»Fucking Jew, I will kill you!« Mit diesen Worten wurde Pavel Lyubarsky, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte beschimpft und bedroht. Lyubarsky war vergangenen Freitagnachmittag auf dem Weg zum Schabbatgottesdienst der orthodoxen Gemeinde, wie der Gemeindevorsitzende im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen berichtet.
Nicht weit von der Synagoge in der Brunnenstraße entfernt, an der Ecke Brunnenstraße / Bernauer Straße, habe er aus einer Entfernung von etwa 50 Metern zwei Jugendliche oder junge Männer bemerkt, möglicherweise mit arabischem Hintergrund. Als er die Straßenseite wechselte, hätte ihm der eine Mann die eingangs zitierten Worte zugerufen.
Wegen der großen Entfernung habe er dies nicht direkt als Bedrohung wahrgenommen. Sprüche wie »Free Palestine« oder »Free Hamas« - durchs Fenster vorbeifahrender Autos gerufen - bekomme man in der Gegend öfter zu hören. »Aber dieser Ruf war schon krass«, so Lyubarsky, denn »I will kill you!« (Ich werde dich/euch töten) sei schon eine deutliche Drohung.
»Er hat sich dabei gar nicht geschämt, er wollte sogar aufgenommen werden.« Pavel Lyubarsky, Vorsitzender von Kahal Adass Jisroel, über den Mann, der ihm den Hitlergruß zeigte
Er sei dann bei der Synagoge angekommen, wo eine Mahnwache stattfand, die dort seit dem versuchten Brandanschlag auf die Synagoge vom 18. Oktober 2023 regelmäßig abgehalten wird, auch zum Schutz des Gemeindezentrums. Etwa 15 Personen seien dort gewesen, zum Teil hätten diese auch Israel-Fahnen gezeigt. Lyubarsky habe die Teilnehmenden auf die beiden jungen Männer hingewiesen, die ihm gefolgt waren, woraufhin einer der Mahnwachenteilnehmer sein Smartphone herausgeholt und die Verfolger zu filmen begonnen habe.
Einer der beiden habe dann, wie auch auf dem Video zu sehen ist, mehrfach den Hitlergruß gezeigt. »Er hat sich dabei gar nicht geschämt, er wollte sogar aufgenommen werden«, berichtet der Gemeindevorsitzende seine Wahrnehmung. »Er war anscheinend sehr stolz darauf.« Der zweite Mann habe nichts gemacht, er sei einfach mitgelaufen.
Wegen der Mahnwache sei eine Polizeistreife ohnehin an Ort und Stelle gewesen. »Die haben sofort reagiert und ihn angehalten«, so Lyubarsky, der Mann habe auch keine Anstalten gemacht wegzulaufen. Nach dem Gottesdienst habe Lyubarsky schließlich gesehen, dass der Mann dort immer noch in Polizeigewahrsam gewesen sei. Am Mittwoch dieser Woche habe nun auch jemand von der Polizei Lyubarsky wegen einer Zeugenaussage kontaktiert.
Auch angesichts des Anschlags beim Berliner Christopher Street Day hält Pavel Lyubarsky eine zweigleisige Strategie bei der Bekämpfung von Antisemitismus und Islamismus für notwendig. Aufklärungsprojekte für Jugendliche zum Beispiel an Schulen seien sehr wichtig. Aber auch eine härtere und konsequentere Verfolgung von Straftaten wünscht sich der Gemeindevorsitzende.
Am 18. Oktober 2023 kam es zu zwei Vorfällen an dem jüdischen Gemeindezentrum in Berlin-Mitte. Zunächst warfen in der Nacht zwei Personen Molotowcocktails in die Richtung des Zentrums, in dem sich unter anderem eine Synagoge, eine Schule und eine Kita befinden. Das Gebäude wurde dabei verfehlt. Einige Stunden später fuhr dort ein Mann mit einem E-Roller und einer Kufiya, einem sogenannten Palästinensertuch vorbei und versuchte, einen Gegenstand aus seiner Tasche zu ziehen. Die Polizei nahm ihn fest.
Für das vergangene Jahr hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS Berlin) insgesamt 2197 antisemitische Vorfälle in der Hauptstadt dokumentiert. Nach Angaben der Organisation entspricht das im Durchschnitt sechs Vorfällen pro Tag. Der kürzlich veröffentlichte RIAS-Jahresbericht beschreibt eine anhaltend hohe Belastungslage seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und spricht von einer weiteren Enthemmung antisemitischer Ausdrucksformen im öffentlichen Raum.