Es ist nur ein kleiner Post auf Social Media. Ein paar Sätze, ein Foto, 80 Reaktionen und vier Kommentare. Und doch ist bemerkenswert, was der linke Zürcher Stadtpräsident Raphael Golta zum dritten Jahrestag des 7. Oktober geschrieben hat. Er nennt den Hamas-Angriff ausdrücklich einen »schrecklichen Terrorangriff«, denkt an die Opfer und ihre Angehörigen und spricht anschließend das an, was inzwischen beinahe zum politischen Tabu geworden ist: den Antisemitismus, der seit dem 7. Oktober auch in Zürich deutlich zugenommen hat.
Vor allem aber schreibt Golta den Satz, der eigentlich selbstverständlich sein sollte und gerade deshalb auffällt: »Jüdisches Leben gehört zu Zürich und muss sicher, sichtbar und selbstbestimmt gelebt werden können.« Auf den ersten Blick könnte man sagen: Nicht besonders mutig. Doch es ist die Haltung, die ein sozialdemokratischer Politiker in einer liberalen Demokratie eben vertreten sollte. Denn wo der Blick sonst hinfällt: Schweigen, auch in Berlin, London oder New York.
Stattdessen schreibt die Linke im Deutschen Bundestag am heutigen Jahrestag der Hamas-Massaker »Der 7. Oktober ist ein Tag der Trauer«, nur um zu ergänzen: »Was in Gaza passiert, ist ein Völkermord«. Die Grünen Großbritanniens stimmten unmittelbar vor dem 7. Oktober auf dem Parteitag für einen Antrag, der Zionismus offiziell als eine Spielart des Rassismus bezeichnet. Und aus New York? Bisweilen ohrenbetäubende Stille.
Zürich ist nicht Berlin. Zürich ist auch nicht New York. Die politischen Verhältnisse sind andere, die Dimensionen kleiner, die Gesellschaft überschaubarer. Aber vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, einmal hinzusehen. Denn Goltas Post zeigt: Linke Politik und Solidarität mit jüdischem Leben wären grundsätzlich möglich.
Vielleicht müsste man auch mal das Narrativ korrigieren, wonach die derzeitige Gaza-Empörung zwangsläufig Ausdruck linker oder sozialistischer Politik sei. Denn darin liegt das Problem. Solidarität mit den Schwächsten ist wiewohl ein linkes Anliegen. Aber die Verharmlosung von Terror ist es nicht. Antisemitismus ist es nicht. Und die Vorstellung, dass jüdische Menschen sich in europäischen Städten für die Politik einer Regierung rechtfertigen müssten, die sie nicht gewählt haben, ist mit einem emanzipatorischen Verständnis von Politik kaum vereinbar. Und was schon längst kein Geheimnis mehr ist: Der Begriff »Palästina« ist für viele Linke zum moralischen Freipass geworden – unabhängig davon, was auf einer der unzähligen Anti-Israel-Kundgebungen gesagt oder skandiert wird.
Zürichs Bürgermeister Raphael Golta liefert in seinem Post kein großes politisches Programm. Er schreibt lediglich, dass jüdisches Leben sicher, sichtbar und selbstbestimmt möglich sein muss. Aber es ist eine politische Botschaft. Und vielleicht sollten Berlin, New York und all jene linken Parteien und Bewegungen, die gerade mühsam ihr Verhältnis zum jüdischen Leben neu austarieren und daran kläglich scheitern, gelegentlich nach Zürich schauen. Nicht, weil Zürich alles besser macht. Sondern, weil es auch anders geht. Auch am 7. Oktober.
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