8./9. Mai

Unendlich dankbar

Immer am ersten Sonntag nach dem 9. Mai ist der Hubert-Burda-Saal im Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern für die Veteranen aus der ehemaligen Sowjetunion reserviert, die in München und der IKG eine neue Heimat fanden. In diesem Jahr, in dem sich das Ende des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus zum 75. Mal jährte, fiel die bereits zur Tradition gewordene Feier coronabedingt aus.

Für einen der Veteranen sind die derzeitigen Beschränkungen, die noch eine Weile andauern dürften und keine größeren Events zulassen, besonders schade: Alexander Nogaller. Seinem Namen ließen sich noch ein Professoren- und zwei Doktortitel hinzufügen. In der kommenden Woche, am 22. Mai, wird der schmale Mann mit den feingliedrigen Händen und der dunklen Sonnenbrille, die er aufgrund eines Augenleidens trägt, 100 Jahre alt.

SOWJETUNION Als Alexander Nogaller am 22. Mai 1920 zur Welt kam, bildete sich gerade das Riesenreich der Sowjetunion, mit Wladimir Iljitsch Lenin als Regierungschef an der Spitze. Ihm folgten Josef Stalin, Chaos, Terror und im Sommer 1941 der Krieg gegen Hitler und die Nazis. Alexander Nogaller befand sich zu diesem Zeitpunkt am Ende seiner Ausbildung zum Arzt – und ein paar Monate später, nach dem Erhalt des Diploms, im Kriegseinsatz.

Über die Anzahl der Menschenleben, die der Zweite Weltkrieg zwischen 1939 und 1945 gefordert hat, gibt es nur Schätzungen. Irgendwo in der Größenordnung von 60 Millionen ist die Zahl angesiedelt. Keine Zweifel hat die Geschichtsschreibung, dass die Sowjetunion unter allen Ländern den höchsten Blutzoll zu leisten hatte. Etwa 25 Millionen Tote waren es.

Opfer des Krieges, von Kugeln oder Geschossen zerfetzt, schwer verletzt, oftmals mit dem Tod ringend, hat Alexander Nogaller als Leiter der chirurgischen Abteilung eines mobilen, direkt an vorderster Front angesiedelten Lazaretts häufiger und näher als die allermeisten erlebt – tagtäglich. Den 8./9. Mai 1945, den Tag der bedingungslosen Kapitulation, erlebte der Armeearzt in Berlin.

SIEG Einen Kriegsveteranen wie ihn oder seinen Münchner »Kollegen« David Dushman, der mit einem Panzer die Umzäunung des Konzentrationslagers Auschwitz niederwalzte, danach zu fragen, ob der Sieg über Nazi-Deutschland ein Akt der Befreiung war, kommt fast einer Beleidigung gleich. Charlotte Knob­loch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, macht in dieser Hinsicht aus ihrer Haltung kein Geheimnis.

In einem Brief, den sie wegen des ausgefallenen Traditions­treffens an die Veteranen schrieb, heißt es: »Was uns nichts und niemand verwehren kann, ist unsere unendliche Dankbarkeit für die Befreiung von einem Menschheitsverbrechen, die Befreiung von Todesangst, Terror und Gewalt, die Befreiung von Zerstörung und Mord, die das NS-Regime mit Krieg und Holocaust über die Welt gebracht hat.«

Die immer wieder und gerade auch anlässlich des 75. Jahrestags des Endes der NS-Diktatur aufflammenden Diskussionen über den Begriff »Befreiung« bezeichnete IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch als »unerträglich«. Explizit ging sie dabei auf Äußerungen von Alexander Gauland ein. Der Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag hatte sich dahingehend geäußert, dass er im 8. Mai vor allem eine »absolute Niederlage« erkenne.

Für die meisten Menschen in Deutschland stehe fest, dass der 8. Mai als Tag der Niederlage des NS-Regimes ein Grund für Freude und Dankbarkeit sei, sagt Charlotte Knoblochl

Es sei keine Überraschung für sie, dass Gauland als Vertreter einer extremistischen Partei eine solche Sichtweise habe und vom »Verlust von Gestaltungsmöglichkeit« spreche, bewertete Knobloch seine Äußerungen. Für die meisten Menschen in Deutschland stehe fest, dass der 8. Mai als Tag der Niederlage des NS-Regimes ein Grund für Freude und Dankbarkeit sei: »Es war der Tag, der Freiheit und Demokratie in Deutschland wieder möglich machte.«

Dessen ungeachtet geht die Präsidentin der IKG, die das NS-Regime als Kind er- und überlebt hat, mit der Definition des Begriffs »Befreiung« sehr differenziert um. »Viele Deutsche«, erklärte sie zum 75. Jahrestag, »wurden nur unfreiwillig befreit. Sie hatten die NS-Herrschaft getragen oder zumindest toleriert, die Millionen Menschen in Europa den Tod brachte, darunter sechs Millionen Juden, die im Holocaust ermordet wurden.«

DEMOKRATIE Die IKG-Präsidentin erinnerte bei der Debatte auch daran, dass die demokratische Bundesrepublik ohne das Gedenken und ohne das damit verbundene »Nie wieder« nicht denkbar sei. Politische Gruppen, die sich gegen diesen Grundsatz wendeten und die Verbrechen der NS-Zeit verharmlosten, seien mit dem Wesen der Nachkriegsdemokratie unvereinbar. »Wer im 8. Mai vor allem die Niederlage erkennt«, so Charlotte Knobloch, »für den ist die Freiheit insgesamt eine Niederlage.«

Für Alexander Nogaller, seine Frau und seine Kinder, die vor 25 Jahren als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen und denen Freiheit besonders viel bedeutete, war der neue Lebensabschnitt fernab der früheren Heimat ein schwer einschätzbares Abenteuer, aber eines, das sich gelohnt hat.

»Wir würden es sofort wieder tun«, beteuert Sohn Vladimir, der Ingenieur ist und bei einem Münchner Unternehmen als Systemadministrator arbeitet. Vor allem aber soll die Feier zum 100. Geburtstag seines Vaters so schnell wie möglich nachgeholt werden. Die Voraussetzungen dafür sind gut. »Ich glaube«, schmunzelt Vladimir, »dass es nur sehr wenige 100-Jährige gibt, die körperlich und geistig so fit sind wie mein Vater.«

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