Mona Nasirzadeh, Hamburg
Am vergangenen Wochenende habe ich viel Zeit vor dem Fernseher und am Telefon verbracht. Dass Ali Chamenei tot ist, ist eine gute Nachricht für mich. Ich freue mich, dass endlich jemand versucht, dieses schreckliche Regime zu stürzen. Mit meinen Angehörigen in Israel und im Iran habe ich viel telefoniert. Für mich ist die Situation ein Wechselbad der Gefühle. Natürlich mache ich mir Sorgen um Freunde und Angehörige in Israel und Iran. Aber ich habe Hoffnung, dass sich die Situation im Iran für die Menschen verbessert. Ich denke an meine verstorbenen Eltern. Was würden die jetzt sagen? Sie würden sich freuen, aber gleichzeitig glauben, dass es nichts bringt, dass der Chef des Mullah-Regimes tot ist. Aber wahrscheinlich hätten sie doch Hoffnung, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Meinen Eltern wurde 1979 bei der sogenannten Islamischen Revolution in Teheran alles genommen. Mein Vater schickte meine Mutter mit ihren drei Kindern, ich war damals drei Jahre alt, nach Israel voraus. Er versuchte, unsere wenigen verbliebenen Besitztümer zu Geld zu machen. Meine Mutter war mit drei kleinen Kindern in Israel überfordert, und so kam es, dass wir alle zu meinem Onkel nach Hamburg emigrierten. Ich wuchs in einem persischen Haus auf. Wenn unsere Haustür geschlossen war, erklang persische Musik, es gab persische Speisen, wir sprachen Persisch und hatten persische Freunde. Für mich ist Deutschland mein Heimatland, aber ich fühle mich immer noch als Iranerin und besitze neben dem deutschen auch den persischen Pass. Den wird man übrigens nicht mehr los.
Adrian Ben-Shlomo, Dortmund
Ich informiere mich derzeit rund um die Uhr über die Lage im Nahen Osten. Etwas anderes kommt für mich nicht infrage. Mein Vater ist in Teheran aufgewachsen, 1951 gingen seine Eltern mit ihm nach Israel. Ich würde den Iran gerne mal kennenlernen. Ich habe immer gehört, dass es ein tolles Land mit einer mega Kultur sein soll. Und ich würde gern das Grab meiner Urgroßeltern besuchen, das in Nachbarschaft des Grabs von Esther und Mordechai in der Stadt Hamadan liegt. Mit meinem deutschen Pass hätte ich den Iran bereisen können – aber mit meinem Nachnamen fand ich das nicht so günstig. Auch ich habe die Hoffnung, dass es in naher Zukunft ein freies Land wird. Aber mit einem militärischen Schlag von außen einen Regimewechsel herbeizuführen, stelle ich mir nicht so einfach vor. Die Teheraner verlassen derzeit ihre Stadt, um sich vor den Bomben in Sicherheit zu bringen. Deshalb werden sie wahrscheinlich nicht demonstrieren. Vor mehr als fünf Jahren hatte mein Vater die Idee, den früheren Kronprinzen Reza Pahlavi nach Teheran zurückzuholen. Nun ist er wirklich im Gespräch. Er könnte eine Galionsfigur werden und den Übergang in eine Demokratie begleiten. Ich hoffe, dass es in dem Land eine sinnvolle neue demokratische Ordnung gibt – und es nicht in Chaos versinkt wie beispielsweise Syrien.
Melanie Hubermann, Berlin
Eine meiner Cousinen lebt noch im Iran, da sie ihre Mutter nicht allein zurücklassen möchte. Als ich eineinhalb Jahre alt war, besuchten meine Familie und ich den Iran. Wir sind nun alle sehr aufgeregt, ob in dem Land der lang ersehnte Regierungswechsel möglich sein wird. Mein Vater, der im Iran groß wurde, wird in diesem Jahr 80 Jahre alt. Aufgewachsen ist er überwiegend in Teheran, bis er 1965 nach Deutschland emigrierte. Er wünscht sich, dieses herrliche Land endlich seinen Kindern und Enkeln zu zeigen. Mein Wunsch ist es, mit ihm zusammen in seine Heimat zu reisen. Ich hoffe, dass es bald möglich sein wird. Wenn mein Vater anfängt, seine Verwandten aufzuzählen, dann ist er gleich bei 500. Cousins dritten und vierten Grades gehören dazu. Aber wir spüren auch eine innere Zerrissenheit, denn wir machen uns Sorgen um unsere vielen Verwandten aus dem Iran, die nach Israel ausgewandert sind und am Wochenende 19-mal einen Bunker aufsuchen mussten. Auch meine mittlere Tochter lebt in Israel. Es gibt für mich kaum etwas Schlimmeres in dieser Situation, als jetzt in Deutschland zu sein, ich wäre lieber in Israel. So schwanke ich zwischen Sorgen und Hoffnung, Freude und Erwartung auf eine Ablösung des Mullah-Regimes im Iran. Für Israel könnte es bedeuten, ein sicheres Land zu werden. Andererseits sehe ich auch die Gefahr, dass wir alle in eine große Katastrophe in Form eines Dritten Weltkrieges hineinschlittern.
Shimon E., Berlin
Die Freiheit schmeckt man schon – so fühlt es sich jedenfalls für uns Exiliraner an. Ich möchte mich bei den USA und bei Israel für ihren Einsatz bedanken. Am Neujahrsfest träumten wir bisher immer und sagen uns: »Nächstes Jahr in Teheran.« Meine Eltern und ich haben Sehnsucht nach dem Iran. Vor allem meine Eltern, die als Kinder ihre Heimat verlassen mussten. Ich bin in einem »kleinen« Persien in unseren vier Wänden großgeworden. Heute sind meine Eltern 51 und 58 Jahre alt, sie leben seit Jahrzehnten in Bayern. Ihre iranischen Wurzeln wurden ihnen damals Anfang der 80er-Jahre bei ihrer Emigration, kurz nach der Revolution, herausgerissen, aber ihre Gedanken sind dort. Vor allem jetzt. Sie können sich kaum noch vom Fernseher lösen und verfolgen alle Nachrichten. Ich informiere mich online, nutze auch meine Arbeitspausen, um immer auf dem Laufenden zu sein. Ich war noch nie im Iran, kenne nur die Familiengeschichten. Vermutlich wird es demnächst in dem Land eine Anschlagserie geben, auf die hoffentlich eine stabile Lage folgt. Und dann werden meine Eltern und ich das Land besuchen, das wir nie vergessen haben.
Ronen Eitan, Frankfurt
Meine Kinder fragen mich, ob wir bald in den Iran reisen können. Ich antworte ihnen immer, dass wir geduldig sein müssen, bis wir das Land meiner Eltern besuchen können. Meine Mutter musste nach der sogenannten Revolution 1979 mit Anfang 20 das Land verlassen. Bis dahin wurden sie und ihre Familie vom Schah beschützt. Nach seinem Sturz änderte sich alles. Ihre Familie verlor ihren Besitz, sie mussten nach Israel und dann in die USA auswandern. In New York versuchten sie, sich ein neues Leben aufzubauen. Ich würde sagen, dass meine Mutter es dort schwer hatte. Sie musste Englisch lernen, und sie besaßen nicht viel. Ihre Gemeinde, die damals nur aus 2500 Mitgliedern bestand, war klein, aber alle waren sehr eng miteinander verbunden, alle kümmerten sich umeinander. Heute ist diese kleine iranisch-jüdische Gemeinde auf mehr als 20.000 Mitglieder angewachsen.
Mein Vater, der derselben Gemeinde angehörte, war über Israel in die USA gekommen. Meine Eltern brachten ihre persische Erziehung mit; die entsprechenden Speisen und die Kultur waren bei uns. Unsere Familien hatten ihre persönlichen Gegenstände und wertvollen Besitztümer zurückgelassen, aber sie trugen ihr Herz auf dem Rücken.
Meine Generation der Familie war nie dort, da viele von uns auf der schwarzen Liste standen und keine Einreiseerlaubnis erhalten hätten. Ich bin dort unerwünscht. Aber hoffentlich wird sich das jetzt ändern. Ich hoffe, dass die Diktatur nach 45 Jahren nun zu Ende geht und die Menschen in Freiheit leben können. Vielleicht sogar in einer Demokratie? Ich habe viele im Exil lebende Iraner getroffen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als in ihre Heimat zurückzukehren.
Majid Khoshlessan, Mannheim
Eigentlich wäre ich seit Anfang der Woche in Israel, denn wir wollten den Geburtstag meiner Schwester feiern, die dort lebt. Doch der Flughafen in Tel Aviv ist derzeit gesperrt. Mit 18 Jahren verließ ich den Iran, um in Deutschland zu studieren. Ich hatte mich in dem Land nicht wohlgefühlt und war froh, es verlassen zu können. 1947 wurde ich in Kaschan im Iran geboren. Mein Vater war Arzt und Rabbiner. Meine Eltern zogen mit meiner Schwester 1966 nach Israel. Nach dem Sturz des Schahs emigrierte dann meine ganze Familie. Einige Angehörige sind nach Israel gegangen, andere in die USA. Solange das jetzige Regime an der Macht ist, möchte ich nicht in den Iran reisen. Aber meine Frau und meine Kinder drängen, dass wir gemeinsam die Orte meiner Kindheit aufsuchen. Ich würde gern unser ehemaliges Haus sehen, meine alte Schule besuchen. Ich hoffe zwar sehr auf einen Regimewechsel, bin aber nicht optimistisch, dass sich eine demokratische Gruppe durchsetzen wird. Es gibt mehrere Gruppierungen im Land. Beispielsweise die monarchistische mit dem Sohn des letzten Schahs, der aber wegen seines Vaters viele Feinde im Land hat. Dann gibt es noch die Kommunisten, die bereits 1979 an die Macht kommen wollten, und viele, die gern die Demokratie einführen möchten. Die Gruppierungen sind sich nicht einig. Weiterhin hoffe ich, dass die USA und Israel nicht den Krieg abbrechen, bevor das Mullah-Regime beseitigt ist. Davor einen Vertrag mit dem Regime abzuschließen, wäre sinnlos, denn das Regime wird sich wie bisher an keinen Vertrag halten – und auch weiter israel- und judenfeindlich sein.
Jonathan Ben-Shlomo, Freiburg
Hoffentlich wird die Militäroperation erfolgreich. Das war mein erster Gedanke, der mir durch den Kopf ging, als ich von dem gemeinsamen Angriff der Israelis und der USA auf den Iran hörte. Dass es passieren würde, lag ja seit geraumer Zeit in der Luft. Mein Vater emigrierte mit seiner Familie bereits 1951 aus dem Iran nach Israel, denn seinen Großeltern war das Judentum wichtig, und es bedeutete ihnen viel, dass ein eigener Staat gegründet worden war. Mehr als 70 Jahre später sind sie immer noch in ihrem Heimatland verwurzelt. Nun waren einige meiner israelischen Verwandten wegen des Fußballspiels SC Freiburg gegen Maccabi Tel Aviv gerade bei mir zu Besuch. Wir diskutierten viel. Ich bin eher positiv gestimmt. Zum einen würde eine erfolgreiche Militäroperation die Sicherheitslage für Israel deutlich verbessern, und natürlich auch die Situation für die Iraner. Das Leben unter dem Mullah-Regime war für die Menschen eine Katastrophe. Vorausgesetzt, die bisherige Führungsriege gehört der Vergangenheit an. Fraglich ist natürlich, was danach kommt. Wie wird es weitergehen? Auf jeden Fall sehe ich in der Veränderung des Status quo eine Verbesserung, die mich optimistisch stimmt.
Armin Levy, Hamburg
Meine älteste Cousine schrieb in unserer Familien-WhatsApp-Gruppe in einer alten, fast poetischen Sprache: »Es kommt eine Nachricht.« In unserer Familie bedeutet das: Etwas hat begonnen. Was in den vergangenen Tagen geschehen ist, ist bemerkenswert. Es war eine entschlossene und wirkungsvolle Aktion der USA und Israels. Für mich persönlich hat das eine tiefere Bedeutung. Ich bin ein Kind von Eltern, die jahrzehntelang unschuldig unter dem Vorwurf, »Spione für den Westen und für Israel« zu sein, inhaftiert waren und schließlich hingerichtet wurden. Schuschan Purim ist die Jahrzeit meiner Eltern. Nach vielen Jahren der Haft wurden sie getötet. Deshalb bringen die aktuellen Ereignisse eine spürbare Erleichterung. Es ist noch nicht vorbei. Aber der Kopf der Schlange wurde endlich abgeschlagen.
Das Regime und seine Anhänger haben keine Zukunft. Aber ich vermute, dass sie bis zur letzten Munition kämpfen werden. Die Menschen im Iran müssen vorsichtig sein, denn die kommenden Tage werden sehr hart. Ich denke aber, dass Iran wieder Iran werden kann, ohne ein islamistisches Regime und auch ohne Diktatur. Wir haben noch einige Schritte, die gegangen werden müssen, bis man sagen kann: Nun kann das Land demokratisch weitergeführt werden. Die Bilder aus Israel und dem Iran, auf denen feiernde und tanzende Menschen zu sehen sind, geben mir Kraft. Und ich muss sagen, dass ich mich noch nie über den Tod eines einzelnen Menschen gefreut habe außer über diesen. Die Welt nach dem Tod Chameneis wird ein sichererer Ort sein, wenn das islamistische Regime im Iran fällt und der Weg für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie endlich frei wird.
Ich trage die tiefe Sehnsucht in mir, mich endlich am Grab meiner Eltern würdevoll von ihnen verabschieden zu können. Sie liegen auf dem jüdischen Friedhof in Teheran begraben, ebenso meine Großeltern väterlicherseits – im aschkenasischen Teil, da sie aus osteuropäischen Ländern stammten. Die Verwandten mütterlicherseits ruhen auf dem historischen alten Friedhof in Isfahan. Das Erste, was ich tun würde, sobald es einen freien Iran gibt, wäre, dorthin zu reisen und mich von meinen Eltern zu verabschieden.
Aufgeschrieben von Katrin Richter und Christine Schmitt