Bundestag

»We were lucky«

Lord Alfred Dubs scrollt durch seine E-Mails. Ah, eine Bestellung ist angekommen, etwas wurde für das Haus erledigt, eine Werbung. »Wenn ich zurück in London bin, warten auf mich 44.000 E-Mails.« Nur 44.000? Ja, aber er wisse ohnehin, worum es geht, scherzt der 91-Jährige, der am Dienstagmittag zwischen den großen weißen im Paul-Löbe-Haus aufgestellten Plakaten steht. Dubs steckt das Smartphone in seinen grauen Anzug. Er schaut sich um, sieht nach oben zum Dach, durch das die Januarsonne fällt. Er blickt auf die großen Wände, geht zwei kleine Schritte nach vorn und bleibt wieder stehen. »Ich bin überwältigt«, sagt er, »einfach überwältigt«.

Hella Pick lehnt an einer Stele. Sie isst einen Cookie, den ihre Hände zuvor langsam geteilt haben. Ihr Blick schweift vorbei an den Plakaten. Gerade zuvor hatte sie ein langes Gespräch, gleich soll das nächste beginnen. Die 95-Jährige dreht sich um und setzt sich mit der Schwere und der Bedeutung, die dieser Tag in sich hat, aufs Sofa, rückt ihren honigbraunen Schal zurecht, legt die Hände ineinander, die auf ihrem Plisseerock zur Ruhe kommen.

10.000 Kinder kamen zwischen 1938 und 1940 mit den »Kindertransporten« nach Großbritannien

Pick und Dubs sind zwei von circa 10.000 Kindern, die zwischen 1938 und 1940 mit den »Kindertransporten« nach Großbritannien kamen. Dubs kam aus Prag, Pick aus Wien. An diese Rettung der Kinder erinnert nun die Ausstellung I said, ›Auf Wiedersehen‹ – 85 Jahre Kindertransport nach Großbritannien, die im Paul-Löbe-Haus zu sehen ist. Die Ausstellung, die durch die Berthold Leibinger Stiftung in Kooperation mit dem Freundeskreis Yad Vashem e.V., mit Ruth Ur als Kuratorin, der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, der Wiener Holocaust Library und der Association of Jewish Refugees vorbereitet wurde, zeigt anhand von Fotos, persönlichen Dokumenten, Briefen und Zeichnungen, wie die Kinder aus Deutschland, Österreich oder Tschechien versuchten, Kontakt mit ihren Eltern oder Verwandten zu halten.

Es sind Zeilen wie die von Ilse Majer, die sie am 14. Juli 1939 verfasste: »Meine Lieben. Heute schreibe ich wieder. Bin ich nicht brav.« Als Zehnjährige wurde das Mädchen mit einem Kindertransport von Wien nach England geschickt. Sie kam an der Liverpool Street an und lebte bei der Familie Welch.

Bis zur Deportation der Eltern in das Ghetto Izbica schrieb Ilse ihnen anfänglich über ihr neues Leben, die neue Sprache, die andere Familie. Und sie berichtete von dem Klavier, ihrem Abendbrot, ihrem Alltag.

Lord Alfred Dubs, der das »Lord« gern streicht und seinen Namen mit Alf Dubs abkürzt, sagt von sich selbst: »I was lucky.« Er hatte Glück. Denn er war eines der wenigen Kinder, die nicht ins komplett Ungewisse fuhren. Auf den kleinen Alfred wartete sein Vater, dem die Ausreise aus Prag schon vorher gelungen war und der seinen Sohn von der Liverpool Street abholen konnte. Unter den suchenden Kinderaugen fanden sich zwei Paare.

Die Kinder kamen mit beinahe nichts in der neuen Heimat an

Die Kinder kamen mit beinahe nichts an. Vielleicht mit einem kleinen Koffer, vielleicht mit einer Tasche. »Ich erinnere mich nicht, was ich mitgenommen habe. Bestimmt hatte ich einen kleinen Koffer, aber ich erinnere mich wirklich nicht«, sagt Dubs, der gerade einmal sechs Jahre alt war, als er zu der Reise aufbrechen musste, die sein Leben und das seiner Eltern rettet, denn kurz bevor der Krieg ausbrach, war Dubs’ Mutter nach Großbritannien gekommen.

Alfred war damals schon bewusst, dass er sich schnell an die neue Umgebung und die Menschen anpassen musste, wenn er Großbritannien als seine neue Heimat annehmen wollte. Und das tat er. Er studierte an der London School of Economics, arbeitete lange Jahre in der Politik, wurde 1994 zum Life Peer erhoben und zog für die Labour Party ins House of Lords ein.

Er setzt sich für Flüchtlinge ein, traf sich in der Vergangenheit immer wieder mit jungen Geflüchteten, um ihnen zu zeigen, dass es immer Hoffnung gibt. Das nach ihm benannte »Dubs Bill« ist eine Gesetzesänderung, die besagt, dass Großbritannien unbegleitete und minderjährige Flüchtlinge aufnehmen soll. »Ich blicke nach vorn«, sagt er, »ich muss.«

Auch Hella Pick hat sich als junge Frau entschieden, nicht in der Vergangenheit zu leben, sondern nach vorn zu blicken. Das Kind, das mit beinahe nichts an der Liverpool Street ankam, denn es wurde ja vorher alles kontrolliert, wie sie beschreibt, studierte später an der London Economic School Politikwissenschaften, war viele Jahre Politik-Journalistin bei der britischen Zeitung »The Guardian« und eine international anerkannte Reporterin.

Entfremdung durch den Brexit

Ihre Heimat, sagt Pick, sei natürlich London, aber »seit dem Brexit habe ich das Gefühl, dass ich in einer eher entfremdeten Heimat lebe«. Sie sei selbst überrascht gewesen, wie zu Hause sie sich in Österreich gefühlt habe, aber das, sagt Pick, habe zum großen Teil damit zu tun, dass es durch den Brexit eine Art Entfremdung gebe. Die österreichische Staatsbürgerschaft nahm sie wieder an.

»Als ich einmal in Prag war«, erzählt Dubs, »hatte ich ein bisschen das Gefühl, dass dort etwas ist«, aber seine Heimat ist Großbritannien. »Allerdings muss ich sagen, dass ich den Brexit für ein großes Desaster halte. Ich habe an mehr Türen geklopft als alle, die Sie vielleicht kennen, um gegen den Austritt zu werben.« Hella Pick und Lord Alfred Dubs sind sich da einig. Sie müssen darüber ein bisschen lachen, denn sie sind sich sehr oft einig – »Yet again, I have to agree«, sagt Dubs dann, und seine Augen lachen.

Werden die beiden auch weiterhin glücklich sein? »Wenn diese Ausstellung überall zu sehen sein wird, dann ja«, sagt Hella Pick. Dabei schließt sie ein wenig die Augen, so, als wünschte sie sich, dieser Traum würde in Erfüllung gehen.

Die Ausstellung »I said, ›Auf Wiedersehen‹ – 85 Jahre Kindertransport nach Großbritannien« ist bis zum 23. Februar im Paul-Löbe-Haus zu sehen.

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026

Hamburg

Altona war schon immer toleranter

Ein Projektraum im Regionalmuseum zeigt 400 Jahre jüdische Geschichte der gesamten Hansestadt

von Heike Linde-Lembke  16.02.2026