Von Ächzen und Jammern wegen der fast 36 Grad war am vergangenen Sonntag in der Jüdischen Gemeinde Mannheim nichts zu hören. Im Gegenteil: In den gekühlten Räumen gab es Wohlklänge, Harmonie und eine ganze Menge Lieder. 14 Chöre aus ganz Deutschland – von Potsdam bis München – und eine Tanzgruppe waren zum »Festival der Chöre« angereist und gaben ihr Bestes.
Bereits zum dritten Mal hatte die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zu »Schirat Ha’am – Gesänge des Volkes« eingeladen. Wie wichtig Treffen wie diese sind, wie sehr sie gebraucht werden, zeigt die Entwicklung des Festivals: Denn dieses Mal waren rund 240 Musikbegeisterte dabei – etwa 100 Menschen mehr als beim vorherigen Festival der Chöre 2024 in Duisburg.
Die meisten Chöre setzen auf einheitliche Farben
Vielen war nicht nur anzuhören, sondern auch anzusehen, dass sie zusammengehören, denn die meisten Chöre setzen auf einheitliche Farben. Wer zum Beispiel beim Mannheimer Chor »Tumbalalaika« singt, trägt ein weißes Oberteil und einen lilafarbenen Schal. Die Sängerinnen und Sänger warteten geduldig seitlich der Bühne auf ihren Auftritt, während oben noch die Eröffnungsreden gehalten wurden. Sie waren die Ersten, die auftraten, und auch die, die den kürzesten Weg auf sich nehmen mussten. Nach ihnen waren unter anderem Chöre aus Erfurt, Bamberg und Hamburg an der Reihe – und etliche andere aus ganz Deutschland.
Viele von ihnen sangen traditionelle jüdische Stücke, einige von ihnen tauchten mehrfach und in unterschiedlichen Variationen auf, so wie die alte liturgische Hymne »Adon Olam« und das durch Leonard Cohen populär gewordene »Hallelujah«. Auch der Chor der Jüdischen Gemeinde Mannheim hatte dies als eines von vier Stücken ausgewählt. Als alle Chormitglieder auf der Bühne standen, wandte sich Larissa Dubjago ans Publikum. Die Chorleiterin bereitete die Zuhörer darauf vor, in welche Welten sie musikalisch eintauchen würden: zum Beispiel in die des jungen David, der beim Hüten auf dem Feld Flöte spielt und nicht weiß, was eines Tages aus ihm werden wird.
Als die Sängerinnen und Sänger ihre blauen Notenbücher aufklappten und mit ihren Stimmen und den Stücken »David Melech Jisrael«, dem Liebeslied »Avre Tu«, »Hallelujah« und dem Hochzeitslied »Prawen Wel Mir A Chassene« den großen Saal füllten, hörten alle im Publikum gespannt zu. Viele wollten diesen Moment in Erinnerung behalten – und filmten und filmten und filmten.
»Ich will nun den Kontakt zum jüdischen Leben halten«
Einer fiel auf unter den älteren Frauen und wenigen Männern im Mannheimer Chor: Igor Chorkin. Er ist erst 20 Jahre alt und ganz neu dabei. Im vergangenen Herbst zog Igor in die Stadt, weil er dort Betriebswirtschaft studieren wollte. Ursprünglich kommt er aus Kasachstan. Bevor er nach Mannheim zog, lebte Igor drei Jahre in Israel. »Ich will nun den Kontakt zum jüdischen Leben halten«, sagt er. Dass er mit Abstand der Jüngste ist, stört ihn nicht: »Die Hauptsache ist die Musik.«
Der Auftritt beim Festival sei für den Chor ein wichtiges Ereignis gewesen, erzählt er, als alles vorbei ist – doch die Vorbereitungen seien nicht stressig gewesen, sondern angenehm. Ekaterina Margolin war unterdessen mit ihrem Chor »Voices in Peace« aus Köln dabei. Und auch in den anderen Chören gibt es Bemühungen, noch mehr Jüngere anzusprechen. Larissa Dubjago will in Mannheim junge Rapper mit ihrem Chor zusammenbringen, interkulturelle Projekte sind ihr wichtig: Sie arbeitet mit der Orientalischen Musikakademie in Mannheim zusammen.
14 Chöre aus dem ganzen Land kamen nach Mannheim.
Während die Mannheimer noch singen, stehen schon die Nächsten am seitlichen Bühnenrand: Beim Chor »Kol Shalom« aus Kassel tragen alle schwarz und türkisfarbene Schals. Auch hier Harmonie. Manche vergleichen vielleicht das Repertoire, die Outfits – die Chöre interessieren sich eben für ihre Kollegen und genießen das ausgiebige Eintauchen in die Vielfalt der jüdischen Musik. Und auch das Publikum bleibt neugierig und hört – trotz der viereinhalb Stunden – aufmerksam zu.
Im Foyer sind derweil diejenigen am Herumwerkeln, die das Festival ermöglichen: Security- und Technik-Mitarbeiter und die Küchenchefin Gülnay Merzayeva, die mit ihrem fünfköpfigen Team das große Buffet für die Pause vorbereitet. Hummus, Auberginen-Püree, Schokoladenkuchen und vieles mehr. Die Mannheimer Gemeinde sei bekannt für ihre »Sterne-Küche«, schwärmt eine Frau.
Bestens auf große Veranstaltungen wie das Chorfestival eingestellt
Die Gemeinde mit rund 450 Mitgliedern sei bestens auf große Veranstaltungen wie das Chorfestival eingestellt, sagt deren Vorsitzende Deborah Kämper. Der jährliche Frühlingsball sei ein großes gesellschaftliches Ereignis in Mannheim. Wie fest verankert die Gemeinde ist, betont auch der Mannheimer Bürgermeister Thorsten Riehle: »Das jüdische Leben ist Teil unserer Kultur, das lassen wir uns von niemandem nehmen!« Dass dieses jüdische Leben immer stärker unter Druck gerate, bereite große Sorge – umso wichtiger seien fröhliche, vielseitige, der Kultur verbundene Veranstaltungen wie das Chorfestival.
Genau das hebt auch Aron Schuster hervor, der Direktor der ZWST: Beim Festival zeige sich die große Sehnsucht, sich nicht immer nur mit negativen Nachrichten und Herausforderungen zu beschäftigen. Als Standorte würden gezielt auch kleinere und mittelgroße Gemeinden ausgewählt. Nach dem Start 2018 in Frankfurt und danach Duisburg ist nun Mannheim an der Reihe.
Die Idee zu den Chorfestivals, die sich mit Tanzfestivals abwechseln, hatte Aron Schusters Vorgänger Beni Bloch sel. A. Geprägt wurden die Chortreffen auch von Rokella Verenina-Kämper aus Wuppertal, die über viele Jahre die Seminare für Chorleitende in Bad Sobernheim gestaltete. Sie sei ungeheuer kreativ und inspirierend gewesen, ihr Ziel war es, die »Seele« der Musikstücke weiterzugeben, sagt Yevgenia Freifeld vom Sozialreferat der ZWST.
Es ist das erste Chorfestival, an dem Verenina-Kämper nicht mehr teilnimmt. Doch ihre Gemeinde ist vertreten: Die in Rot-Schwarz gekleideten acht Frauen der Tanzgruppe Tikwatejnu aus Wuppertal proben in einer Ecke im Foyer noch schnell ihre Schritte, bevor sie auftreten.
Manche nahmen ganz besonders weite Wege auf sich
Wie beliebt das Festival ist, zeigen die zurückgelegten Kilometer, denn um mit dabei zu sein, nahmen manche ganz besonders weite Wege auf sich: Sergej Bagrianski ist mit seinen fast 80 Jahren, seinem Chor, seiner Frau, die einen Rollstuhl nutzt, und seiner 35-jährigen Tochter extra aus Potsdam nach Mannheim gereist. Sie bleiben zwar nur zwei Tage und die Zugfahrt dauere mindestens sechseinhalb Stunden, erzählt Bagrianski, aber das Treffen ist es der Familie wert.
Der Chor »Freundschaft« der Jüdischen Gemeinde in Potsdam sei zwar auch sonst öfters unterwegs, aber meist zu näher gelegenen Orten: »Mannheim ist für uns sehr, sehr weit weg.« Doch er finde es spannend, die anderen Chöre und ihr Repertoire kennenzulernen – und auch ein bisschen etwas von dem ihm unbekannten Mannheim: Die Region sei sehr industriell geprägt, sagt er, anders als Brandenburg, wo er mit seiner Familie seit der Ausreise aus der Ukraine 2004 lebt.
Musik verbindet, israelische und jüdische Lieder bringen Menschen zusammen. Das Chorfestival der ZWST ist dafür der beste Beweis – gerade wenn es draußen heiß hergeht.