des früheren Fußballstars bekannt gegeben. Nach offiziellen Angaben sollten die Immobilien »zum Nutzen der Öffentlichkeit« verwendet werden.
Er war auch Spieler des FC Bayern München
Für Beobachter steht jedoch außer Frage, dass die Maßnahmen vor allem politisch motiviert sind. Karimi gehört seit Jahren zu den bekanntesten Kritikern der Islamischen Republik. Der ehemalige Spieler des FC Bayern München lebt inzwischen im Exil in den USA und nutzt seine enorme Reichweite in den sozialen Medien, um gegen das unterdrückerische Regime in Teheran Stellung zu beziehen.
Besonders während der landesweiten Protestbewegung nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in der Haft sogenannter »Sittenwächter« im Herbst 2022 wurde Karimi zu einer wichtigen Stimme der Opposition. Während viele andere bekannte Sportler und Künstler schwiegen, positionierte er sich offen an der Seite der Demonstranten.
»Die Menschen haben das Recht, für ihre Freiheit zu kämpfen«, schrieb Karimi damals auf seinen Social-Media-Kanälen. In einem weiteren vielbeachteten Beitrag erklärte er: »Die Zukunft gehört dem iranischen Volk, nicht denen, die es mit Gewalt unterdrücken.«
Immer wieder kritisierte er die Sicherheitskräfte für ihr Vorgehen gegen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Protesten. »Man kann ein Volk nicht für immer zum Schweigen bringen«, lautete seine Botschaft. Als die Behörden hunderte Demonstranten festnahmen, veröffentlichte er: »Die Stimme des Volkes lässt sich nicht verhaften.«
Ali Karimi: »Man kann ein Volk nicht für immer zum Schweigen bringen.«
Seine Beiträge erreichten Millionen Menschen. Auf Instagram und anderen Plattformen verfügte Karimi zeitweise über eine größere Reichweite als manche staatlichen Medien des Iran. Genau das machte ihn für die Führung in Teheran gefährlich. Die Revolutionsgarden (IRGC) bezeichneten ihn wiederholt als Instrument ausländischer Mächte – darunter Israel – und forderten seine Rückkehr nach Iran, um sich vor Gericht zu verantworten.
Karimi selbst weist die Vorwürfe zurück. Stattdessen wirft er den Machthabern vor, Kritiker des Regimes einschüchtern zu wollen. Nach früheren Beschlagnahmungen erklärte er, dass Eigentum und Vermögen für ihn zweitrangig seien. Entscheidend sei, dass die Menschen im Iran eines Tages frei leben könnten.
Seine Popularität erklärt sich nicht nur durch seine sportlichen Erfolge. Viele Iraner sehen in ihm einen seltenen Prominenten, der seine Bekanntheit genutzt hat, um offen politische Positionen zu vertreten. Während zahlreiche andere ehemalige Nationalspieler aus Angst vor Repressionen oder Folgen für ihre Familienangehörigen im Iran schweigen, nimmt Karimi weiterhin an Demonstrationen der iranischen Diaspora teil und unterstützt Oppositionsgruppen im Ausland.
Kritik kommt für Regime zu sensiblem Zeitpunkt
Für das Regime kommt seine Kritik zu einem besonders sensiblen Zeitpunkt. Die Führung sieht sich seit Jahren mit wirtschaftlichen Problemen, internationalen Sanktionen und wachsender Unzufriedenheit in der Bevölkerung konfrontiert. Stimmen wie Karimi können dabei eine wichtige Rolle spielen, weil sie Menschen weit über die traditionellen politischen Lager hinaus erreichen.
Auch der gewählte Moment der Beschlagnahmung könnte sich gegen Teheran richten. Im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft sind die Augen der Welt auch auf ehemalige Kicker gerichtet.
Die jüngste Beschlagnahmung seiner Villa und weiterer Vermögenswerte wird daher von vielen Beobachtern weniger als Maßnahme gegen angebliche Spionage für Israel verstanden, sondern als Teil eines umfassenderen Vorgehens gegen Regimekritiker. Die Botschaft scheint klar: Selbst bekannte Sportikonen sind vor den Repressionen der Islamischen Republik nicht geschützt.
Für Karimi dürfte die Entscheidung dennoch kaum bedeuten, dass er seine Kritik einstellt. Im Gegenteil: Aus dem gefeierten Fußballstar ist längst eine Symbolfigur des iranischen Widerstands geworden und damit gleichzeitig einer der bekanntesten Gegner der Mullahs in seiner alten Heimat.