Attendorn

Vom Himmelsberg bis Maccabi

Vom Himmelsberg eröffnet sich ein atemberaubender Panoramablick. Weniger als 100 Höhenmeter über der Kleinstadt Attendorn im Sauerland gelegen, lässt sich an einem herbstlich-sonnigen Nachmittag auf die ehemalige Hansestadt blicken. Die mächtige Rotbuche im Stadtzentrum verdeckt die Sicht auf die Pfarrkirche des Ortes, Sankt Johannes Baptist, den sogenannten Sauerländer Dom.

Der Rasen ist kurz geschnitten. Eine steile Steintreppe führt auf eine zweite Ebene. Auf der oberen haben 33 Gräber Platz gefunden. Die Begräbnisstätten sind akkurat gen Jerusalem ausgerichtet. Am Himmelsberg haben die jüdischen Bürger der im Mittelalter freien Hansestadt Attendorn ihre Verstorbenen beerdigt.

Nicht ohne Grund gebührt dem knapp 1000 Quadratmeter großen Beisetzungsareal die Auszeichnung »Schönster Friedhof der Region«. Und er dürfte auch der gepflegteste jüdische Friedhof in diesem Landstrich sein. Akkurat und ohne Wildwuchs. »Die Stadtverwaltung kümmert sich um die regelmäßigen gärtnerischen Arbeiten«, erzählt Hartmut Hosenfeld stolz. »Der Jüdische Friedhof ›Am Himmelsberg‹«, sagt der 77-jährige ehemalige Direktor einer Schule für Lernbehinderte, »gehört zu den im Kataster eingetragenen Baudenkmälern unserer Stadt.«

RAstplatz Das geschätzt rund 80 mal zwölf Meter große, terrassenförmig angelegte Gelände am Hang lockt durch seine Lage auch Wanderer an, die über den Bergweg von Attendorn in Richtung Ennest laufen. Ein privilegierter Rast- und Aussichtsplatz, der dazu zwar über eine Umzäunung verfügt, aber kein verschlossenes Tor. Ein Schild erklärt kurz die Bedeutung des Ortes und dass jeder Besucher eine Kopfbedeckung aufsetzen sollte.

»Vandalismus oder Schändungen haben wir nicht«, erzählt Hosenfeld, der eine rotbraune Kippa mit Goldstickereien trägt. Dabei helfe es, dass die Attendorner Schüler der jeweiligen zehnten Klasse sich an der Pflege der Gräber beteiligen, ist sich der Pädagoge sicher. »Das schafft Respekt und Bewusstsein.« Hosenfeld betreut die Schüler und vermittelt ihnen Kenntnisse über das ehemalige jüdische Leben in Attendorn.

Für sein gesellschaftliches Engagement wurde Hosenfeld schon mit dem »Bürgerpreis« der Stadt ausgezeichnet. Und wer mit dem rüstigen Ex-Lehrer von Grabstein zu Grabstein und später durch das historische Zentrum der Stadt auf jüdischen Spuren schlendert, merkt schnell: Das Judentum ist ihm eine Herzensangelegenheit, mit der er sich seit mehr als drei Jahrzehnten beschäftigt.

15. Jahrhundert Bis ins 15. Jahrhundert lassen sich Spuren jüdischen Lebens in Attendorn zurückverfolgen. 1864 dann erwarb die kleine Betergemeinschaft von insgesamt fünf jüdischen Familien das Gelände »Am Himmelsberg«. Die Stadtverwaltung war damals nicht gerade begeistert, sagt Hosenfeld. Mit immer neuen Auflagen blockierte sie die Eröffnung der Begräbnisstätte, die die königliche Regierung in Arnsberg längst genehmigt hatte. Erst sieben Jahre später wurde das Grundstück endgültig der Israelitischen Gemeinde per Grundbucheintrag überschrieben.

Hartmut Hosenfeld kennt die Geschichten, die sich hinter den Grabsteinen verbergen, jede Anekdote der jüdischen Bewohner, die einst in der heute 25.000-Einwohner-Stadt lebten. Attendorn zählt heute beim Pro-Kopf-Einkommen zu den Top-Fünf-Städten Nordrhein-Westfalens. Auch im 19. Jahrhundert war die sauerländische Kleinstadt, im Gegensatz zu anderen Ortschaften, nicht gerade arm, die jüdischen Kaufleute und Unternehmer nahmen Zedaka, Wohltätigkeit, auch für ihre Mitbürger in der Stadt sehr ernst», berichtet Hosenfeld.

Spenden Das erste Röntgengerät im städtischen Krankenhaus verdanken sie beispielsweise dem Unternehmer Julius Ursell, damals der größte Arbeitgeber mit seiner Blechverarbeitungsfirma. Er liegt auf dem Attendorner Friedhof, ebenso wie sein Bruder, der ehemalige stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Albert Ursell, der 1928 dort beigesetzt worden war.

Für einen handfesten, wenn auch unfreiwilligen Skandal sorgte 1851 der Beitritt von Zadik May zum Schützenverein, erzählt Hosenfeld, während er am Grabmal des Verstorbenen steht. Die drei jüngsten Schützen der katholischen Schützengesellschaft schritten traditionell bei der jährlichen Fronleichnamsprozession dem großen Madonnenbildnis in Uniform und «Iserkopp», einem von den Schweden erbeuteten Eisenhelm sowie Brustpanzer, voran. Weil der nur «Sotic» gerufene Zadek May trotz seines Glaubens als Schützenbruder daran teilnahm, wurde dem Schützenverein vom verärgerten Gemeindepfarrer die künftige Teilnahme im vollen Ornat untersagt. Das Kölner Generalvikariat verschärfte die «Strafe», indem sie dem Schützenverein jede Betätigung mit religiösem Charakter verbot. Erst 1927 wurde der Bann gegen die Attendorner Schützenbruderschaft aufgehoben.

Hosenfeld freut sich, die Geschichte wieder ausgegraben zu haben. Sie bietet, so sagt er, heute Ansatzpunkte für Gespräche mit den städtischen Schützenvereinen, sich «ihrer jüdischen Schützenbruderschaft zu erinnern» und diese zu erforschen und öffentlich zu machen. Auch die jüdischen Kaufleute, deren Geschäfte noch heute im Stadtzentrum existieren – wenngleich in einem heute die Filiale eines Drogeriegroßmarkts untergebracht ist – trugen zur Blüte als Handels- und Geschäftszentrum der Region bei.

Ablehnung Aber es gab auch massive Ablehnung. Der Küster der Kirche St. Johannes Baptist beschwerte sich über den «Betsaal der Juden», der direkt an die Kirche anschloss, und den Krach zu Purim. Zu Sukkot hatten die Gemeindemitglieder gut sichtbar eine Laubhütte auf dem Balkon errichtet und seiner Ansicht nach die «Andacht der Gläubigen» gestört. Bereits 1919 begannen erste Hetzereien gegen die wenigen jüdischen Attendorner. Zehn wanderten «gezwungenermaßen» aus, zwei überlebten in einem Versteck in der Stadt, die Mehrzahl der 1933 in Attendorn lebenden 27 jüdischen Bewohner wurde deportiert und ermordet.

An sie erinnert heute eine Gedenktafel am Haus des alten Betsaals. Auf den Bürgersteigen blinken im Sonnenlicht jedes Jahr mit einer öffentlichkeitswirksamen «Putzaktion» gepflegte 14 Stolpersteine, mithilfe derer an die jüdischen Einwohner von Attendorn erinnert werden soll. «Hartmut Hosenfeld verdankt die Stadt, dass das Andenken an die Juden nicht verblasst ist», sagt Attendorns Pressesprecher Tom Kleine. Auch er kämpft wie Hosenfeld um das jüdische Erbe der Stadt. Der bekennende Maccabi-Tel-Aviv-Fan und Israelfreund betreibt das Internetportal www.juedisch-in-attendorn.org, auf dem Interessierte nicht nur Jüdisches aus und in Attendorn nachlesen können. Kleine informiert auch über Literatur, Sportereignisse und politische Geschehnisse rund ums Judentum.

Im nächsten Jahr soll mit der Veranstaltungswoche «Jüdisch in Attendorn 2018» das Thema «80 Jahre nach der Pogromnacht» aufgegriffen werden und den früheren Bürgern der einstigen Hansestadt mit einer Stele gedacht werden. Das Südsauerlandmuseum wird den Juden eine Ausstellung widmen – bei Kunst, Kultur und natürlich Sport «steht Jüdisches auf der Tagesordnung». Basketballfan Tom Kleine hofft, dann auch seine geliebten Korbjäger von Maccabi Tel Aviv in Attendorn präsentieren zu können.

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