Lichtenberg

»Wir wollen alle erreichen«

»Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch so viel über diese Zeit weiß«, sagt Anne. Sobald die 64-Jährige über den Zweiten Weltkrieg spricht, sprudeln die Informationen nur so aus ihr heraus. Die Frau, die eine langjährige Drogengeschichte hinter sich hat und nun wegen Beschaffungskriminalität in der Justizvollzugsanstalt in Berlin-Lichtenberg einsitzt, schaut sich aufmerksam um. Mal lächelt sie, mal wirkt sie nachdenklich. Zum Beispiel, wenn sie über ihre Eltern spricht – oder über Antisemitismus. »Der kommt immer wieder vor; die Juden – das sind in der Geschichte immer die Sündenböcke gewesen.« Warum das so ist, fragt sie sich schon lange.

Anne hat 30 Jahre lang als Krankenschwester gearbeitet, »der Schichtdienst hat mich irgendwann fertiggemacht«. Sie sei depressiv geworden, habe veruscht, ihre persönlichen Probleme erst mithilfe von Schmerztabletten und Haschisch, später mit Heroin zu bewältigen. In den vergangenen Tagen hat sie sich intensiv mit dem Holocaust und mit Anne Frank, ihrer Namensvetterin, auseinandergesetzt. Initiiert wurde das Projekt vom Anne-Frank-Zentrum Berlin, einer Partnerorganisation des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam.

peer guides Die Einrichtung hat eine Wanderausstellung unter dem Titel Lasst mich ich selbst sein für deutsche Justizvollzugsanstalten konzipiert. Die Organisatoren sind damit seit zwei Jahren bundesweit unterwegs. Nun hat das Projekt erstmals in einem Berliner Gefängnis haltgemacht. Das Besondere an dem Konzept ist, dass Inhaftierte als sogenannte Peer Guides selbstständig andere Inhaftierte sowie Schulklassen durch die Ausstellung führen. Dem voraus geht ein zweitägiges Seminar, in dem die Zentrumsmitarbeiter mit den Insassen über Anne Franks Tagebuch, ihre Lebensgeschichte und ihre Bedeutung heute ins Gespräch kommen.

An dem Kurs hat auch die 64-jährige Anne teilgenommen. Sie hat nun im »Kultursaal« des Gefängnisses auf einem Stuhl Platz genommen und wartet gemeinsam mit den anderen neun Peer Guides darauf, dass die Ausstellung offiziell eröffnet wird. Im Raum stehen eine Reihe von Bannern mit Tagebuch-Zitaten, Fotografien und anderen Hintergrundinformationen.

Zu den Rednern gehören neben Anstaltsleiter Andreas Kratz auch Dirk Behrendt, Senator für Justiz, Verbraucherschutz und Antidiskriminierung (Bündnis 90/Die Grünen), sowie Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums. Man wolle die Insassinnen einerseits mit den Themen Diskriminierung und Antisemitismus konfrontieren, sagt Senator Behrendt. Andererseits gehe es darum, den Frauen Kompetenzen zu vermitteln und ihnen Anerkennung für ihr Engagement entgegenzubringen.

anspruch Für das Anne-Frank-Zentrum sei es noch immer etwas Besonderes, in eine Justizvollzugsanstalt zu gehen, sagt Patrick Siegele. »Es gibt immer erstaunte Reaktionen, wenn ich davon im Freundes- und Bekanntenkreis erzähle«, sagt der Direktor. »Aber wir haben den Anspruch, alle Menschen zu erreichen, mit allen über die Schoa zu sprechen.«

Die Projektidee kommt bei den Insassinnen gut an. Auch die 17-jährige Chanel hat den zweitägigen Crashkurs zu Anne Frank mitgemacht und wird nun eine Woche lang ihr Wissen an verschiedene Besuchergruppen weitergeben.

Sie habe sich vorher noch nie mit der Geschichte des jüdischen Mädchens beschäftigt, doch sie sei von ihr beeindruckt. »Anne Frank war ein guter Mensch«, meint Chanel. Sie sitzt zurzeit wegen Betrugs eine einjährige Haftstrafe ab. Paola hat sich dazu bereit erklärt, den musikalischen Teil der Ausstellungseröffnung mitzugestalten. »Sometimes I Feel Like a Motherless Child«, singt sie gemeinsam mit einer Mitinsassin. Chorleiterin Kim Seligsohn hat das Lied mit den beiden jungen Frauen einstudiert.

mobbing Die zierliche 18-Jährige hat in ihrem jungen Leben bereits viel erlebt. Erste Straftat mit 13, Heroinkonsum seit ihrem 14. Lebensjahr. Das Video der Prügelattacke, wegen der sie verurteilt wurde, ist heute noch im Internet zu finden. Die Bild-Zeitung betitelte es damals als »Schock-Video«. Darin zu sehen sind zwei junge Mädchen, die auf einem Berliner Spielplatz enthemmt und voller Brutalität auf ihr Opfer einschlagen. Eine der Täterinnen soll Paola sein? Man glaubt es kaum, wenn man vor ihr im Kultursaal steht. Ihre Geschichte sei damals überall durch die Medien gegangen, sagt sie mit leiser Stimme.

Die gebürtige Brasilianerin hat sich ihre Augen mit Glitzer-Make-up geschminkt. Sie drückt sich gewählt aus, spricht offen über ihre Drogenvergangenheit, ihre gescheiterten Entzugsversuche, über Mobbing-Probleme in der Schule. Zwei Jahre, acht Monate – so lautet Paolas derzeitige Haftstrafe wegen Beschaffungskriminalität.

»Aber ich mache mich gut«, sagt die 18-Jährige. Sie hofft auf eine vorzeitige Entlassung. Einen Entzug hat sie bereits durchgestanden, besucht nun eine Traumatherapie und holt ihren Schulabschluss nach. Den erweiterten Hauptschulabschluss hat sie bereits, nun steht der Mittlere an. Ihr Traum: Abitur machen und Psychologie studieren. »Ich werde 2026 fertig!«, sagt sie optimistisch. Die Zeit in der Haft tut der jungen Frau gut. »Ich habe sogar angefangen, anders zu sprechen«, sagt sie.

teamarbeit Die Justizvollzugsanstalt in Lichtenberg ist eines von vier Frauengefängnissen in Berlin. Die Teilanstalt im Osten der Stadt sei auch als »Drogenknast« bekannt, sagt Peer Guide Anne. Die Straftäterinnen werden dort medizinisch versorgt und können ohne Stigmatisierung ihre Vergangenheit und Suchtprobleme aufarbeiten. Mitten in einem Wohngebiet gelegen, kommt die Einrichtung ohne eine Mauer aus. Erst bei genauem Hinsehen ist zu erkennen, dass es sich um ein Gefängnis handelt. Die Fenster der Zellen sind hofwärts gerichtet.

Als die Eröffnungsveranstaltung dem Ende zugeht, räumen Chanel, Paola, Anne und die anderen Frauen die Stühle weg, bevor eine JVA-Beamtin sie zurück in ihre Zellen begleitet. Die Stimmung ist ruhig, teilweise umarmen sich die Frauen zum Abschied.

In den kommenden Tagen werden die Peer Guides jeweils zu zweit Interessierte durch die Ausstellung begleiten. »Teamarbeit ist dabei wichtig«, erklärt Anne. Wenn ihr Peer Guide einmal nicht weiter wisse, werde sie einspringen und ihr helfen.

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