Porträt der Woche

»Was ich tue, erfüllt mich«

»Es ist normal, verschieden zu sein«: Nargess Eskandari-Grünberg (52) aus Frankfurt Foto: Rafael Herlich

Porträt der Woche

»Was ich tue, erfüllt mich«

Nargess Eskandari-Grünberg ist Psychotherapeutin und Integrationsdezernentin

von Barbara Goldberg  02.05.2016 16:44 Uhr

Grußworte, Ausschüsse, Empfänge, dazu die Arbeit im Magistrat, Rücksprachen mit Büro und Amt, konzeptionelle Arbeit sowie die Ausarbeitung politischer Konzepte und Richtlinien – der Kalender einer Integrationsdezernentin ist täglich voll mit solchen Terminen. Jetzt werden Sie sagen: »Aber das ist doch nur ein Ehrenamt, das Sie da ausüben!« Ich mache Politik aus Überzeugung, der Sache wegen, weil es notwendig ist. Mein Geld verdiene ich damit nicht, sondern mit meiner Arbeit als Psychotherapeutin. Meine Woche hat 70 Stunden. Das ist nicht immer einfach.

Ich war selbst einmal politischer Flüchtling und hatte das unglaubliche Glück, nach meiner Flucht aus dem Iran in Deutschland Asyl zu bekommen. Ursprünglich wollte ich in die USA, zu meiner Familie. Aus politischen Gründen war das damals für mich nicht möglich. Heute bin ich froh darüber, dass ich in Deutschland geblieben bin.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als ich hier ankam. Das war am 24. Dezember 1985, vor mehr als 30 Jahren. In Erinnerung an diesen Tag haben wir Weihnachten 2015 zwei Kerzen entzündet und daran zurückgedacht, wie ich damals am Frankfurter Flughafen eintraf. Als ich aus dem Flugzeug stieg, spürte ich: Das höchste Gut ist es, in Freiheit zu leben. Keinen Tag habe ich das vergessen. Dafür bin ich noch heute dankbar. Zugleich war dies aber auch ein sehr trauriger Tag für mich, denn meine Familie musste ich zurücklassen.

Leicht war es damals nicht, und von einer Willkommenskultur, wie wir sie heute erleben, konnte vor 30 Jahren noch nicht die Rede sein. Daher weiß ich, was es heißt, wenn man auf jedes freundliche Wort angewiesen ist, wenn einem die Sprache, das Essen, die Traditionen, ja selbst das Wetter fremd und manchmal auch feindselig erscheinen. Freiwillig macht das niemand, das können Sie mir glauben. Ich stamme aus einer gutbürgerlichen Familie, meine Eltern waren wohlhabend, ich selbst ging in Teheran auf eine Privatschule. Stellen Sie sich einmal vor, wie befremdlich es für mich war, als ich hier gefragt wurde, ob ich wisse, wie man mit Messer und Gabel umgeht.

verfolgung Im Iran konnte ich aufgrund der politischen Situation nicht bleiben. Das war zu gefährlich. Bereits mit 14 Jahren hatte ich an einer Demonstration teilgenommen, trug ein Schild mit der Aufschrift »Freiheit«. Wie gefährlich das war, erkannte ich erst später. Als ich verhaftet wurde, war ich 17. Auch dieses Mal hatte ich zusammen mit vielen anderen jungen Menschen auf den Straßen von Teheran demonstriert. Erst protestierten wir gegen das Schah-Regime, kämpften für Freiheit. Doch unsere Hoffnungen blieben eine Illusion. Als dann die Mullahs an die Macht kamen, demonstrierten wir wieder. Wir hatten Angst und kämpften für unsere Rechte als Frauen – gegen unsere Unterdrückung.

Dann kamen die Wächter in die Wohnung, in der ich damals mit einigen Studenten zusammenlebte, und nahmen uns mit. In dem Gefängnis wurde gefoltert und gemordet. Viele meiner Freunde und Angehörigen habe ich nie wiedergesehen, andere konnten in die USA fliehen. Meine Eltern starben beide früh; ich weiß nicht einmal, wo ihre Gräber sind. Ich kann und will nicht mehr zurück in dieses Land.

Die Erfahrung von Verfolgung, Haft – vor allem der Verlust von Freunden und nahen Verwandten – ist etwas, das ich mit der Familie meines Mannes teile. Mein Schwiegervater hatte das Ghetto Riga und einige Konzentrationslager überlebt. Er kehrte als einziger Überlebender seiner Familie aus den Lagern zurück. Wir haben uns auf Anhieb verstanden, auch ohne viele Worte.

WIZO Was uns vor allem von Anfang an verbunden hat: dass wir nicht verbittert sind, sondern immer wieder das Schöne und Gute sehen wollen und vor allem Ja zum Leben sagen. Als Integrationsdezernentin habe ich später einige Treffen von Schoa-Überlebenden besucht und mich auch dafür eingesetzt, dass diese finanzielle Zuwendungen erhalten. Auch die WIZO liegt mir sehr am Herzen – ich unterstütze sie nach Kräften.

Die deutsch-jüdische Familie meines Mannes nahm mich mit offenen Armen auf, auch wenn ich zum Beispiel nichts von Kaschrut verstand und beim Schabbesessen nach der Joghurtsauce fragte, die beim persischen Essen immer zum Fleisch dazu gereicht wird. Die Schabbatfeiern im Haus meiner Schwiegereltern sind mir bis heute unvergessen, sie haben mich tief berührt. Auch bin ich oft in die Synagoge mitgegangen. Ich selbst begehe übrigens immer noch das persische Neujahrsfest, weil es für mich mit ganz vielen Erinnerungen an meine Kindheit verbunden ist. Der Frühling als Neubeginn und Hoffnung ist mir wichtig. Als ich Kind war, war es normal im Iran, dass jüdische, christliche und muslimische Kinder zusammen auf der Straße spielten, auch Zoroastrier. Nach Religionszugehörigkeit haben wir damals nicht gefragt. In Deutschland ist das anders.

Heute lebe ich in Deutschland, habe einen jüdischen Ehemann, bin eine moderne Frau und Mutter. Kein Wunder also, dass die Traditionen und Feste in unserer Familie international und äußerst vielfältig sind! Von den jüdischen Feiertagen mag ich Pessach am liebsten, und ich kann selbst einen wunderbaren Sederteller zubereiten.

Wie ich das alles schaffe – Job, Familie, Politik? Nun, ich bin ein sehr strukturierter Mensch und verstehe es, meine Zeit genau zu takten und dann hochkonzentriert zu arbeiten. Morgens stehe ich früh auf, und mein Arbeitstag ist selten schon um 20 Uhr zu Ende. Nachts sitze ich oft an meinem Computer und schreibe E-Mails – meine Mitarbeiter wundern sich dann manchmal, wenn sie morgens um vier Uhr Post von ihrer Chefin erhalten. 70 Stunden sieben Tage die Woche zu arbeiten, ist normal für mich.

Migration Ja, man könnte sagen, dass ich eine Getriebene bin, ein Mensch, der traumatisiert ist. Aber das, was ich tue, erfüllt mich auch. In Frankfurt gibt es 250 migrantische Vereine. Wer behauptet, die Integration in Deutschland sei gescheitert, sollte sich nur einmal ansehen, wie viele Menschen sich dort engagieren, Zugewanderte und Einheimische, damit das Zusammenleben funktioniert. Integration beginnt mit Anerkennung! Und ich möchte als Politikerin den Menschen diese Anerkennung geben, deshalb besuche ich so viele Veranstaltungen und Vereine, Feste, Ausstellungen und Aufführungen.

Gleichzeitig versuche ich immer wieder, an die Menschlichkeit zu appellieren, damit wir denen, die hier ankommen, einen Platz in unseren Köpfen und Herzen geben. Ich sehe Politik nicht als Selbstzweck an, sondern immer nur als Hilfsmittel, um etwas zu verändern, zu erreichen. Ich bin Politikerin geworden, um für Menschenrechte, Freiheit und Demokratie zu kämpfen, aber auch, um entschieden gegen Rechts einzutreten, gegen jede Form von Rassismus, besonders gegen Antisemitismus.

Deshalb ist es mir so wichtig, dass junge Muslime über die deutsche Geschichte aufgeklärt werden, unabhängig davon, ob sie mit Ressentiments gegen Juden aufgewachsen sind. Mein Mann und ich wurden bereits mehrfach öffentlich angegriffen, das reichte bis zu Morddrohungen und Sprüchen wie »Der Zug, der euch nach Auschwitz bringt, steht bereits unter Dampf« oder »Alle Eskandaris nach Guantanamo, alle Grünbergs nach Auschwitz«.

Diversität Seit sieben Jahren bin ich Integrationsdezernentin. In meiner Amtszeit wurde erstmals ein umfassendes »Integrations- und Diversitätskonzept« erarbeitet – mit 55 Zielen und 60 Handlungslinien für die Integrationspolitik der kommenden Jahre. Es beruht auf meiner Grundüberzeugung: »Es ist normal, verschieden zu sein.« In Frankfurt wollen wir andere Menschen, Lebensformen und Sichtweisen nicht als Belastung oder gar Bedrohung sehen, sondern als demokratische Normalität. Aus meiner Erfahrung als Psychotherapeutin weiß ich ohnehin, dass sich hinter dem Gefühl der Bedrohung oft die Angst vor dem Fremden in einem selbst verbirgt.

Momentan stehen wir natürlich vor ganz neuen Herausforderungen. Nach der akuten Krisenbewältigung in der Flüchtlingsfrage geht es jetzt um Integration. So regt mein Dezernat etwa Schulungen der kommunalen Verwaltung an, um sich auf die unterschiedlichen Mentalitäten der hier eintreffenden Menschen einzustellen. Eines unserer wichtigsten Ziele ist auch Mehrsprachigkeit an Schulen, Verbesserung der Elternarbeit, mehr Chancengleichheit und Bekämpfung der strukturellen Diskriminierung. Es gibt noch unendlich viel zu tun.

Wir brauchen Integration statt Ausgrenzung und Abschottung. Dass in Deutschland eine Partei wie die AfD an Zustimmung gewinnt, dass Menschen massenhaft Pegida-Parolen grölen, dass in diesem Land wieder Flüchtlingsheime brennen, ist eine Katastrophe. Alle, die das verstehen, sollten sich jetzt mit aller Kraft dagegen wehren –bevor es abermals zu spät ist.

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