Menschen lieben Geschichten. Von Gut und Böse. Recht und Unrecht. Seit Beginn des Gaza-Krieges wurde uns solch eine Geschichte erzählt. Eine Geschichte mit klar verteilten Rollen. Hier die Täter. Dort die Opfer. Hier Israel: mächtig, bewaffnet und also per se verdächtig. Dort Gaza: schwach, leidend und deshalb grundsätzlich glaubwürdig. Es ist eine Geschichte, die bekannte Bilder aufgreift, Weltbilder. Und Emotionen, Überzeugungen sowie moralische Gewissheit. Alles, was in diese Erzählung passt, wird dankbar angenommen, geglaubt, weiterverbreitet. Alles, was dem Bild hingegen widerspricht, wird kontextualisiert, relativiert oder negiert.
Das genozidale Massaker der Hamas an jüdischen Israelis am 7. Oktober 2023? Erstens Widerstand, zweitens verständlich und drittens: selbst schuld! Die Vergewaltigungen jüdischer Frauen auf dem Nova-Festival? Zionistische Propaganda. Die Verschleppung von 251 Geiseln nach Gaza? Wie sollen sich die palästinensischen Friedensfreunde denn sonst wehren? Die Raketenbeschüsse aus Gaza, dem Libanon, dem Jemen? Lediglich größeres Feuerwerk. Die Angriffe des iranischen Mullah-Regimes auf zivile Zentren Israels? Man hat doch ein gutes Raketenabwehrsystem. Die islamistisch-dschihadistische Allianz, also der Feuerring, der es auf Israels Zerstörung abgesehen hat? Jüdische Legenden, um den Nahen Osten zu erobern. Und so weiter und so fort.
Kein politisches, journalistisches oder sozial-mediales Erdbeben
Vielleicht ist das der Grund, warum die jüngste Veröffentlichung der israelischen Armee (IDF) kein politisches, journalistisches oder sozial-mediales Erdbeben auslöst, sondern über weite Strecken ignoriert wird. Was geschehen ist: Die israelische Armee hat eine Datenbank über 170 angebliche Journalisten oder Medienmitarbeiter in Gaza veröffentlicht, die nach Erkenntnissen der IDF zugleich Mitglieder terroristischer Organisationen gewesen sein sollen. 118 ordnet sie dem militärischen Flügel der Hamas zu, 49 dem Palästinensischen Islamischen Dschihad und drei weiteren bewaffneten Gruppen. 17 von ihnen sollen am 7. Oktober selbst nach Israel eingedrungen sein.
Sicher: Das sind zunächst Angaben der israelischen Armee. Aber sie sind sorgfältig recherchiert und beeindruckend detailreich: Enthalten sind Namen, Fotos, Funktionen, militärische Identifikationsnummern und Dokumente, darunter Material, das nach ihren Angaben von Hamas und Islamischem Dschihad selbst stammt. Außerdem: In vielen Fällen wurden die angeblichen Journalisten nach ihrem Tod in Gaza als Märtyrer terroristischer Organisationen gefeiert.
Und damit stellt sich eine brennende Frage, die von den willigen Helfern viel zu lange kaum gestellt wurde: Wer waren eigentlich all die »Journalisten«, deren Tod der Welt als Beleg dafür präsentiert wurde, dass Israel die Presse zum Schweigen bringen wolle? Und wie entstand die viel zitierte Behauptung, dass in diesem Konflikt mehr Journalisten und Medienschaffende getötet worden wären, als in jedem anderen? Dass er also der tödlichste Konflikt der Geschichte für Pressemitarbeiter gewesen sein soll?
Israel ist immer für einen Superlativ in der Dämonenliga gut
Sicher: Israel ist immer für einen Superlativ in der Dämonenliga gut. Und sammelt internationale Verurteilungen wie andere Panini-Sticker. Aber so plump, manipulativ und propagandistisch? Ernsthaft? Vielleicht schon. Denn klar ist doch: Ein Presseausweis verwandelt einen Terroristen nicht in einen Journalisten. Und eine Kamera ist keine Austrittserklärung aus einer Terrororganisation. Und wer morgens Kämpfer der Hamas und nachmittags Kameramann ist, wird nicht zu einem unbeteiligten Zivilisten, wenn eine westliche Nachrichtenagentur seine Bilder kauft. Auch dann nicht, wenn die Abnehmer Reuters, CNN oder die BBC sind. Oder gerade dann nicht!
In jedem Fall müssten die Enthüllungen eigentlich eine journalistische Erschütterung auslösen. Abgesehen von der viel grundsätzlicheren Frage, was »Journalismus« in einem Gebiet bedeutet, das seit Jahren von einer totalitären Terrororganisation beherrscht wird. Die Vorstellung einer freien, unabhängigen Presse in Gaza war schon lange vor diesem Krieg eine Fiktion. Journalisten wurden unter der Herrschaft der Hamas eingeschüchtert, festgenommen, verhört oder gefoltert.
Das »Freedom House« bewertet die Medienfreiheit in Gaza mit null von vier Punkten. Noch einmal zum Mitschreiben: 0 von 4! Das heißt auf gut deutsch: Es gibt keine! Und dennoch behandelten große Teile der westlichen Öffentlichkeit Bilder, Zahlen und Berichte aus Gaza über Monate und Jahre, als kämen sie aus Berlin, Brüssel oder Tel Aviv. So, als gäbe es dort eine freie Presse. Ohne Hamas. Ohne Einschüchterung. Ohne Propaganda. Es ist ein Versagen von epochalem Ausmaß! Oder noch schlimmer: eine bewusste Entscheidung!
Der Fall Motaz Azaiza
Besonders verstörend ist der Fall Motaz Azaiza. Er gilt als einer der bekanntesten Fotografen aus Gaza. Im Westen gefeiert als authentische Stimme der Bevölkerung und vom »Time Magazine« zu den 100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2024 gezählt. In einem langen arabischsprachigen Interview berichtete er kürzlich selbst über die Mechanismen der Medienarbeit in Gaza. Über die Unmöglichkeit, mediale Kritik an der Hamas zu üben. Über eine WhatsApp-Gruppe für »Journalisten« – oder sollte man eher Propagandisten sagen? –, in der die bewusste Inszenierung bestimmter Motive vorbereitet wurde, die für internationale Aufmerksamkeit sorgen sollten. Und über bewusste Auslassungen, beispielhaft anhand einer Episode vom 7. Oktober. Azaiza sagte, er habe israelische Geiseln gesehen, die nach Gaza verschleppt und dort geschlagen wurden. Er habe die Szene auch gefilmt. Aber er veröffentlichte die Bilder nicht. Natürlich nicht! Denn so funktioniert der »Journalismus« in Gaza. Er erzählt nur das, was ins Bild passt. Und was andere hören wollen. Selbst, wenn die Grenze zur Manipulation oder Desinformation längst überschritten ist.
Was wäre mit der Wahrnehmung dieses Krieges geschehen, wenn die Welt das vollständige Bild gesehen hätte?
Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem. Was wäre mit der Wahrnehmung dieses Krieges geschehen, wenn die Welt das vollständige Bild gesehen hätte? Nicht nur dasjenige, das ihnen landauf, landab in erstaunlicher Einmütigkeit präsentiert wurde? Was wäre geschehen, wenn die Presse, die Journalisten, die Influencer, die NGOs ihren Job gemacht hätten? Wenn sie kritisch nachgefragt hätten? Eingeordnet hätten? Aufgeklärt hätten? Vielleicht hätte es wenig genutzt, weil die willfährigen Konsumenten nur die Informationen akzeptiert hätten, die ihr Weltbild bestätigen. Vielleicht hätte es aber auch dazu geführt, dass ein anderes Bild entstanden wäre. Eines, das der Wirklichkeit eher entspricht.
Das heißt nicht, dass jede Aufnahme aus Gaza ein Fake wäre. Natürlich nicht. Es heißt auch nicht, dass jeder getötete Journalist Terrorist gewesen wäre. Darauf weist die von der IDF vorgelegte Recherche ausdrücklich hin. Aber es bestätigt einmal mehr, dass uns über Jahre vorgegaukelt wurde, dass Gaza ein Hort journalistischer Freiheit wäre. Mit neutraler und professioneller Berichterstattung. Ohne Zensur, ohne Abhängigkeit von der Hamas, ohne Druck, Einschüchterung und Erpressung. So, als könnten wir den Bildern glauben. Als könnten wir die Opferzahlen einfach übernehmen. Nur noch einmal zur Erinnerung: Die Opferzahlen, die alle im Schlaf zitieren können, stammen von dem sogenannten Gesundheitsministerium der Hamas, also von einer Terrororganisation selbst. Und so, als würde sich jede weitere Nachfrage erledigen, wenn wir etwas von einem sogenannten Journalisten lesen.
Wenn es um Israel geht, funktioniert ein uralter Mechanismus immer noch erstaunlich reibungslos
Es ist eine Tragödie, aber wenn es um Israel geht, funktioniert ein uralter Mechanismus immer noch erstaunlich reibungslos: erst die Anklage, dann die Prüfung. Israel bombardiert ein Krankenhaus. Israel tötet Journalisten. Israel lässt Menschen verhungern. Israel begeht Kriegsverbrechen. Die Anklage prangt in großen Lettern, die Schlagzeile ist gewaltig, die Empörung eskaliert. Und das Urteil der Weltöffentlichkeit wird gefällt, bevor auch nur die Gelegenheit zur Prüfung geschweige denn Verteidigung besteht. Dass sich im Nachhinein herausstellt, dass es nicht so eindeutig war, komplizierter, mehrdeutig oder ganz und gar anders? Dass es vielleicht gar nicht geschehen ist? Das interessiert keinen mehr. Denn der Verurteilte wurde längst hingerichtet. Ups! Na ja, er wird es schon verdient haben. Wenn nicht aus diesem Grund, dann eben aus einem anderen.
Die Hamas und die vielen anderen Feinde Israels haben diesen Mechanismus verstanden. Sie schaffen Bilder, Zahlen, Emotionen. Lügen, Propaganda und Desinformation. Und wissen ganz genau, dass diese ihre Wirkung längst entfaltet haben, bis die Wahrheit aus den Startlöchern kommt. Oder wie Mark Twain einmal gesagt haben soll: »Die Lüge ist bereits drei Mal um die Welt gelaufen, bevor die Wahrheit sich die Schuhe anzieht.« Jedenfalls wissen sie aus Erfahrung, dass ihre Strategie funktioniert. Und dass sie weltweit empfängliche und dankbare Abnehmer findet. Mit anderen Worten: Der Judenhass, Verzeihung, Israelhass, fällt auf fruchtbaren Boden.
Dabei haben die Islamisten noch etwas verstanden. Etwas außerordentlich Beunruhigendes: Sie haben verstanden, wie sich die Emotionen, die Weltbilder und die moralischen Reflexe westlicher Gesellschaften instrumentalisieren lassen. Sie kennen die Begriffe, auf die wir reagieren. Journalist. Krankenhaus. Kind. Flüchtling. Hilfsorganisation. Jedes dieser Wörter hat in unserer Gesellschaft enormes moralisches Gewicht. Zu Recht! Aber gerade deshalb besitzen diese Begriffe auch einen erheblichen propagandistischen Wert. Und nur selten hat man sich gefragt, ob eine Terrororganisation, die ihre militärische Infrastruktur bewusst in eine dicht besiedelte Zivilgesellschaft einbettet, nicht auch verstanden haben könnte, wie man unsere Mediengesellschaft zum Teil ihres Schlachtfeldes macht. Wie man unsere Emotionen manipuliert. Und unseren Drang, gut und gerecht zu sein, ausbeutet.
In moralischer Selbstgewissheit gesuhlt
Doch Emotion hin, Weltbild her: All die Redaktionen, Influencer, internationale Organisationen, NGOs und ihre unzähligen Lemminge, die sich schon zu Beginn des Krieges in moralischer Selbstgewissheit gesuhlt haben, während das Urteil über Israel längst gefällt war müssen ihr komplettes Versagen eingestehen. Denn wo war ihre Skepsis? Wo war ihr Misstrauen gegenüber der Hamas? Wo war ihre Quellenkritik? Wo war die Vorsicht, bevor aus der Behauptung die Gewissheit, aus der Gewissheit die Anklage und aus der Anklage das finale Urteil wurde?
Und warum galt ausgerechnet in diesem Krieg eine einmalige Umkehrung journalistischer Standards? Warum musste Israel ständig beweisen, während die Hamas nur behaupten musste? Warum wurde alles, was die IDF erklärte direkt in Zweifel gezogen, während die Islamisten einen eigenartigen Vertrauensvorschuss genossen? Warum wurde Israel jede Aussage eines durchgeknallten Ministers zugerechnet, während die konsistenten Botschaften der Hamas-Terroristen relativiert, bagatellisiert oder ignoriert wurden?
Vielleicht wird sich herausstellen, dass einzelne der 170 Terroristen-Journalisten am Ende zu Unrecht auf der Liste standen. Aber dafür müsste die Reaktion echter Journalisten jetzt Neugier sein. Sorgfältige Recherche. Unabhängige Überprüfung. Penible Aufklärung. Und nicht reflexhafte Abwehr. Denn wer die Wahrheit wirklich sucht, muss keine Angst davor haben, dass sie das eigene Weltbild beschädigt.
Und dann wird vielleicht endlich die wahre Geschichte erzählt. Hoffen wir, dass es dann noch nicht zu spät ist.
Der Autor ist Publizist, Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.
