Frankfurt

»Es zahlt sich aus«

»Wenn Gemeinden eine Zukunft haben wollen, müssen wir jetzt gegensteuern«: Zvi Bebera Foto: Christian Rudnik

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»Es zahlt sich aus«

Jugendzentrumsleiter Zvi Bebera über Identität, Herausforderungen und Nachhaltigkeit

von Ayala Goldmann, Katharina Schmidt-Hirschfelder  05.03.2018 20:23 Uhr

Herr Bebera, seit sechs Jahren leiten Sie das Jugendzentrum in Frankfurt, vorher waren Sie JuZe-Leiter in München. Aber eigentlich haben Sie in Israel Film studiert – wie kam es dazu, dass Sie in Deutschland in der jüdischen Jugendarbeit gelandet sind?
Als Zwölfjähriger kam ich mit meinen Eltern nach Offenbach. Mit 18 habe ich Abi­tur gemacht, wurde Madrich und fuhr auf Machanot. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) hat damals Potenzial in mir gesehen und mich zur Mitgestaltung der Madrichim-Ausbildung ins Jugendre­ferat geholt. Danach habe ich in Israel Regie studiert. Später bekam ich ein Angebot als Regieassistent in Berlin. Das habe ich mehrere Jahre lang gemacht. Aber immer parallel dazu – auch während des Studiums in Israel – habe ich weiter für die ZWST gearbeitet, kam für die Sommer- und Winter-Machanot zurück, habe sie geleitet, immer ehrenamtlich, drei Turnusse. Dafür habe ich auf meinen Urlaub verzichtet.

Was hat Sie so begeistert, dass Sie sogar auf Ihren Urlaub verzichtet haben?
Ich habe die Arbeit geliebt, und sie hat mich erfüllt – mit den Madrichim, die Verantwortung in leitender Funktion, die Anerkennung. Und es beruhte auf Gegenseitigkeit. Alle waren immer zufrieden. Das gibt einem Kraft weiterzumachen. Außerdem war es ja doch eine Art Mini-Urlaub, denn ich habe das Erlebte mit Freunden geteilt.

Welche Erkenntnisse haben Sie in dieser Zeit gewonnen, die Sie jetzt in die aktuelle Jugendarbeit einbringen können?

Wenn die Kinder nach Hause fahren und ihren Eltern über ihre Erlebnisse berichten, dann haben wir es geschafft, ihnen etwas mitzugeben: Identität. Identität ist für mich nichts Theoretisches, sondern etwas ganz Konkretes – gemeinsame Erinnerungen zu haben, die man mit Freunden, Eltern und Familie teilt. Wenn wir das geschafft haben, dann haben wir schon viel erreicht.

Was sind heute aus Ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen in der jüdischen Jugendarbeit?
Schule ist obligatorisch, aber ins Jugendzentrum kommen die Kinder freiwillig in ihrer Freizeit. Umso wichtiger ist es, dass sie es gerne tun, dass sie damit positive Energie verbinden und im besten Fall sagen: Das ist meine Gemeinde. Ziel muss es sein, dass die Kids sich durch die Jugendzentren als Teil der Gemeinde begreifen.

Wo beginnt das Gefühl von Zugehörigkeit zur Gemeinde?

Viele Jugendliche halten bis zum Alter von 18 Jahren Kontakt zu den Gemeinden – durch Machanot oder Zentralratsaktivitäten. Danach kehren die meisten den Gemeinden den Rücken und kommen erst wieder, wenn sie selbst Eltern werden. Das ist ein Problem. Die informelle Arbeit, wie Jugendarbeit oder Sonntagsschulen, kann genau diese Zugehörigkeit stärken.

Woran liegt es, dass Gemeinden das nicht erkennen? Es liegt doch auf der Hand.
Das ist eine sehr komplexe Angelegenheit. Viele Gemeinden sehen zwar ein, dass Jugendarbeit sehr wichtig ist, investieren aber zu wenig, da sie oft – verständlicherweise – andere Prioritäten haben, ob das Schulen sind, Kindergärten, Altersheime oder das Rabbinat. Da bleiben Nachwuchsförderung und Förderung der Jugendleiter oft auf der Strecke. Doch ohne Jugendförderung haben auch die Gemeinden keine Zukunft. Aus meiner 22-jährigen Erfahrung als Jugendleiter weiß ich, dass viele kleine Gemeinden oft weder über die nötigen Kapazitäten noch das Netzwerk oder das Know-how verfügen. Das fängt schon bei der Suche nach geeigneten Kandidaten an.

Wie könnte man das ändern?
Nur Institutionen wie der Zentralrat und die ZWST können gegensteuern, denn neben den genannten Aspekten kommt hinzu, dass manche Gemeinden dazu neigen, die Bedeutung der Jugendarbeit zu unterschätzen. Es gibt genug Leute, die gerne Jugendarbeit machen würden. Aber die freie Marktwirtschaft bietet lukrativere Jobs – natürlich entscheiden sich die guten Leute dann für andere Tätigkeiten. Dabei braucht Jugendarbeit vor allem Kontinuität.

Welcher Rahmen wäre dafür notwendig?

Vor allem sollte das Personal nicht alle zwei Jahre wechseln – so läuft es in den meisten Gemeinden. Ich bin zum Beispiel der Erste, der nach 40 Jahren einen unbefristeten Vertrag in Frankfurt bekommen hat. Frankfurt ist diesbezüglich wirklich eine vorbildliche Gemeinde: Der Vorstand ist willig, er vertraut uns und unterstützt uns sehr. Er hat die Bedeutung von Nachwuchsförderung erkannt. Das ist nicht bei allen Gemeinden in Deutschland der Fall.

Also mehr Nachhaltigkeit statt kurzfristige Lösungen?

Auf jeden Fall. Man baut ja erst einmal Vertrauen auf – zu Eltern, Kindern und der Gemeinde. Allein das dauert Jahre. Die Jugendlichen sind da sehr skeptisch. Und wenn sie wirklich jemanden mögen, muss er nach zwei Jahren weg. Das muss man ändern – dafür gewinnt man Nachhaltigkeit. Es ist wichtig, einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, da zu sein, sich zu kümmern, auch um die Madrichim.

Herzlichen Glückwunsch auch noch einmal nachträglich zum Jewrovision-Sieg. Wie viel Anteil haben Sie daran?
Es ist wie eine Filmproduktion – mit Produzent, Regisseur, Schauspielern, Bühnenbild, Choreograf, Musik, Betreuern. Mein Part war es, die Kinder zu motivieren und die Fäden zusammenzuhalten. Doch den Erfolg haben die Kids voll und ganz sich selbst zu verdanken.

Inwiefern mussten die Kinder überhaupt motiviert werden?
Motiviert waren sie, aber anfangs auch leicht desillusioniert. In all den Jahren haben sie immer wieder die Enttäuschung erlebt, nicht gewonnen zu haben – obwohl sie es verdient hätten. Es war sowohl meine Aufgabe, ihnen die Unsicherheit zu nehmen, wie auch, die Madrichim zu motivieren. Es war mir wichtig, den Jugendlichen zu vermitteln: Wir geben alles, und wir glauben an euch.

Woran liegt es, wer bei der Jewrovision vorne mitspielt und wer eher auf den hinteren Rängen landet?

Wenn es ein Rezept gäbe, würde jedes Jugendzentrum den ersten Platz belegen. Manchmal ist man auch überzeugt, dass man ein gutes Lied ausgewählt und eine gute Performance kreiert hat, aber das hilft alles nichts, wenn es nicht beim Publikum ankommt. Das hat auch mit dem Zeitgeist zu tun und mit der Energie, die auf der Bühne zu spüren ist. Da haben wir offenbar dieses Jahr den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber vorher kann man das nicht sagen.

Über welche Inhalte – außer der Jewrovision – kann man Jugendliche begeistern und an die Gemeinde binden?

Bei allem müssen wir genau hinschauen: Sind die Kinder schon überfordert, wenn sie zu uns kommen? Überschüttet an Input aus Schule und Medien? Das Letzte, was sie wollen, ist, dass ihnen dann auch noch jemand etwas vom Judentum erzählt. Zu Recht! Ich würde es auch nicht wollen. Also verpacke ich die Themen: Wir haben Spaß, und so führe ich sie durch ein Hintertürchen an Purim, Chanukka, Pessach heran – und ganz nebenbei erarbeiten wir Inhalte.

Welche Themen beschäftigen die Kinder – eher Alltagsfragen oder auch Politik?
Vor allem Freundschaft, Familie, soziale Medien. Zum Beispiel haben die Betreuer bei uns einen Fake-Facebook-Account erstellt und Leute aus der Gruppe hinzugefügt – alle haben das akzeptiert. Die Message war: Passt auf, wen ihr hinzufügt, was ihr preisgebt an Informationen, welche Bilder ihr hochladet. Aber wir machen es nicht wie im Unterricht. Es kommt nicht darauf an, was ich sage, sondern wie ich es vermittle. Das gilt natürlich auch für aktuelle politische Themen, die die Älteren bewegen, ob Antisemitismus oder Iran. Natürlich muss man immer altersspezifisch schauen. Aber auch hier gilt: Wir müssen dynamisch bleiben.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Klar möchte ich auch einmal einen Film drehen, das ist mein Kindheitstraum. Aber meine Erfüllung ist die Jugendarbeit. In fünf bis zehn Jahren sehe ich mich in einer Schlüsselposition – wo genau, weiß ich nicht. Ich bin de facto der erfahrenste Jugendzentrumsleiter in Europa. Und ich weiß, wie schwer es ist, heute überhaupt Jugendarbeit zu machen, in ganz Europa.

Was ist heute anders als vor 20 Jahren?
Heute konkurrieren wir mit einer Fülle an Möglichkeiten, preiswerten Urlauben, gewachsenem Druck in der Schule und außerschulischen Aktivitäten. Die Jugendlichen wollen nicht noch mehr Input. Das muss man alles beachten. Und in Frankfurt passiert da sehr viel. Es zahlt sich aus, wenn die Gemeinde investiert – nicht nur Geld, sondern Gedanken und Visionen. Genau das passiert in Frankfurt: Hier wird langfristig gedacht.

Mit dem Leiter des Frankfurter Jugendzentrums sprachen Ayala Goldmann und Katharina Schmidt-Hirschfelder.

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