Drei Jahre nach dem 7. Oktober fällt es mir schwer, noch einmal zu schreiben, dass sich jüdisches Leben verändert habe. Natürlich hat es sich verändert. Viele von uns haben gelernt, Räume anders wahrzunehmen, Gespräche früher abzuschätzen, manche Formulierungen schneller zu erkennen und bei anderen längst nicht mehr überrascht zu sein. Auch die Universitäten haben reagiert. Es gibt Erklärungen, Beauftragte, Beratungsstellen, Fortbildungen und Sicherheitskonzepte. Vieles davon war notwendig.
Und doch bleibt bei mir eine Irritation. Je länger diese neue Wirklichkeit dauert, desto weniger überzeugt mich die Vorstellung, wir hätten es vor allem mit einem Mangel an Wissen oder Sensibilität zu tun. Drei Jahre nach dem 7. Oktober wissen Universitäten, dass Antisemitismus ein Problem ist. Sie wissen auch, dass jüdische Studierende und Wissenschaftler Situationen erleben, in denen sie sich nicht sicher, nicht gehört oder auf eine politische Position reduziert fühlen. Schwieriger wird es dort, wo aus diesem Wissen Urteil werden soll.
Genau hier geraten Universitäten erstaunlich schnell an ihre eigenen Grenzen.
Wenn jüdische Erfahrung nicht ins Raster passt
Ein Teil des Problems liegt in der Art, wie wir heute über Macht sprechen.
Universitäten haben in den vergangenen Jahrzehnten viel darüber gelernt, gesellschaftliche Ungleichheit sichtbar zu machen. Das war notwendig und hat unsere Wahrnehmung verändert. Wir sprechen differenzierter über Rassismus, Geschlecht, soziale Herkunft, Kolonialismus und strukturelle Ausschlüsse. Schwieriger wird es dort, wo jüdische Erfahrung sich diesen Ordnungen nicht eindeutig fügt.
Antisemitismus folgt dabei einer besonderen Logik. Er imaginiert Jüdinnen und Juden häufig gerade als mächtig: als einflussreich, privilegiert, geschützt, überrepräsentiert oder besonders gut vernetzt. Feindseligkeit kann dadurch als Kritik an Macht erscheinen. Der Angegriffene erscheint selbst auf der Seite jener Herrschaft, gegen die sich die Kritik zu richten meint.
Nach dem 7. Oktober ist diese Grenze schmerzhaft sichtbar geworden. Jüdische Verletzbarkeit steht im universitären Diskurs unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck, sobald Israel ins Spiel kommt. Die konkrete Erfahrung eines jüdischen Menschen kann hinter einer geopolitischen Zuschreibung verschwinden: Aus der Zugehörigkeit zu einer kleinen Minderheit wird symbolisch Nähe zu Staatlichkeit und militärischer Macht, aus biografischer oder familiärer Verbundenheit eine politische Position, aus Angst etwas, das zunächst in das größere Bild des Nahostkonflikts eingeordnet werden soll.
Das ist mehr als ein Missverständnis. Es zeigt, wie Vorstellungen von Macht Wahrnehmung organisieren. Wer bereits der mächtigeren Seite zugerechnet wird, dessen Verwundbarkeit lässt sich leichter relativieren, kontextualisieren oder mit einem »Ja, aber« versehen. Darin liegt eine besondere Schwierigkeit antisemitismuskritischer Wahrnehmung: Das Ressentiment kann eine Sprache annehmen, die nach Kritik an Herrschaft klingt und dadurch seinen eigenen antisemitischen Gehalt verdeckt. Wo dies geschieht, wird jüdische Verwundbarkeit nicht einfach übersehen; sie wird durch eine bereits feststehende politische Lesart überformt.
Genau deshalb reicht es nicht, jüdische Erfahrung einfach in vorhandene Kategorien einzutragen. Antisemitismuskritik zwingt dazu, auch die Kategorien selbst zu prüfen. Eine Theorie kann mit emanzipatorischem Anspruch entwickelt worden sein und trotzdem Erfahrungen unlesbar machen, wenn sie schon vor der Begegnung mit ihnen weiß, wer mächtig und wer verletzlich zu sein hat.
Das Problem sitzt dann nicht nur bei denen, die noch nicht genügend »sensibilisiert« wurden. Es kann mitten in einer reflektierten, politisch engagierten akademischen Kultur entstehen.
Die Krise der Kritik
Das führt zu einem Punkt, der mich seit dem 7. Oktober besonders beschäftigt. Die Universität versteht sich als Ort der Kritik, und sie hat allen Grund dazu. Wissenschaft soll Gewissheiten überprüfen, Herrschaftsverhältnisse untersuchen und gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten irritieren.
Aber was geschieht, wenn Kritik selbst zur Gewissheit wird?
In den Tagen nach dem 7. Oktober war für mich verstörend, wie schnell manche Deutungen feststanden. Noch während die Dimension des Massakers sichtbar wurde, lagen die theoretischen Raster bereits bereit: Besatzung, Widerstand, Dekolonisierung, Unterdrücker und Unterdrückte. Begriffe, die analytisch wichtig sein können, waren mitunter schneller als die Wahrnehmung des konkreten Ereignisses.
Das beschäftigt mich bis heute stärker als manche einzelne empörende Äußerung. Denn hier zeigte sich ein Problem wissenschaftlicher Kultur. Theorie hilft uns zu sehen. Sie kann unserer Wahrnehmung aber auch so weit vorauslaufen, dass wir irgendwann nur noch erkennen, was innerhalb ihrer Ordnung vorkommen darf.
Kritik verliert dann etwas von ihrer Kraft. Sie verwandelt sich in eine Position, von der aus die Welt bereits durchschaut scheint. Vielleicht liegt genau darin eine der unangenehmsten Lehren dieser drei Jahre: Bildung schützt nicht automatisch vor Antisemitismus. Antisemitismus kann gebildet sprechen, historisch informiert auftreten, theoretisch anschlussfähig sein und sich vollkommen überzeugt auf der Seite der Emanzipation verorten.
Manchmal macht Bildung ein Ressentiment nur besser formulierbar.
Vielleicht müsste eine Universität gerade dort misstrauisch werden, wo alles plötzlich sehr gut zusammenpasst. Wo Täter, Opfer, Macht und Widerstand schon verteilt sind, bevor der konkrete Fall überhaupt noch stören kann. Mich beunruhigt weniger, dass wir Begriffe verwenden. Mich beunruhigt, wenn sie uns die Irritation abnehmen. Denn eine Theorie, die nur noch bestätigt, was sie ohnehin erwartet, erklärt irgendwann nicht mehr die Wirklichkeit, sondern schützt sich vor ihr.
Sichtbarkeit und Repräsentationsdruck
In diesen drei Jahren habe ich außerdem eine andere Erfahrung immer deutlicher wahrgenommen: Jüdinnen und Juden sind an Universitäten sichtbarer geworden, und gerade diese Sichtbarkeit kann unfrei machen.
Man wird gefragt, soll einordnen, wird zu Diskussionen eingeladen. Was ist die jüdische Perspektive? Was bedeutet Israel für Jüdinnen und Juden? Warum ist diese Parole antisemitisch? Wie beurteilt man den Krieg? Es ist wichtig, jüdische Stimmen nicht zu übergehen. Das Interesse verwandelt sich jedoch erstaunlich schnell in eine Erwartung.
Plötzlich spricht man nicht mehr einfach als Wissenschaftler, Kollege oder Student. Man spricht als Jüdin oder Jude. Damit entsteht eine Repräsentationslast, die schwer zu erklären ist, wenn man sie nicht selbst erlebt. Kritik an der israelischen Regierung kann einen zum besonders willkommenen Gesprächspartner machen, Verbundenheit mit Israel verlangt Erläuterung, Schweigen wird interpretationsbedürftig. Ambivalenz passt schlecht in ein Gespräch, das schon vorher wissen möchte, wo man steht.
Zu einem selbstbestimmten jüdischen Leben gehört auch das Recht, Israel wichtig zu finden, sich mit ihm verbunden zu fühlen, seine Regierung zu kritisieren oder sie aus Solidarität zu unterstützen, über das Leiden in Gaza entsetzt zu sein, widersprüchliche Gefühle auszuhalten, keine abschließende Position zu haben oder über all das manchmal gar nicht sprechen zu wollen.
Eine antisemitismuskritische Universität müsste deshalb auch ein Recht auf Nicht-Repräsentation anerkennen. Jüdisches Leben wird nicht dadurch freier und normaler, wenn Jüdinnen und Juden permanent als jüdische Stimmen sichtbar gemacht werden. Freiheit und Normalität können eben gerade darin bestehen, nicht erklären zu müssen, wer man ist.
Definitionsmüdigkeit
Ähnlich geht es mir inzwischen mit der Debatte um Antisemitismusdefinitionen. IHRA, Jerusalem Declaration, Nexus – die Konfliktlinien sind bekannt, die Argumente vielfach ausgetauscht. Es gibt gute Gründe, über Reichweite, Präzision und politische Folgen dieser Definitionen zu streiten. Begriffe sind nicht gleichgültig, Institutionen brauchen Kriterien.
Trotzdem spüre ich eine Müdigkeit gegenüber Debatten, in denen sich die Frage universitärer Antisemitismuskritik fast vollständig daran entscheidet, auf welches Definitionspapier man sich beruft.
Das Problem ist weniger die eine oder andere Definition als die Hoffnung, eine Definition könne uns die Arbeit des Urteilens abnehmen.
Das kann sie nicht.
Keine Definition entscheidet automatisch, was in einem konkreten Seminar geschehen ist, wie eine Parole in ihrem Kontext zu verstehen ist oder wann aus scharfer Israelkritik eine antisemitische Projektion wird. Ebenso wenig sagt sie einer Universitätsleitung, wie sie in einer Situation handeln soll, in der politische Rede, Einschüchterung und diskriminierende Wirkung ineinandergreifen.
Vielleicht ist gerade die Heftigkeit der Definitionsdebatte selbst ein Symptom. Sie verwandelt eine schwierige institutionelle Aufgabe in eine scheinbar prinzipielle Entscheidung. Hat man die »richtige« Definition gewählt, scheint bereits viel gewonnen. Die wirklichen Schwierigkeiten beginnen jedoch dort, wo kein Papier mehr entscheidet.
Eine urteilsfähige Universität braucht deshalb mehr als definitorische Loyalität: historische Kenntnis, Kontextsensibilität, Erfahrung, Verfahren und die Bereitschaft, Entscheidungen zu begründen. Vor allem muss sie aushalten, dass Urteil fehlbar bleibt.
Das ist unbefriedigend. Vielleicht gerade deshalb. Denn Urteil besitzt keine Fußnote, hinter der man sich im Konfliktfall verstecken kann.
Das Problem der Urteilskraft
Vielleicht liegt hier überhaupt der Kern. Der Kampf gegen Antisemitismus an Universitäten scheitert häufig weder an fehlenden Bekenntnissen noch an mangelnder Dialogbereitschaft. Er scheitert an Urteilskraft.
Eine scharfe Kritik an israelischer Politik ist etwas anderes als eine antisemitische Projektion. Ein politischer Protest ist etwas anderes als Einschüchterung und Boykott. Wissenschaftlicher Dissens lässt sich nicht mit denselben Mitteln bearbeiten wie Diskriminierung. Gerade nach dem 7. Oktober haben sich dabei zwei gegenläufige Reflexe verfestigt: Der eine behandelt nahezu jede Antisemitismusdiagnose als Versuch, legitime Israelkritik zu unterbinden; der andere macht Antisemitismus selbst zur politischen Grenzmarkierung.
Beide Reaktionen ersparen das schwierigere Geschäft des Unterscheidens. Wo der Begriff inflationär verwendet wird, verliert er analytische Schärfe. Wo er aus Angst vor Instrumentalisierung nur noch bei völlig eindeutigen Fällen zugelassen wird, bleiben gerade jene Formen unsichtbar, die sich in politisch akzeptierten Sprachen artikulieren.
Urteil ist deshalb kein Mittelweg zwischen zwei Lagern. Es ist die Bereitschaft, Unterschiede auszuhalten, Entscheidungen zu begründen und die eigene Fehlbarkeit nicht aus dem Verfahren herauszudefinieren. Eigentlich müsste gerade darin eine Universität gut sein.
Wenn Professionalisierung zur Beruhigung wird
Im ersten Jahr nach dem 7. Oktober konnte man vieles noch als Überforderung erklären. Im zweiten wurde sichtbar, dass manche Konflikte sich verfestigen. Im dritten reicht diese Erklärung nicht mehr aus. Wo Zuständigkeiten weiterhin unklar bleiben, wo Betroffene nicht wissen, an wen sie sich wenden können und wo jeder Vorfall neue Krisenrunden produziert, zeigt sich längst ein Governance-Problem.
Viele Universitäten haben in den vergangenen Jahren Antisemitismusbeauftragte eingesetzt. Das ist zunächst ein Fortschritt. Problematisch wird es dort, wo die Einrichtung dieser Funktion bereits als institutionelle Antwort gilt. Eine Beauftragung ohne Ressourcen, Zeitbudgets, klare Zuständigkeiten, Zugang zu Entscheidungswegen und Rückhalt durch die Universitätsleitung bleibt leicht symbolisch. Wer eine Aufgabe erhält, ohne tatsächlich handeln zu können, wird schnell zum sichtbaren Zeichen einer Verantwortung, die institutionell weiterhin zerstreut bleibt.
Hinzu kommt etwas, über das ungern gesprochen wird: Nicht jede Person, die eine solche Funktion übernimmt, verfügt automatisch über die fachlichen Voraussetzungen, Antisemitismus in seinen historischen, politischen, religiösen und gegenwärtigen Erscheinungsformen sicher einordnen zu können. Antisemitismuskritik ist kein Nebenprodukt allgemeiner Diversity-Kompetenz. Sie verlangt eigene Kenntnisse, Erfahrung mit konflikthaften Fallkonstellationen, Sensibilität für israelbezogenen Antisemitismus und zugleich die Fähigkeit, politische Kontroversen nicht vorschnell zu moralisieren.
Das Problem liegt deshalb nicht pauschal bei den Beauftragten. Es liegt in der institutionellen Versuchung, eine komplexe Aufgabe personell zu markieren und damit strukturell für erledigt zu halten. Manchmal entsteht dabei eine paradoxe Logik: Je sichtbarer die Zuständigkeit wird, desto unsichtbarer wird die Verantwortung der übrigen Universität. Die Universität kann auf eine zuständige Stelle verweisen, während die beauftragte Person Verantwortung trägt, ohne über ausreichende Mittel oder Entscheidungsmöglichkeiten zu verfügen.
Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen antisemitismuskritischen Strukturen und struktureller Antisemitismuskritik. Letztere beginnt erst dort, wo die Arbeit dieser Stellen auf Lehre, Beschwerdewege, Universitätsleitung, Sicherheitsstrukturen und Fachkulturen zurückwirkt. Wo Konflikte ausgewertet werden, Zuständigkeiten vor der nächsten Eskalation geklärt sind und institutionelles Lernen tatsächlich stattfindet.
Sonst kann Professionalisierung beruhigen, ohne viel zu verändern.
Woran haben wir uns gewöhnt?
Vielleicht ist das die eigentliche Frage des dritten Jahrestages.
Die bekannten Sätze stimmen noch immer: Der 7. Oktober war eine Zäsur. Jüdisches Leben hat sich verändert. Antisemitismus ist sichtbarer geworden. Wir müssen wachsam bleiben. Doch je häufiger diese Sätze wiederholt werden, desto größer ist die Gefahr, dass sie ihre irritierende Kraft verlieren.
Mich beschäftigt inzwischen stärker, woran wir uns gewöhnt haben.
Dass jüdische Veranstaltungen Sicherheitskonzepte benötigen. Dass Studierende überlegen, ob sie einen Davidstern sichtbar tragen. Dass Jüdinnen und Juden erklären sollen, wie sie zu Israel stehen. Dass politische Debatten so vorhersehbar eskalieren, dass Menschen ihnen lieber aus dem Weg gehen.
Vielleicht ist das Verstörendste inzwischen gar nicht mehr die Eskalation. Vielleicht ist es die Routine danach. Man kennt die Mails, die Sitzungen, die Sicherheitsabsprachen, die Formulierungen. Auch Sorge kann institutionell routiniert werden. Irgendwann merkt man, dass etwas weiterhin falsch ist, aber nicht mehr fremd.
Genau darin liegt die Gefahr der Gewöhnung. Was 2023 noch Erschütterung ausgelöst hätte, kann 2026 als bekannte Konfliktlage erscheinen. Man kennt die Abläufe, verweist auf Beratungsangebote, organisiert ein Gespräch, stimmt Kommunikation ab. Das wirkt professioneller als die Ratlosigkeit der ersten Monate. Es kann zugleich bedeuten, dass die Universität gelernt hat, das Problem routinierter zu verwalten.
Offene Konflikte erzwingen wenigstens eine Reaktion. Normalisierung verändert leiser den Horizont dessen, was wir überhaupt noch für bemerkenswert halten.
Drei Jahre danach
Drei Jahre nach dem 7. Oktober ist deshalb eine unbequemere Bilanz nötig. Universitäten haben in dieser Zeit nicht nur erfahren, wie schwer Antisemitismus in konkreten Situationen zu erkennen und zu bearbeiten ist. Sichtbar geworden sind auch Grenzen jener Begriffe, mit denen sie Gegenwart ordnen. Eine politische Grammatik, die Macht und Verletzbarkeit allzu eindeutig verteilt, stößt dort an ihre Grenze, wo jüdische Erfahrung nicht in die vorgesehenen Rollen passt. Genau dann entscheidet sich, ob die Universität ihre Kategorien an der Wirklichkeit überprüft – oder die Wirklichkeit an ihren Kategorien. Ebenso hat sich gezeigt, wie leicht Kritik ihre eigene Begrenztheit verliert, wenn sie sich ihrer moralischen Position zu sicher wird. Und eine Universität, die auf jede Krise mit einer weiteren Stelle, einem weiteren Leitfaden oder einer weiteren Erklärung reagiert, kann erstaunlich professionell darin werden, Probleme zu verwalten, ohne ihre Bedingungen zu verändern.
Damit gerät mehr ins Wanken als einzelne Verfahren. Zur Disposition steht ein bestimmtes Selbstbild der Universität: die Vorstellung, sie sei im Kern bereits ein aufgeklärter, reflexiver und emanzipatorischer Ort, der lediglich konsequenter nach den eigenen Maßstäben handeln müsse. Die vergangenen drei Jahre legen nahe, dass auch diese Maßstäbe selbst geprüft werden müssen. Bestimmte akademische Milieus können Antisemitismus übersehen; unter bestimmten Bedingungen können ihre Begriffe ihm sogar eine Sprache anbieten, in der Ressentiment als Kritik an Macht, Emanzipation oder moralische Klarheit erscheint.
Das heißt nicht, kritische Theorie, Machtanalyse oder emanzipatorische Politik unter Generalverdacht zu stellen. Es heißt, ihnen dieselbe Selbstkritik abzuverlangen, die sie gegenüber anderen gesellschaftlichen Ordnungen mit Recht einfordern. Eine Kritik, die ihre eigenen blinden Stellen nicht mehr wahrnehmen kann, verliert einen Teil dessen, was sie einmal zu Kritik gemacht hat.
Deshalb reicht Sensibilisierung nicht. Es braucht Auseinandersetzung mit den eigenen Theorien und Begriffen, mit akademischen Milieus, die politische Selbstbeschreibung und Erkenntnis zu leicht ineinanderschieben, mit Institutionen, die Schutz versprechen und Verantwortung zugleich delegieren – und auch mit einer Antisemitismuskritik, die sich ihrer eigenen Kategorien zu sicher wird.
Die entscheidende Frage des dritten Jahrestages lautet damit nicht mehr allein, was Universitäten gegen Antisemitismus getan haben. Entscheidend ist, was sie bereit sind, aus den vergangenen drei Jahren über sich selbst zu lernen – und ob daraus mehr folgt als eine weitere Struktur, ein weiteres Papier, ein weiteres Bekenntnis.
Antisemitismuskritik wäre dann mehr als die nächste universitäre Querschnittsaufgabe.
Sie würde die Universität zwingen, ihr eigenes Selbstbild zu revidieren.
Der Autor ist Professor für Jüdische Studien/Religionswissenschaft und Co-Leitung des Zentrums für antisemitismuskritische Bildung (CCEA) an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.