Hamburg

Von Altona bis Wandsbek

Ina Lorenz mit den sieben Bänden ihrer Studie über Hamburgs Juden in der 30er-Jahren Foto: Heide Linde-Lembke

Rund 20 Jahre lang hat Ina Lorenz an ihrem größten Werk gearbeitet. Jetzt liegt es druckfrisch unter dem Titel Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39 in sieben Bänden vor – pünktlich zu den Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden (IGdJ) in Hamburg, die jetzt beginnen.

Ina Lorenz ist stellvertretende Direktorin des Instituts. Mehr als 200.000 Dokumente hat die Historikerin gemeinsam mit ihrem Co-Autor, dem Juristen Jörg Berkemann, ausgewertet. »Ich bin sehr froh, dass dieses Werk zum Jubiläum vorliegt«, sagt sie. Am 25. Februar wird es feierlich im Hamburger Warburg-Haus präsentiert, im Mai folgt der Senatsempfang zum Institutsjubiläum im Hamburger Rathaus.

dokumentation Anfang 1933 hatten die jüdischen Gemeinden von Hamburg, Altona und Wandsbek 24.000 Mitglieder. Nahezu alle Juden waren als Bürger in das gesellschaftliche Leben der Hansestadt und ihrer Region integriert – bis zur Machtergreifung der Nazis am 30. Januar 1933.

Die Hamburger Juden versuchten vergeblich, ihr reiches jüdisches Gemeindeleben gegen alle Verfolgung und Entwürdigung durch die NS-Schergen zu verteidigen. Lorenz und Berkemann haben dieses Leben zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung von 1933 bis 1938/39 mikrohistorisch und regionalgeschichtlich nachgezeichnet.

Der Dokumentation schließen sich zwei Bände mit einer umfassenden Monografie an. Vier Bände belegen die Quellen, geordnet in 58 Sachkapiteln. Der siebte Band beinhaltet Anhang und Register und erschließt somit das Gesamtwerk. Herausgeber sind Miriam Rürup, Direktorin des Instituts, und Andreas Brämer, mit Ina Lorenz stellvertretender Direktor.

Archiv Das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg war am 4. Mai 1966 nach vielen Diskussionen gegründet worden. Initiiert wurde es von Hans W. Hertz, Eric Warburg und Dietrich Gerhardt – Warburg und Hertz waren Verfolgte des NS-Regimes.

Die jüdischen Gemeinden der Hansestadt hatten dem Hamburger Staatsarchiv bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs in großer Vorausschau und unheilvoller Ahnung ihre historischen Akten übereignet. Das Staatsarchiv magazinierte die teils jahrhundertealten Schriftstücke, sodass die Geschichte der Hamburger Juden erhalten blieb.

»Nach 1949 erhoben die Jewish Historical General Archives in Jerusalem Anspruch auf die Akten«, sagt Ina Lorenz. Es kam zum Vergleich: Hamburg erhielt eine Hälfte der wertvollen Dokumente im Original und die zweite Hälfte in Kopie, an Jerusalem gingen jeweils die anderen Hälften.

Dankbar ist Lorenz den ehemaligen Einwohnern der Hansestadt, die bei ihren Besuchen auf Einladung des Hamburger Senats ihre Erinnerungen dokumentierten, darunter namhafte Hamburger wie Miriam Carlebach und Eva Unger. »Das ist der Kern des Instituts, dass wir die Geschichte der deutsch-israelitischen Gemeinden Hamburgs, Wandsbeks, Altonas, Harburgs und Wilhelmsburgs dokumentieren können«, unterstreicht Lorenz.

Sefardim »Ein Schwerpunkt ist auch die Geschichte der sefardischen Juden in Hamburg und Schleswig-Holstein, beispielsweise bei den Friedhöfen«, ergänzt Michael Studemund-Halévy, der als freier Mitarbeiter des Instituts die Geschichte des Jüdischen Friedhofs Königsstraße Altona mit seinen berühmten Gräbern erforscht, darunter die Grabstätte von Samson Heine, des Vaters von Heinrich Heine.

Für den seit 1611 bestehenden Friedhof, der seit 1960 unter Denkmalschutz steht, haben Studemund-Halévy und der Judaist Dan Bondy die Aufnahme in die Weltkulturerbeliste der UNESCO beantragt. Weitere Aufträge des Instituts sind die Auswertung der archivalischen Überlieferung zur Geschichte der Juden im Hamburger Raum von den Anfängen bis zur Gegenwart und die Provenienzforschung bei schriftlichen Werken.

Die Bibliothek mit Bildarchiv umfasst mehr als 50.000 Bände, die zu den bedeutendsten historischen Spezialbibliotheken im norddeutschen Raum zählt. Mit ihrem Kernsammelgebiet gilt sie als eine der großen Spezialsammlungen zur Geschichte und Kultur des Judentums im deutschsprachigen Raum seit dem Mittelalter.

neuerwerbungen Neben vielen Judaica besitzt die wissenschaftliche Präsenz- und Forschungsbibliothek eine wichtige Sammlung von Hebraica und etwa 600 in- und ausländische Periodika, darunter alte Drucke, hebräische Werke seit dem 16. Jahrhundert und seltene Originale auf Deutsch. Alle Neuerwerbungen seit 1997 und ein Großteil des Altbestands sind im Campuskatalog der Universität Hamburg verzeichnet und im Internet einzusehen.

Wer wissenschaftlich dazu arbeitet, wird unterstützt, denn das Institut widmet sich auch der Weiterbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Das IGdJ veranstaltet auch Konferenzen, Kolloquien und Gastvorträge in enger Zusammenarbeit mit in- und ausländischen Forschungsinstitutionen. »Neuerdings gehen wir in die Schulen, bevorzugt in Klassen der unteren Jahrgänge mit starkem Migrationshintergrund, um über das Judentum aufzuklären«, sagt Studemund-Halévy.

schulen Zur Aufklärung an den Schulen gehört auch das deutschlandweit einzigartige Schulprojekt »Geschichtomat«, mit dem das Institut mit neuesten Methoden jüdische Geschichte und Kultur an Jugendliche vermittelt. Das Projekt steht sogar im Finale der Google Impact Challenge 2016.

»Wir haben jetzt ein ganz großes Projekt angepackt: die Digitalisierung aller Archivalien sämtlicher Jahre, die auch ins Internet gestellt und damit öffentlich zugänglich gemacht werden. Das ist sehr aufwendig und sehr teuer«, sagt Ina Lorenz.

Das Projekt soll, unter Vorbehalt der Zusicherung aller Finanzierungshilfen von Hamburger Stiftungen, beim 51. Historikertag der Universität Hamburg vom 20. bis 23. September präsentiert werden.

Ina Lorenz/Jörg Berkemann: »Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39«. Wallstein, Göttingen 2016, 7 Bände, zus. 4772 S., 169,90 €

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