Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Am Freitag auf dem Unteren Markt in Würzburg: Christian Springer, Konstantin Mack, Zentralratspräsident Josef Schuster und Lisa Badum (v.l.)

Antisemitische Gewalt ist seit dem 7. Oktober 2023 in Großstädten wie Berlin nichts Ungewöhnliches. Dass ein Pin mit der Flagge Israels am Rande eines Dorffestes in der fränkischen Provinz ein anti-israelisches Verbrechen provoziert, dürfte neu sein. So geschehen am Abend des 19. Juli in Markt Höchberg, einem 9500 Einwohner zählenden Vorort von Würzburg. Dort schlug ein 20-jähriger Syrer ein 65-jähriges Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) wegen eines Israel-Ansteckers derart zusammen, dass der Mann einen Wirbelbruch erlitt.

Eine von rund 150 Menschen besuchte Mahnwache auf dem Unteren Markt im Zentrum Würzburgs zeigte am vergangenen Freitag Solidarität mit dem inzwischen aus dem Krankenhaus entlassenen Opfer, dessen Name aus Sicherheitsgründen geheim gehalten wird. Zudem riefen die Teilnehmer zum Widerstand gegen jegliche Form von Antisemitismus und Antizionismus auf.

Mehrere prominente Persönlichkeiten als Redner

Unweit des Platzes der ersten, im Mittelalter zerstörten Synagoge begrüßte Konstantin Mack, Vorsitzender der DIG Würzburg und Organisator der Kundgebung, eine Verwandte des Opfers sowie mehrere prominente Persönlichkeiten als Redner: Mit Beiträgen vertreten waren die Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die Bamberger Bundestagsabgeordnete Lisa Badum (Bündnis 90/Die Grünen), Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Würzburgs Oberbürgermeister Martin Heilig (Bündnis 90/Die Grünen) und der Münchner Kabarettist Christian Springer.

Nicht nach Würzburg gekommen war der Höchberger Bürgermeister Alexander Knahn (parteilos), dessen Gemeinde in einer Presserklärung darauf verweist, alle erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen für das Dorffest getroffen zu haben. Zudem habe sich das Verbrechen am Ortsrand und somit weit entfernt von der Veranstaltung ereignet.

Zahlreiche Israel-Flaggen flatterten leicht im Wind, als Mack, auch Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Würzburger Stadtrat, betonte, dass Antisemitismus in Deutschland tief verwurzelt und seit dem 7. Oktober als »Brückenideologie« in allen politischen Lagern salonfähig geworden sei. Betroffen machten Mack das »dröhnende Schweigen der Würzburger Zivilgesellschaft« und »Hunderte Kommentare (in den sozialen Netzwerken), die ihrerseits abgrundtief antisemitisch« gewesen seien.

»Dieser Hass kommt aus allen Richtungen«

Von Dankbarkeit für die zahlreichen Genesungswünsche geprägt war das Grußwort des Opfers. Antisemitischer Hass ist laut dem Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ein Phänomen, das in den verschiedensten politischen Lagern auftrete: »Dieser Hass kommt aus allen Richtungen, ich habe ihn gehört von offenen Nazis, die ›ab ins Gas‹ skandierten, von islamistischen Hetzern, die ›Chaibar, Chaibar‹ riefen – nach dem im Koran geschilderten Judengemetzel.«

»Die sogenannten Einzelfälle – wer kann sie noch zählen?«

Christian Springer

Antisemitischen Hass hätten auch »scheinbar liberale ›Diskussionspartner‹« geäußert, die dem Opfer Unterstützung des »Völkermords in Permanenz« vorwarfen, »ehemalige Genossinnen und Genossen aus der radikalen Linken und der Antifa« hätten den Israelfreund als »Zionistenschwein« bezeichnet. Der eindringliche Appell des 65-Jährigen lautete: »Es ist Zeit, den Hass zu beenden, ihm entgegenzutreten und sich nicht klein und ohnmächtig zu machen, verlacht von den Hassern, sondern es ist an der Zeit, weiter aufzustehen. Für das Leben. Am Israel Chai!«

Lisa Badum, die die Grüße von Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen), dem Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, übermittelte, wies darauf hin, dass der auch unter jungen Leuten weit verbreitete Antisemitismus tödlich sei. Deshalb müsse die gesamte Gesellschaft dagegen aufstehen und sich solidarisch zeigen: »Denn das Gegenteil von Dämonisierung und Hass ist: zusammenzukommen, zusammenzustehen, sich zu verbinden und die Menschlichkeit nicht aufgeben zu wollen.«

Kein Ort, an dem jüdisches Leben eine Selbstverständlichkeit ist

Äußerst betroffen zeigte sich Josef Schuster. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sagte, er habe es nicht für möglich gehalten, solche Gewalt im Raum Würzburg zu erleben. »Heute gibt es in Deutschland anscheinend keinen Ort mehr, an dem diese antisemitische, diese israelfeindliche Gewalt ausgeschlossen ist. Keinen Ort, an dem Juden als Juden sichtbar und ungefährdet leben können. Keinen Ort, an dem jüdisches Leben eine Selbstverständlichkeit ist.«

Der antisemitische Hass richte sich gegen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie. Deswegen lautete die abschließende Forderung Schusters: »Der Angreifer muss die volle Härte des Rechtsstaats zu spüren bekommen. Sie ist in diesem Fall geboten. Und sie ist notwendig, um dem antisemitischen Hass, der sich in unserer Gesellschaft ausbreitet, die Stirn zu bieten.«

Die Solidarität der Würzburger Zivilgesellschaft betonte Oberbürgermeister Martin Heilig: »Hass hat in Würzburg, hat in dieser Region keinen Platz.« Skeptisch äußerte sich dazu eine ältere Zuhörerin, die sinngemäß bemerkte, ähnliche Statements schon sehr oft gehört zu haben.

Engagiert, leidenschaftlich und lautstark

Engagiert, leidenschaftlich und lautstark fiel der Redebeitrag des Kabarettisten Christian Springer aus. »Die sogenannten Einzelfälle – wer kann sie noch zählen?«, fragte der Münchner rhetorisch und spielte damit auf die antisemitischen Übergriffe der vergangenen Jahre an. Nachhaltig in Erinnerung dürfte Springers auf Arabisch vorgetragener Appell an die »Freunde der Palästinenser« bleiben.

Über den Unteren Markt hallte die Botschaft: »Hört auf mit dem Hass!« Wie seine Vorredner betonte Springer die Bedeutung des Zusammenhalts: »Lasst uns laut sein!« Ein von dem Würzburger Gemeinderabbiner Shlomo Zelig Avrasin vorgetragener Psalm beschloss die Veranstaltung.

Noch laufen die Ermittlungen der Polizei, und im Würzburger Vorort erinnert nichts mehr an das Verbrechen. Und doch: Höchberg kann überall sein.

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