Meinung

Wenn Empörung den Blick verstellt

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und seine Regierung wurde von Liedermacher Wolf Biermann als Antisemit bezeichnen Foto: picture alliance / Debbie Hill/Pool UPI via AP

Lieber Wolf Biermann, Ihre Stimme hat für mich Gewicht. Gerade deshalb enttäuschen mich Ihre jüngsten Aussagen über Israel. Von einem Mann, der ideologische Verblendung durchschaut und bekämpft hat, erwarte ich ein Urteil, das auch unter dem Eindruck erschütternder Bilder zwischen Empörung und Erkenntnis unterscheidet

Den Genozidvorwurf weisen Sie zurück. Das ist richtig und wichtig. Doch zugleich erklären Sie Israels Vorgehen pauschal zum Kriegsverbrechen und behaupten, die »schlimmsten und gefährlichsten Antisemiten« lebten »im Moment in Israel«. Diese Rangordnung verkennt, von wem die Bedrohung jüdischen Lebens ausgeht.
Wo bleiben Hamas, Hisbollah und das iranische Regime? Wo bleiben diejenigen, die Juden auf deutschen Straßen und weltweit bedrohen und angreifen, Anschläge auf jüdische Einrichtungen verüben oder vorbereiten? Der massive Anstieg antisemitischer Vorfälle zeigt, wie konkret diese Gefahr ist. Juden erleben, wie alleine gelassen sie tatsächlich sind. Ausgerechnet Israels Regierungschef zu den gefährlichsten Antisemiten zu zählen, verschiebt den Blick von den Tätern auf den jüdischen Staat.

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Israel nicht pauschal verurteilen

Netanjahu zu kritisieren, ist selbstverständlich legitim. Auch sein Festhalten an extremistischen Koalitionspartnern verdient entschiedenen Widerspruch. Doch weder seine Regierung noch einzelne Minister stehen für die gesamte israelische Gesellschaft. Ihre Enttäuschung über diese Regierung rechtfertigt es nicht, Israel pauschal als undemokratischen und unmenschlichen Staat darzustellen.

Um diese Grenze präzise zu ziehen, könnten Sie die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) heranziehen. Sie stellt ausdrücklich klar, dass Kritik an Israel, die mit der Kritik an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht antisemitisch ist. Zugleich nennt sie Doppelstandards gegenüber Israel und die kollektive Verantwortlichmachung von Juden für israelisches Handeln als mögliche Erscheinungsformen von Antisemitismus, die im jeweiligen Kontext zu beurteilen sind. Zusammen mit Natan Sharanskys drei Warnzeichen – Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards – hilft sie, begründete Kritik von Ressentiments zu unterscheiden. Wer den Antisemitismusvorwurf erhebt, sollte diese Maßstäbe anwenden.

Israels Handeln unter Bedingungen des Krieges beurteilen

Präzision fehlt ebenso in Ihrem Urteil über Gaza. Die Zerstörung ist erschütternd, das Leid der Zivilbevölkerung real. Aber die Hamas hat diesen Krieg mit dem Massaker vom 7. Oktober ausgelöst, Geiseln verschleppt und ihre militärische Infrastruktur in zivile Gebiete eingebettet. Ihr Tunnelnetz wurde von israelischen Sicherheitsvertretern auf bis zu rund 700 Kilometer geschätzt. Ihre fortgesetzte Kriegsführung und das Festhalten an den Geiseln waren entscheidende Hindernisse für ein früheres Kriegsende. Wer diese Verantwortung ausblendet, beurteilt Israels Handeln, ohne die Bedingungen zu berücksichtigen, unter denen es stattfindet.

Zu einer vollständigen Betrachtung gehören außerdem Israels Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten: Flugblätter, telefonische Warnungen, SMS und Evakuierungsaufrufe. Nach Angaben der israelischen Armee wurden bereits bis Ende März 2024 Millionen solcher Warnungen übermittelt. Sie machen nicht jeden Angriff rechtmäßig, dürfen aber auch nicht unterschlagen werden. Ob eine konkrete Handlung ein Kriegsverbrechen ist, muss anhand von Tatsachen und rechtlichen Maßstäben geprüft werden. Das Ausmaß der Zerstörung allein ersetzt diese Prüfung ebenso wenig wie die moralische Gewissheit eines Kommentators.

Israel in den Medien auf der Anklagebank

Dass solche Zusammenhänge aus dem Blick geraten, hat für mich viel mit einer Schieflage in Teilen der Berichterstattung zu tun: Israels Handeln steht unablässig vor Gericht, während die Strategie der Hamas zur Hintergrundinformation schrumpft. Auch ein kluger Mensch kann Zusammenhänge verkennen, wenn ihm täglich vor allem die Anklage begegnet. Die Empörung wächst dann schneller als das Wissen.

Welche Medien Sie lesen, sehen oder hören, weiß ich nicht. Doch auch die Perspektiven von Haaretz, taz, FAZ und Süddeutscher Zeitung brauchen Gegenprüfung – etwa anhand der Argumente, die WELT und andere Springer-Medien veröffentlichen. Diese stärker zu berücksichtigen, würde ich Ihnen empfehlen. Für Presse, Fernsehen, Radio und Onlineangebote gilt derselbe Anspruch: Jede Darstellung verdient kritische Prüfung, gerade anhand jener Fakten, die dem eigenen Urteil widersprechen.

Als vertrauter und kritischer Gesprächspartner fehlt hier Arno Lustiger, den Sie als väterlichen Freund beschrieben haben und der auch uns ein enger Freund und wichtiger Verbündeter war. Ich bin überzeugt, dass er Ihre Worte so nicht hätte stehen lassen. Sein hartnäckiger Widerspruch fehlt in dieser Debatte.

Ihre eigene Geschichte lässt keinen Zweifel daran, dass Sie wissen, was Judenhass bedeutet. Gerade deshalb erwarten wir von Ihnen Klarheit: Kein Jude ist selbst schuld am Hass gegen ihn. Auch ein israelischer Regierungschef – egal, wie man über ihn und seine Politik denken mag – kann nicht für den Antisemitismus in der Welt verantwortlich gemacht und auf dieser Grundlage selbst zu einem der gefährlichsten Antisemiten erklärt werden. Dass andere seine Politik als Vorwand für ihren Hass benutzen, belegt keine judenfeindliche Haltung seinerseits. Für Antisemitismus sind die Antisemiten verantwortlich.

Sollten Ihre Aussagen falsch wiedergegeben worden sein, stellen Sie das bitte klar. Andernfalls erwarten wir eine baldige Richtigstellung Ihres Vorwurfs. Wer Antisemitismus bekämpft, darf ihn weder verharmlosen noch umdeuten.

Der Autor ist Vorsitzender von »Honestly Concerned«.

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