Rosch Haschana

»Weltmeisterlich?!«

Die Müchner Synagoge Ohel Jakob vor dem Rosch-Haschana-Gottesdienst Foto: Vitaly Ushakov

Mit dem neuen jüdischen Jahr endet bald das »Gedenkjahr der Superlative«. Vor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus, vor 75 Jahren begann der Zweite. 25 Jahre sind vergangen, seit die Mauer, die unser Land teilte, fiel.

Geschichte ist nie vorbei. Täglich sollten wir durch die Vergegenwärtigung der historischen Verläufe lernen. Zumal unser Hier und Heute Parallelen aufweist, die uns herausfordern, klüger und besonnener zu agieren als damals.

Sündenfall Der Historiker Christopher Clark, der in Cambridge einen renommierten Lehrstuhl innehat, schildert in seinem viel beachteten Buch Die Schlafwandler, dass der Krieg 1914 weder zwangsläufig noch alternativlos war. Eine Kette von Ereignissen hatte etwas in Bewegung gesetzt, und unter den Verantwortlichen in Europa fand sich niemand, der dem schlafwandlerischen Treiben entschieden Einhalt bot. Vielmehr wurde in allen beteiligten Hauptstädten mit dem Feuer gespielt – der erste (!) Sündenfall des 20. Jahrhunderts.

Und heute? Werden wir wieder Zeugen von Versäumnissen, die rückblickend diplomatisch oder militärisch als Schlafwandeln analysiert werden könnten? Wer hätte die Situation in der Ukraine prophezeit? Wie steht es um die überschrittenen roten Linien in Syrien? Was wurde aus den Hoffnungen angesichts des bejubelten »Arabischen Frühlings«, dessen Herbst blutiger und brutaler nicht hätte ausfallen können?

Wie umgehen mit der neuen Feindesdimension ohne greifbare Strukturen? Wie soll der sogenannte Westen auf jene dunkle Macht reagieren, die sich zur Weltherrschaft erkoren fühlt und deren Ideologie aus unaufgeklärter Vorzeit stammt, ihre Kommunikation und Bewaffnung jedoch ebenso hochmodern sind wie die Geldgeschäfte und globalen Verstrickungen ihrer Unterstützer?

Islamisten Hunderttausende werden Opfer grausamster Verbrechen. Millionen sind auf der Flucht. Unmenschlichkeit bricht sich in einer Weise Bahn, die »der Westen« nicht akzeptieren kann und darf. Die Gefahr durch den »Islamischen Staat« (IS) und andere islamistische Terrororganisationen bedroht nicht nur die Menschen in Syrien, Irak und dem ganzen Nahen Osten.

Die gesamte liberale Welt ist im Visier der Dschihadisten. Sie hassen nicht isoliert Israel oder Amerika. Sie verabscheuen unsere Lebensweise, in der die Unantastbarkeit der Menschenwürde und das Credo »leben und leben lassen« die Basis des respektvollen und friedlichen Miteinanders ist.

Die Gefahr ist real und nah. Auch Hunderte Terrorrekruten aus Deutschland haben sich dschihadistischen Gruppen angeschlossen. In den paramilitärischen Camps trainieren junge Europäer für den »Heiligen Krieg«. Sie und ihre internationalen Kumpanen töten nicht nur in Syrien und Irak. Sie planen auch Anschläge in aller Welt, wie jüngst das Beispiel Australien zeigt.

Anschlag Was passiert, wenn sie heimkehren, zeigen auch Attentate wie die Ermordung dreier Kinder und eines Rabbis vor einer jüdischen Schule in Toulouse vor zwei Jahren, oder der Anschlag im Jüdischen Museum in Brüssel, bei dem im Mai vier Menschen erschossen wurden. Ein 20-Jähriger, der wegen IS-Mitgliedschaft vor Gericht steht, hat noch 2011 für Makkabi Frankfurt gekickt.

Die Welt ist unerwartet schwieriger geworden. Klare Konfliktlinien existieren nicht mehr. Intransparent, diffus und ständig wandelnd verlaufen die geopolitischen Frontlinien. Gefestigt geglaubte Partnerschaften zerbrechen. Vermeintliche Freunde werden zu Widersachern, Feinde zu Verbündeten – jedoch nicht auf dem Fundament geteilter Werte, sondern auf der brüchigen Basis eines gemeinsamen Gegners.

Nicht nur in Israel sind die Probleme also zu komplex, um sie leicht lösen zu können. Wie wichtig wären die richtigen Lehren aus der Geschichte. Es ist die Verpflichtung jedes verantwortungsbewussten Politikers, das dichte Geflecht an Möglichkeiten auszuloten und umzusetzen, um die weltweit existierenden Krisen zu deeskalieren. Fest steht aber auch: Es gibt Szenarien und Aggressoren, die eine militärische Intervention erfordern. So ist es nur konsequent, dass sich auch die Bundesrepublik Deutschland ihrer Rolle und Verantwortung in der Welt stellt.

Rechtsruck Letztlich ist jeder Einzelne gefordert, sich gegen die Zerbrechlichkeit von Frieden zu stemmen. Dies offenbart sich direkt vor unserer Haustür. Bei den Europawahlen haben Rechtsextreme und -populisten alarmierende Stimmenanteile errungen. Dieser Rechtsruck verheißt eine weitere Zunahme fremdenfeindlicher, rassistischer, antisemitischer, homophober oder anderweitig menschenfeindlicher Entgleisungen. Wir Juden spüren das schon lange. In Wellen offenbart sich reflexartig und ungeniert die tief verwurzelte latente Judenfeindschaft und wird zu offenem manifestem Judenhass.

Insbesondere der Antisemitismus unter den Muslimen ist auch hierzulande ein enormes Problem. Zumal er belegt, dass die Integration in unsere demokratische Grundordnung in nennenswerten Teilen dieser Community gescheitert ist. Und die muslimischen Verbände gefallen sich zu gut in der Opferrolle, als dass sie diesen Missstand eingestehen oder gar aktiv bekämpfen.

Doch wenn widerlichste antijüdische Hassparolen durch die Republik und das Internet »schallen«, stammen sie von Fundamentalisten jeder Färbung. Neben den radikalen und gewaltbereiten Islamisten wettern die Ewiggestrigen. Und mit ihnen Extremisten von Rechts und Links.

Anhänger Besonders traurig: In der breiten Mitte der Gesellschaft ist die antisemitische Anhängerschaft größer als befürchtet. Auch über einige Medien kann man nur den Kopf schütteln. Der neue alte Judenhass hat viele Deckmäntelchen und Formen. Er war nie weg. Er ist da – massiver und bedrohlicher, als ich mir das nach 1945 je hätte vorstellen können.

Glücklicherweise spüren wir den Rückhalt der Politik, allen voran von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Das ist der entscheidende Unterschied zu den 1930er-Jahren, an die sich manche bereits erinnert fühlten. Jedoch klafft eine spürbare Lücke zwischen der politischen Räson und der Gesellschaft.

Es müsste mal wieder ein Ruck durch unser Land gehen. Ein Ruck des Entsetzens und des Protests. Denn Judenhass ist nur eine Form der Menschenfeindlichkeit. Und Hass ist wandelbar. Freiheit, Demokratie und Menschenrechte sind unteilbar, müssen universell beschützt werden. Einzelfälle gibt es ebenso wenig wie Kleinigkeiten. JEDEM Anfang ist zu wehren. Sonst ist »Nie wieder!« nur eine Floskel.

Patrioten Wann, wenn nicht jetzt, im »Gedenkjahr der Superlative«, sollten passive Gedenkrituale abgelegt und die historischen Lehren in aktive Handlungsprämissen umgesetzt werden? Wir sind doch Weltmeister – oder etwa nicht? Die Deutschen können, ja sollten auf die Errungenschaften der letzten 65 Jahre stolz sein, dürfen aber niemals vergessen, wie schnell aus Stimmungen Hass und aus Hass Massenmord werden kann. Ich wünsche mir, dass Deutschland aufwacht, und zu einer Gesellschaft aufgeklärter Patrioten wird. Menschen, die unsere Heimat lieben und unsere Werte verteidigen.

Möge das neue Jahr 5775 für Sie, Ihre Familien und Freunde ein glückliches Jahr werden und für den Staat Israel den ersehnten Frieden bringen.

Schana towa – Gmar chatima towa!

Ihre Charlotte Knobloch

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