Es gibt Dinge, die man in Israel irgendwann einfach hinnimmt. Und solche, an die man sich nie gewöhnt. An das Drängeln am Geldautomaten und Leute, die einem so auf die Pelle rücken, als wollten sie die Geheimzahl gemeinsam eingeben. Oder an die Selbstverständlichkeit, mit der Fremde ungefragt Ratschläge fürs Leben erteilen. Hemmungen? Eher flexibel. Abstand halten? Kann, muss aber nicht.
Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Sie heißt Chuzpe. Und im Alltag kann die gewaltig auf den Geist gehen. Aber diese Chuzpe hat noch eine andere Seite. »Darf man nicht« gehört nicht ins Repertoire. »Kann ich nicht« hat keine Geltung. Denn Israelis können alles. Das glauben sie zumindest.
Aber manchmal, da können sie es wirklich. Das zeigte sich auf dramatische Weise, als ein Terrorist einen Flydubai-Flug zum Absturz bringen wollte. Ein israelischer Klempner stürmte ins Cockpit und half dabei, die Maschine unter Kontrolle zu bringen. Seine Qualifikation? Er hatte eine Fernsehsendung geschaut.
Man kann sich über diese Unbekümmertheit ärgern und gleichzeitig verdammt froh sein, dass es sie gibt.
Das ist die Logik der Chuzpe: Sie hält sich nicht mit der Frage auf, ob man etwas darf oder nicht. Wo andere erst nach Zuständigen suchen, preschen Israelis oft drauflos. Dieselbe Attitüde, die einen an der Kasse zur Weißglut treibt, bringt Menschen dazu, in Ausnahmesituationen zu handeln, ohne zu überlegen, ob sie überhaupt dazu in der Lage sind. Man kann sich über diese Unbekümmertheit ärgern und gleichzeitig verdammt froh sein, dass es sie gibt.
Gut, dass der Klempner nicht erst auf seinen Pilotenschein gewartet hat. Denn manchmal braucht es eben jemanden, der nicht weiß, dass er das, was er da gerade tut, eigentlich gar nicht können dürfte.
Die Autorin ist Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen.
