»Schalom Aleikum«

Wie sieht der jüdisch-muslimische Dialog der Zukunft aus?

Schalom-Aleikum-Leiter Dmitrij Belkin Foto: Gregor Zielke

Das Verhältnis von Juden und Muslimen in Deutschland ist mitunter nicht ganz einfach: Wenn zum Beispiel der Nahostkonflikt hochkocht wie im Mai 2021, kann das auch hierzulande zu Spannungen und offener Aggression führen. Konkret wurden seinerzeit in mehreren Städten Synagogen angegriffen. Jüdinnen und Juden werden von muslimischer Seite bedroht. Einerseits. Andererseits gibt es längst feste Freundschaften, gut funktionierende Arbeitszusammenhänge und diverse Netzwerke.

Dialog Eines davon ist »Schalom Aleikum«. Das Projekt des Zentralrats der Juden in Deutschland versteht sich als Forum für jüdisch-muslimischen Dialog. Mitte September wurde bekanntgegeben, dass es in eine »Denkfabrik« umgewandelt worden war.

Erforscht werden sollen darin »gesellschaftlich und politisch relevante Themen, die aus jüdischer und muslimischer Perspektive diskutiert werden«. Geplant sind Veranstaltungen, Bücher, Blogbeiträge und Positionspapiere.

Eingebunden werden sollen Engagierte, Forschungsinstitutionen und Fachleute, um Impulse für Debatten etwa auf politischer Ebene zu geben. Die Initiatoren sehen darin auch eine Stärkung der Demokratie und des Zusammenhalts der Gesellschaft.

Eine der ersten Aktionen der neuen Denkfabrik ist die Präsentation des neuen Buches »Flucht und Engagement. Jüdische und muslimische Perspektiven« am 7. Dezember. »Flucht ist spätestens seit 2015 ein wichtiges Thema - und auch das Engagement der Leute«, sagt der Leiter der Denkfabrik, Dmitrij Belkin.

Am 7. Dezember präsentiert die Denkfabrik das neue Buch »Flucht und Engagement. Jüdische und muslimische Perspektiven«.

Er war schon Chef von »Schalom Aleikum«, als es noch als Dialogprojekt firmierte. Belkin zählt auf, dass es mehr als 30 Veranstaltungen, fünf Bücher und eine digitale Ausstellung gegeben habe. Zu Wort kamen zum Beispiel muslimische und jüdische Unternehmer und Unternehmerinnen, Menschen in der Gastronomie, Ärzte und Ärztinnen: »Wir haben ein sehr gutes Netzwerk auf beiden Seiten aufgebaut.«

Mit der Weiterentwicklung zur Denkfabrik solle diese Expertise genutzt werden, um Erfahrungen und Entwicklungen zu analysieren.

Förderung »Schalom Aleikum« erhielt eine finanzielle Förderung der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung - zunächst Annette Widmann-Mauz (CDU), jetzt Reem Alabali-Radovan (SPD). »Wir hoffen sehr, dass wir weiter gefördert werden«, sagt Belkin. Derzeit seien zehn Menschen bei der Denkfabrik beschäftigt.

Bei deren Gründung im September hatte Alabali-Radovan gesagt, dass die Institution jüdische, muslimische und zusätzlich auch christliche Perspektiven zusammenbringe. »Das stärkt unser Miteinander und den Respekt füreinander.«

Seinerzeit bewerteten Zentralratspräsident Josef Schuster und die Sozial- und Islamwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar den jüdisch-muslimischen Dialog auch als wesentlich im Kampf gegen antisemitische und muslimfeindliche Ressentiments. Antirassismus und Antisemitismus seien Themen, die Juden und Muslimen in unterschiedlichen Formen begegneten und denen sie gemeinsam entgegentreten könnten.

Es ist nicht die einzige Denkfabrik für jüdisch-muslimischen Dialog in Deutschland: 2019 nahm der Thinktank »Karov-Qareeb« seine Arbeit auf. Gemeinsam war er vom jüdischen Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk (ELES) und dem muslimischen Begabtenförderungswerk Avicenna entwickelt worden.

Im selben Jahr sagte der damalige ELES-Geschäftsführer Jo Frank allgemein zur Kooperation mit Avicenna: »Es bestehen Spannungen zwischen den beiden Religionsgemeinschaften. Aber Juden und Muslime stehen sich nicht so antithetisch gegenüber, wie Nicht-Juden und Nicht-Muslime das oft denken.«

»Religion und Politik müssen zusammen gedacht werden.«

Dmitrij Belkin, leiter von »schalom aleikum«

Auf gesellschaftlicher Ebene gebe es mehr Einendes als Trennendes: »etwa die Migrationserfahrung, die religiöse Praxis. Auf politischer Ebene gibt es vieles, über das wir zu streiten haben - manchmal auch schmerzvoll. Wie unser Verhältnis ist, das möchten wir jedenfalls gern selbst bestimmen«, betonte Frank.

Öffentlichkeit Belkin wirft die Frage auf, wie das Gespräch zwischen den Religionen künftig aussehen könnte. Aus seiner Sicht jedenfalls nicht mehr so, wie es vor Jahrzehnten auf christlich-jüdischer Ebene geführt worden sei. Sondern eher so, dass der Dialog eine breitere Öffentlichkeit beteilige und neugierig mache - auf aktuelle Themen in einer säkularer werdenden Gesellschaft, die verstärkt über Social-Media-Kanäle kommuniziert würden.

Für Belkin steht fest: »Religion und Politik müssen zusammen gedacht werden, aber nicht in Form von antiquierten Gesprächsformaten der langjährigen Dialogprofis.« Die neue Denkfabrik sei eine richtige Adresse dafür.

Berlin

Lehrerin und Heimatforscher mit Obermayer Awards ausgezeichnet

Seit dem Jahr 2000 verleiht die US-amerikanische Obermayer-Stiftung jährlich einen Geschichtspreis an Heimatforscher und Gedenk- und Aufarbeitungsprojekte in Deutschland. In diesem Jahr wurden vier Personen und eine Initiative geehrt

 01.02.2026

Porträt der Woche

Willkommen zu Hause

Laurette Dassui wuchs in Paris auf und entdeckte in Berlin ihr Jüdischsein neu

von Gerhard Haase-Hindenberg  01.02.2026

München

Wege aus dem Hass

Der amerikanisch-israelische Psychologe Dan Ariely und Guy Katz sprachen im »Prof-Talk« über Antisemitismus aus unterschiedlicher Perspektive

von Esther Martel  31.01.2026

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026

Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman sprach im Deutschen Bundestag über ihre Deportation nach Auschwitz, das Grauen im KZ und darüber, was das Überleben mit ihr gemacht hat. Wir dokumentieren ihre Rede

von Tova Friedman  28.01.2026