ZWST

»Wir müssen wütender werden«

»Die bewusste Verschiebung vom Individuellen zum Politischen kann entlasten und Handlungsspielräume eröffnen«, sagt Ricarda Theiss. Foto: Rosa Sadnik

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»Wir müssen wütender werden«

Ricarda Theiss, Leiterin des Fachbereichs Frauen, über die Praxis Sozialer Arbeit, Alltagserleben und patriarchalische Machtverhältnisse

von Katrin Richter  13.01.2026 15:46 Uhr

Frau Theiss, Sie leiten bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) den »Fachbereich Frauen«. Warum braucht es einen Frauenbereich?
Der Fachbereich Frauen besteht seit etwas über zwei Jahren, doch die Auseinandersetzung mit frauenspezifischen Themen ist keineswegs neu. Schon seit der Gründung der ZWST – getragen von Pionierinnen wie Bertha Pappenheim – prägen die Perspektiven von Frauen die inhaltliche Arbeit und das soziale Engagement der Organisation. Für die Praxis der Sozialen Arbeit ist es notwendig den Faktor Geschlecht als strukturellen Faktor nicht auszuklammern, um bestehende Verhältnisse nicht zu stabilisieren, sondern sie zu verändern. Angesichts wachsender Gewalt, antifeministischer und antisemitischer Mobilisierung und anhaltender Vereinbarkeitskonflikte braucht es Soziale Arbeit, die das Alltagserleben von Frauen ernst nimmt. Wer Unterstützung erhält, wer unbezahlte Sorgearbeit leistet und strukturell benachteiligt wird, ist kein Zufall, sondern Ergebnis politischer Entscheidung und gesellschaftlicher Ungleichheit. Zudem machen Frauen die Mehrheit der Gesellschaft aus und tragen den Großteil unbezahlter Sorgearbeit in Familien sowie auf dem Arbeitsmarkt. Die Einführung eines spezialisierten Frauenbereichs ist somit von entscheidender Bedeutung und stellt die Herausforderungen, mit denen wir nicht nur als Community, sondern auch als Frauen konfrontiert sind, in den Fokus.

Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Ein besonderer Schwerpunkt des Fachbereichs liegt auf dem Themenfeld Frauengesundheit, das von Krebsvorsorge und Menopause über Fragen zu Körperbildern und Sexualität reicht. Daneben beschäftigen wir uns mit Krisenintervention, der Verschränkung von Antisemitismus und Antifeminismus sowie mit beratenden Angeboten rund um Schwangerschaft, Geburt und Maternität. Eine weitere Besonderheit des Fachbereichs liegt in der Entwicklung von Formaten durch erfahrene Expertinnen aus der Psychologie, Gynäkologie, Kardiologie und den Sozialwissenschaften in Zusammenarbeit mit Fachexpertinnen aus der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit. Sie richten sich gleichermaßen an Gemeindemitglieder wie auch an hauptamtliche Fachkräfte, die so gezielt fort- und weitergebildet werden.

Damit sprechen Sie Themen an, die nicht nur in zunehmendem Maße öffentlich diskutiert werden, sondern die kürzlich auf der »II. Auftaktveranstaltung« des Fachbereichs debattiert wurden. Wie bewerten Sie die drei Tage?
Die drei Tage waren aufgebaut in drei Fokustage. Der erste Tag stand ganz im Sinne des Ankommens und bot ausreichend Möglichkeit, um einander kennenzulernen und erste Kontakte zu knüpfen. Hierfür sorgte nicht zuletzt das Ambiente des »Life Deli« im Jüdischen Museum, sondern auch das Showkochen von Köchin und Bloggerin Ana Romas aka Russisch Raclette. Der zweite Tag fokussierte sich auf die Angebote des Fachbereichs, die die Leerstellen des Gesundheitssektors betrachten und Mythen beispielsweise aus der Gynäkologie dekonstruieren, sowie die Themen um Menopause, finanzielle Unabhängigkeit, Körperwahrnehmung und Herzgesundheit. Zum Thema Herzgesundheit gab es am zweiten Abend einen Vortrag der Kardiologin Lena Marie Seegers, die das erste universitär angebundene Fachzentrum für Frauenherzen, Women’s Heart Health Center Frankfurt (WHHC), leitet. Sie hielt ihren Vortrag zum Thema »Atherosklerose gendern?«. Der dritte und letzte Tag befasste sich mit der Frage: »Wie können genderinklusive und feministische Fragestellungen in der Sozialen Arbeit konsequent mitgedacht werden?« Hier erhielten wir Einblicke in die Arbeit von Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden und Dezernentin der Jüdischen Akademie, die ihre Erfahrungen unter anderem aus dem seit 2019 organisierten Jewish Woman Empowerment Summit erläuterte. Friederike Lorenz-Sinai gab Einblick in die aktuelle Studie zu den Auswirkungen des terroristischen Anschlags vom 7. Oktober 2023 auf jüdische und israelische Communitys in Deutschland, die gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum für antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) und der Fachhochschule Potsdam entstanden ist.

Auf welche Themen haben Sie sich dabei konzentriert?
Für alle Tage wurde ein Themenfokus gesetzt. Die Themen Herzgesundheit sowie Vorsorgeuntersuchungen im Allgemeinen sind einer der neuen Schwerpunkte des Fachbereichs. Das Gesundheitssystem ist nach wie vor männlich normiert, daher war es mir ein Anliegen, eine Kardiologin zu Wort kommen zu lassen, die nicht nur einen Überblick gibt, sondern auch erklärt, weshalb Herzerkrankungen bei Frauen oftmals unerkannt oder zu spät erkannt werden. Gerade wenn sie mit gynäkologischen Problemen zum Arzt kommen, wird oftmals nicht bedacht, dass sich Herzkrankheiten bei Frauen auf viele unterschiedliche Weisen äußern können. Unter den Vorsorgeuntersuchungen ist die Kardiologie oftmals die letzte Anlaufstelle. Die Realität sieht häufig so aus, dass man als Patientin etwas ungläubig angesehen wird. Wir wollten bei dieser Tagung eben auch die »kompetente Patientin« ansprechen. Wie gehe ich also in eine Arztbesprechung hinein? Worauf muss ich als Frau auch selbst achten, weil es sonst kein anderer tut? Welche Nachfragen stelle ich? Und wie können wir aktuelle evidenzbasierte Medizin niedrigschwellig zugänglich machen, um eine selbstbestimmte Partizipation zu stärken.

Wie war das Feedback?
Es gab einige Teilnehmerinnen, die nach Diskussionen zu mir oder meiner Mitorganisatorin Caro Laila Hartwig Rauh kamen und sich überwältigt, aber zugleich dankbar für die Inhalte zeigten. Vor allem die intergenerative Ausrichtung und die Themensetzung, aber auch die längeren Pausen für Austausch- und Netzwerkmöglichkeiten kamen positiv bei den Teilnehmerinnen an. Diese Frauen haben teils auch Biografien mit Kriegs-, Flucht- und Migrationserfahrungen. Sie haben Kinder großgezogen und stellen sich allem, was kommt, aber es war für sie gut zu wissen, dass sie eben nicht alles allein verarbeiten müssen. Weil wir so ein großes Netzwerk an Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen, Gynäkologinnen haben, gab es einen Moment, der mir besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Welche Situation war das?
Kolleginnen, die fachlichen Input an diesen Tagen geplant und angeboten haben, haben sich explizit Zeit genommen für eine Beratung vor Ort. So kam es zu einer Situation im ruhigen Rahmen, in einem der Workshop-Räume, in dem eine Art »Sprechstunde« angeboten wurde. Und das ist eben auch eine Facette der Auftaktveranstaltung gewesen. Sich Zeit zu nehmen, einen Raum für ein Gespräch zu geben und zu zeigen, dass man nicht allein ist. Empowerment und Partizipation, die die Frauen auch wieder mit in ihre Gemeinden nehmen.

Welche Probleme jüdischer Frauen begegnen Ihnen?
Seit dem 7. Oktober erleben wir eine deutliche Zunahme und neue Dimensionen antisemitischer Gewalt. Innerhalb der Community wird oft von Ausgrenzungserfahrungen oder dem Verlust politischer Zugehörigkeit, solidarischer Netzwerke und Verbündeter berichtet. Zugleich fehlen Räumen für Trauer und Verarbeitung. Besonders belastend sind die sexualisierten Gewalttaten des 7. Oktober, die enge Verschränkung von Antisemitismus und Antifeminismus, das Schweigen zentraler Menschenrechtsakteurinnen sowie der selektive Feminismus, etwa seitens der UN Women. Mangelnde Sichtbarkeit des Alltagserlebens von Frauen, die gleichzeitige Verantwortung für Care-Arbeit, Maternität, Erwerbsarbeit sowie der permanente Umgang mit Antifeminismus und Antisemitismus führen zu einer Mehrfachbelastung, vor allem in der jüdischen Community. Hinzu kommen weitere Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen, die nicht additiv wirken, sondern sich gegenseitig verstärken. Das Patriarchat strukturiert dabei konkret die Lebensbedingungen von Frauen, durch strukturelle Benachteiligung, Unterrepräsentanz in Führungspositionen, im Gender Pay Gap und dem permanenten Druck allem gerecht werden zu müssen. Frauen erleben diese Zustände nicht als Ausnahme, sondern oftmals als Normalität.

Wie spiegelt sich das im Alltag wider?
In meiner Generation erleben viele den Zwang, alles sein zu müssen. Emanzipation und Feminismus werden im patriarchalen Diskurs falsch gelesen – nicht als Befreiung von Rollenbildern, sondern als Erwartung grenzenloser Leistungsfähigkeit. Nach wie vor übernehmen Frauen den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, wir kümmern uns um die Kinder, um die berufliche Existenz, um pflegebedürftige Angehörige – und stabilisieren damit ein System, das diese Arbeit voraussetzt, aber nicht anerkennt. Wir müssen selbst kompetent sein, wenn wir zum Arzt gehen. Wir müssen die richtigen Fragen stellen. Müssen am besten noch unsere Familienhistorie kennen, weil man sonst vielleicht vergisst, dass man in den Wechseljahren unter bestimmten familiären Prädispositionen die Einnahmen von Hormonpräparaten gut abwägen muss, weil es in der Familie Krebsarten gibt, die diese Hormonpräparate begünstigen könnten. In allen Aspekten des Lebens und der Gesellschaft haben wir damit zu tun. Da kommt viel zusammen, eine normalisierte Belastung im Alltag. Ich glaube, wir müssen wütender werden.

Wie kann das aussehen?
Gleichstellung erfordert eine kollektive Politisierung und solidarische Organisierung, denn geschlechtsbezogene Ungleichheiten sind nicht das Ergebnis individueller Entscheidungen, sondern gehen aus historisch gewachsenen und institutionell verankerten Strukturen hervor. Geschlechtsspezifische Ungleichheiten zeigen sich insbesondere dort, wo normative Rollenzuschreibungen zu Mutterschaft, Erwerbsarbeit und Sorgearbeit sich reproduzieren. Im Gesundheitssektor tragen androzentrierte Forschungsgrundlagen zur Exklusion und Reproduktion von Ungleichheit bei. Wenn Verantwortung nicht länger nur individualisiert, sondern als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wird, entstehen neue Handlungsspielräume, die Solidarität statt Konkurrenz ermöglichen und Ansatzpunkte für gesellschaftliche Transformation schaffen. Im Alltag bedeutet das, Strukturen aktiv mitzugestalten. Die Bereitschaft, eigene Privilegien zu hinterfragen, Ressourcen zu teilen und Zuständigkeiten im Alltag konsequent zu übernehmen: innerfamiliär, am Arbeitsplatz und in Institutionen. Care-Infrastruktur, partnerschaftliche Elternzeitmodelle, faire Lohn- und Beförderungsregeln, klares Handeln gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt sind dabei gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung.

Mit der Leiterin des Fachbereichs Frauen bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST) sprach Katrin Richter.

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