Kommentar

Den Nachkommen der Schoa-Opfer kaltschnäuzig und nassforsch die Leviten gelesen

Sophie von der Tann, ARD-Korrespondentin in Tel Aviv Foto: picture alliance / HMB Media

»Wie zynisch, dass Deutschland 80 Jahre nach der Schoa zu den mächtigsten Ländern der Welt zählt und Israel noch immer um seine schiere Existenz kämpfen muss.« Das hätte sie sagen können. »Es ist grausam, mit ansehen zu müssen, dass das schlimmste Massaker an Juden seit der Schoa täglich weitere Opfer fordert und unschuldigen Menschen unerträgliches Leid zufügt – in den Foltertunneln der Hamas, in Gaza und in Israel«, wäre auch ein passender Satz gewesen oder ein Wort des Dankes an das Land der Überlebenden für die Bereitschaft zur Versöhnung, die Deutschland den Weg zurück in die Völkergemeinschaft geebnet hat.

Nichts dergleichen. Stattdessen hat Sophie von der Tann, die Israel-Korrespondentin der ARD, es in ihrem Tagesthemen-Kommentar zu 60 Jahren diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel geschafft, in gerade mal 90 Sekunden 60 Jahre Vertrauensvorschuss in die Tonne zu treten.

Nassforsch und kalt wie Hundeschnauze las von der Tann den Nachkommen der Opfer ihrer Großelterngeneration die Leviten. Ihre Logik: Gerade, weil wir Deutsche gestern so viele Millionen Menschen ermordet haben, sind wir heute verpflichtet, den Überlebenden unserer Gräuel zu erklären, wie sie sich gegen die Mörder von heute zu verteidigen haben, schließlich kennt sich keiner mit Kriegsverbrechen besser aus als wir.

Ja, man kann und muss über die Politik der israelischen Regierung und ihr militärisches Vorgehen streiten. Aber nicht zu diesem Anlass und nicht im Kammerton selbstgerechter Empörung, den sie bis zum Schluss hält, wenn sie mit hohlem Pathos Israels Protestbewegung dreist als Kronzeugen ihrer Tirade vereinnahmt, wenn sie zum Schluss feststellt, dass die Mehrheit der Israelis will, »dass dieser Krieg endlich, endlich endet, damit die Geiseln freikommen.«

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Natürlich, was denn sonst? Die Mehrheit der Israelis will ein Ende des Krieges, den nicht Israel, sondern die Hamas begonnen hat und den die Terrororganisation mit jedem Tag der Geiselnahme fortführt. »Die Hamas muss die Geiseln freilassen und damit ihre grausamste Waffe niederlegen, damit der Krieg endlich endet!« Noch ein Satz, den sie leider nicht gesagt hat, wohl auch, weil sie nicht versteht und nicht fühlt, dass die Qual der Geiseln alle Israelis und die gesamte jüdische Gemeinschaft weltweit foltert.

Die Autorin ist Journalistin, Preisträgerin der Buber-Rosenzweig-Medaille und lebt in Frankfurt.

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