Nach acht Jahren verlässt Felix Klein sein Amt als Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus. In den vergangenen Wochen wurde er bereits mit Lob und Danksagungen überhäuft – völlig zu Recht. Was dabei allerdings zu kurz gekommen ist: Felix Klein musste nicht nur die Antisemiten ertragen, sondern vor allem auch uns Juden. Und wir haben diesem Mann so einiges zugemutet.
Als Felix Klein 2018 antrat, war das Amt kaum mehr als eine Idee. Heute gibt es ein bundesweites Netz von Antisemitismusbeauftragten, eine Bund-Länder-Kommission und eine nationale Strategie gegen Antisemitismus. Er hat das Amt aufgebaut, geprägt und zu einer festen Institution gemacht. Aber seien wir ehrlich: Das war vermutlich noch der einfache Teil.
Die tägliche Konfrontation mit Hass, Vorurteilen, Verschwörungstheorien und den immer gleichen Idioten
Andere Menschen gehen morgens ins Büro und beschäftigen sich mit Bauanträgen oder Müllgebühren. Felix Kleins Berufsalltag bestand acht Jahre lang aus Antisemitismus, aus Antisemiten, aus Menschen, die Antisemitismus relativieren, aus der täglichen Konfrontation mit Hass, Vorurteilen, Verschwörungstheorien und den immer gleichen Idioten.
Felix Klein wurde mit Lob und Danksagungen überhäuft – völlig zu Recht.
Wer möchte so etwas freiwillig machen? Und wer hält so etwas aus, wenn er als Jude nicht ohnehin schon davon betroffen ist? Das alles verlangt eine bemerkenswerte psychische Robustheit. Andere Menschen entwickeln Burn-out. Felix Klein entwickelte Pressemitteilungen. Doch selbst das war vermutlich nicht die größte Herausforderung seines Amtes. Denn Felix Klein war nicht nur Antisemitismusbeauftragter. Mit der Zeit wurde er auch zum ersten Ansprechpartner für die Juden in Deutschland. Für alle Juden.
Eine Adresse, ein Präsident, eine Telefonnummer
Der durchschnittliche Deutsche stellt sich die jüdische Gemeinschaft ungefähr so vor wie das Weiße Haus: eine Adresse, ein Präsident, eine Telefonnummer. Nebbich! Die Wirklichkeit sieht anders aus. Zwei Juden haben drei Meinungen. Drei Juden bilden vier Arbeitsgruppen. Fünf Juden gründen sechs Verbände. Und ab sieben Teilnehmern entsteht ein offener Brief, den mindestens einer aus Protest nicht unterschreibt.
Und Felix Klein musste sich nicht nur mit einer einzigen Landesgemeinde beschäftigen. Als Beauftragter der Bundesregierung war er Ansprechpartner für alle, überall: für die Orthodoxen, die Liberalen, die Traditionalisten, die Säkularen, für die Russischsprachigen und die Alteingesessenen, genauso für die unter dem Dach des Zentralrats wie für die »Separatisten«.
Er musste zwischen Menschen vermitteln, die sich seit Jahren streiten. Und zwischen Menschen, die sich schon so lange streiten, dass sie vergessen haben, warum sie sich ursprünglich gestritten hatten. Er musste zuhören, vermitteln, beruhigen, zurückrufen und dann noch einmal zurückrufen. Denn eines muss man dem deutschen Judentum lassen: Es glaubt nicht an Dienstwege. Es glaubt an Telefonnummern.
Schabbat-Dinner, Gemeindeempfänge, Jubiläen, Trauer- und Gedenkveranstaltungen und unzählige koschere Abendessen
Wer eine Beschwerde hatte, rief Felix Klein an. Wer eine Idee hatte, rief Felix Klein an. Wer ein Problem hatte, rief Felix Klein an. Wer gar kein Problem hatte, aber jemanden kannte, der vielleicht eines haben könnte, rief ebenfalls Felix Klein an. Vermutlich auch während des Abendessens. Apropos Abendessen: Acht Jahre lang besuchte er Schabbat-Dinner, Gemeindeempfänge, Jubiläen, Trauer- und Gedenkveranstaltungen und unzählige koschere Abendessen. Besonders um die koscheren ist er nicht zu beneiden. Er musste Gemeindechöre, Klezmer-Ensembles, Jugendchöre und Kantorengesänge überstehen. Als passionierter Musiker plante er innerlich vermutlich mehrfach die Flucht. Aber er blieb. Immer höflich. Immer diplomatisch.
Vor allem aber musste er etwas aushalten, das in keiner Stellenbeschreibung vorkommt: innerjüdische Konflikte. Antisemitismus ist kompliziert. Jüdischer Zwist ist wie Berliner Flughafen und Rabbinerkonferenz gleichzeitig.
Wir Juden haben diesem Mann so einiges zugemutet.
Hier ging es nicht nur um Meinungsverschiedenheiten, sondern um Traditionen, Identitäten, religiöse Überzeugungen, Macht, finanzielle Mittel und Eitelkeiten.
Trotzdem musste Felix Klein mit allen sprechen: mit Funktionären, Aktivisten, Ehrenamtlichen, Vorsitzenden, ehemaligen Vorsitzenden und wohl am häufigsten mit Menschen, die fanden, eigentlich müssten sie Vorsitzende sein. Und zwar so, dass anschließend alle das Gefühl hatten, ernst genommen worden zu sein.
Die Bilanz seiner Amtszeit fällt vielleicht anders aus als gedacht
Deshalb fällt die Bilanz seiner Amtszeit vielleicht anders aus als gedacht. Natürlich hat er den Kampf gegen Antisemitismus vorangebracht. Natürlich hat er Politik, Behörden, Schulen, Medien und Zivilgesellschaft immer wieder daran erinnert, dass Antisemitismus nicht erst dort beginnt, wo Synagogen brennen, sondern dort, wo Vorurteile gesellschaftsfähig werden.
Aber seine größte Leistung besteht höchstwahrscheinlich darin, dass er acht Jahre lang die gesamte Bandbreite jüdischen Lebens in Deutschland ausgehalten und ertragen hat. Mit bemerkenswerter Geduld. Mit erstaunlicher Freundlichkeit. Und mit einer diplomatischen Gelassenheit, die an Übernatürliches grenzt.
Dass er dabei nicht den Glauben an die Menschheit verloren hat, ist ebenso bemerkenswert. Dass er seinen Humor behalten hat, ist bewundernswert.
Und dass er nach acht Jahren mit jüdischen Gemeinden, jüdischen Verbänden, jüdischen Funktionären, jüdischen Aktivisten, jüdischen Ehrenamtlichen, Rabbinerkonferenzen und jüdischen WhatsApp-Gruppen nicht selbst vollkommen meschugge geworden ist – das ist vermutlich seine größte Leistung überhaupt.
Toda raba, Felix Klein. Kol haKawod!
Der Autor ist Mitglied im Kuratorium der Margot Friedländer Stiftung. Er lebt in München und in Berlin.