Festival

Vier Tage für alle

Auch wenn Limmud in diesem Jahr nicht am Werbellinsee in der beschaulichen Schorfheide, sondern mitten im quirligen Berlin stattgefunden hat, geht vom Festival immer noch diese einmalige Ferienlageratmosphäre aus – nur ohne Badesee.

Und wie es sich für ein richtiges Sommercamp gehört, sind sich die Teilnehmer in der Jüdischen Oberschule, dem diesjährigen Austragungsort, immer wieder über den Weg gelaufen. Kein Wunder: Bei über 160 Angeboten zu ausgewählten Themen an vier Tagen kommen schon mal einige Meter an Weg zusammen.
Freundlich, und zum Ende hin vielleicht auch mal ein wenig gestresst, nickte man einander spätestens am letzten Tag des Lernfestivals auf dem Flur oder in der Coffee Lounge zu.

Zores Und ebenfalls nicht anders als in einem Ferienlager haben sich bereits nach dem ersten Tag vereinzelt Cliquen gebildet. Umgekehrt stellt sich ebenso schnell heraus, wer mit wem Zores hat. Mit einem Wort: Es menschelte wie jedes Jahr auch beim Limmud 2012, der am vergangenen Donnerstagmittag begann und Sonntagnachmittag endete.

Alexander Smolianitski, Vorsitzender von Limmud.de, zieht ein positives Fazit: »Wir sind wieder einmal überrascht, wie gut Limmud auch dieses Jahr angenommen wurde.« Sein besonderer Dank gilt dabei den vielen ehrenamtlichen Helfern, die sich – zumeist zusätzlich zu Beruf und Familie – für das Festival engagiert haben. »Es ist unglaublich, was die vielen Limmudniks geleistet haben. Ohne ihre Unterstützung wäre die Veranstaltung in dieser Form undenkbar.«

Gleich am Eröffnungstag lobte Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, das Treffen: Limmud sei »ein fester Bestandteil des jüdischen Lebens in Deutschland«, sagte er. Und er wünsche sich, dass das Engagement, das während der vier Tage gezeigt werde, »über die Grenzen von Berlin hinaus Schule machen sollte«.

Begeisterung Und auch am Freitag riss die Begeisterung über das Festival nicht ab. In einer Diskussion in der Aula der Jüdischen Oberschule stellte sich Zentralratspräsident Dieter Graumann Fragen aus dem Publikum. Vorher allerdings schilderte er, warum die Unterstützung für ihn eine »Herzensangelegenheit« sei: Das Lernen habe im Judentum bekanntlich einen ganz besonderen Stellenwert. »Seit Jahrtausenden hat bei uns nicht derjenige das meiste Sozialprestige, der am meisten Geld besitzt, sondern derjenige, der am meisten Lernen gelernt hat in seinem Leben.«

Graumann betonte, dass ihm sein Engagement für den Limmud auch deshalb besonders wichtig sei, weil dort vom liberalen Judentum bis hin zur Orthodoxie unterschiedliche Strömungen gemeinsam unter einem Dach zusammenkommen und einander respektvoll begegneten. »Der Limmud zeigt: Im deutschen Judentum ist Vielfalt inzwischen Normalität geworden.« Diese Vielfalt sei eine historische Entwicklung, die es unbedingt zu bewahren gelte. »Wer die Einheit will, der muss die Vielfalt leben und respektieren«, sagte Graumann.

Highlights
Ein Höhepunkt des breit gefächerten Programms war wie auch schon im Vorjahr das Speed Dating. Eine Hand voll weiblicher »Limmudniks« musste von den Organisatoren sogar auf das Speed Dating im kommenden Jahr vertröstet werden, weil die freien Plätze für Frauen ebenso knapp wie begehrt waren. Vielleicht hatte sich bei ihnen herumgespro- chen, dass sich bei der Veranstaltung im vergangenen Jahr zwei Paare gefunden haben, von denen eines kürzlich sogar geheiratet hat.

Bei den männlichen Teilnehmern hingegen verhielt es sich ganz anders: Mit Mühe und Not fanden sich knapp zehn jüdische Männer. Die Paare hatten jeweils vier Minuten Zeit, um sich kennenzulernen, bevor jeder einen Platz weiter rückte.

Zwar nicht extra wegen des Speed Dating, aber doch mit einer gewissen Vorfreude und Erwartung darauf, war Anna Lorenz aus Augsburg angereist. Die 29-jährige Softwareberaterin ist seit anderthalb Jahren Single und fühlt sich nun reif für eine neue, ernsthafte Beziehung. Von der Idee des Speed Dating ist sie begeistert.

vortrag Durch und durch außenpolitisch sowie am Puls der Zeit war Shimon Steins Vortrag »Der Arabische Frühling und seine Bedeutung für Israel«. Eineinhalb Jahre nach dem Umsturz seien Ägyptens Islamisten mächtiger denn je und drängten bei der Präsidentschaftswahl auf Mubaraks Thron, konstatierte der frühere israelische Botschafter in Deutschland.

»Die jungen Menschen, die auf dem Tahrir-Platz für Freiheit demonstrierten, waren mir sehr sympathisch. Aber keine ihrer Forderungen ist bisher Realität geworden«, sagte Stein. Insbesondere für Israel habe der »Arabische Frühling« bisher ausschließlich Nachteile mit sich gebracht. »So bitter es auch ist: Im Vergleich mit den Muslimbrüdern war für uns Mubarak das kleinere Übel. Bei ihm konnten wir uns wenigstens gewiss sein, dass er für einen kalten Frieden mit uns steht.«

Wie also solle Israel auf den »Arabischen Frühling« reagieren, fragte Stein rhetorisch – und gab die Antwort gleich selbst: »So wie es Israels Außenpolitik in den vergangenen Jahrzehnten immer getan hat: Es muss das Beste aus seiner schwierigen außenpolitischen Situation machen.«

Party Gelegenheit zum Feiern gab es am Samstagabend bei der großen Limmud-Party im Grünen Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Liefen vor Beginn der Party noch kleine Kinder den Reflexionen der Discokugel nach, warfen ein paar Stunden später die etwas älteren Gäste die Arme in die Luft und tanzten.

DJ Sivan Neumann – eine kleine Größe in der jüdischen Party-Szene Berlins – legt, natürlich, israelischen Pop und Hip-Hop auf, gemischt mit anderen Dancefloor-Klassikern. So wechselte sich ein israelischer Musik-Remix von »Pata Pata« mit »Rhythm is A Dancer« vom 90er-Jahre-Duo Snap! ab. Nach den Diskussionen des Tages über die Herausforderungen für Juden in Europa oder die Amida war es viel zu laut, um komplexere Gespräche zu führen – vielleicht auch zu spät. Zum Feiern allerdings war es genau die richtige Nacht: Noch um zwei Uhr stießen Gäste zur Party.

Ob Schiur oder Bastelkurs: Den Limmudniks hat es in Berlin gefallen. »Die Stadtrundgänge, die Party und das ganze urbane Drumherum – all das war viel besser«, sagte etwa Daniel Feinstein aus Köln. Nur ganz vereinzelt wurde bemängelt, dass Limmud dieses Mal nicht in der Schorfheide stattfand.

Zumindest für die Fans vom zuletzt genannten Veranstaltungsort gibt es eine gute Nachricht: Limmud wird seine Zelte im Sommer 2013 wieder am Werbellinsee aufschlagen.

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026

Worms

Ein Turm in der Erde

Seit ein paar Wochen können Besucher wieder die Mikwe besichtigen. Ein Ort mit einer langen Geschichte. Doch der Klimawandel hinterlässt seine Spuren

von Mascha Malburg  28.07.2026