Berlin

Unbequeme Erinnerung

Blick auf das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors Foto: Wolfgang Chodan / Stiftung Topographie des Terrors

Vor den freigelegten Kellerresten des Gestapo-Hauptquartiers an der heutigen Niederkirchnerstraße stehen Dutzende von Besuchern, Jugendgruppen drängeln sich in den Räumen des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors dahinter. Über eine Million Besucher im Jahr zählt allein dieser Ort. Von dem langen Weg, die Erinnerung an die NS-Terrorzentrale und andere Täterorte der Zeit im Gedächtnis der Stadt zu verankern, erzählt seit Freitag die Sonderausstellung Ausgeblendet. Der Umgang mit NS-Täterorten in West-Berlin.

Es ist die zweite Station der als Wanderausstellung konzipierten Schau, erarbeitet vom Verein Aktives Museum – Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. sowie der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz aus Anlass des 25-jährigen Bestehen dieser Einrichtung. Historische Fotos, Zeitungsartikel, Plakate und zeitgenössische Exponate, reproduziert auf Tafeln und gegliedert in sieben Kapitel, dokumentieren den schwierigen Prozess bis zu einer Erinnerungskultur, die der Opfer gedenkt, aber auch die Orte der Täter nicht länger ausblendet.

schuld Nach 1945 will sich die Mehrheit der Deutschen nicht mit den NS-Verbrechen und Fragen der Schuld auseinandersetzen. In Berlin, das aufgrund seines Viermächte-Status eine Sonderrolle einnahm, ist auch das Gedenken geteilt.

In West-Berlin werden zahlreiche Gebäude bewusst abgerissen und damit aus dem Gedächtnis getilgt. An die Opfer erinnert zunächst nur eine Gedenktafel am Bahnhof Grunewald, von dem aus die Deportationszüge in die Konzentrationslager fuhren. »Die Vernichtungsorte selbst waren nicht präsent«, konstatiert Kurator Gert Kühling, Historiker am Haus der Wannsee-Konferenz.

In Ost-Berlin tritt das Gedenken an die jüdischen Opfer hinter die Erinnerung an politisch Verfolgte des kommunistischen Widerstands zurück. »Dem hat sich die DDR als antifaschistischer Staat auch verpflichtet gefühlt«, sagt die Historikerin Annette Leo, die zur Erinnerungskultur in Ost-Berlin geforscht hat: »Deswegen konnten lokale Initiativen sehr früh Orte mit Tafeln kennzeichnen, an denen Opfer gefoltert oder ermordet wurden.«

vergessen Die Präsentation geht auch auf erste Ausstellungen sowohl in Ost- wie in West-Berlin ein, die sich gegen das Vergessen wenden und auf personelle Kontinuitäten aus der NS-Zeit hinwiesen, so die 1957 als Propagandainstrument gestartete Kampagne der DDR gegen ehemalige NS-Richter im Westen unter dem Titel »Wir klagen an«.

Die Ausstellung Die Vergangenheit mahnt in der West-Berliner Kongresshalle um den Historiker Gerhard Schoenberner, in der er die Judenverfolgung thematisiert, wird zum Politikum. Tafeln, die auf personelle Kontinuitäten in der Bundesrepublik hinweisen, müssen auf Druck des Senats geschwärzt werden.

Auch der Auschwitz-Überlebende Joseph Wulf gehört zu den wenigen, die sich intensiv für das Sichtbarmachen von Täterorten engagierten. Er startet in den 1960er-Jahren eine Initiative, die nach 1945 als Schullandheim genutzte Villa, wo auf der »Wannsee-Konferenz« 1942 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen wurde, in eine Gedenkstätte umzuwandeln. Es wird ein langer Prozess, weil sich angeblich kein Ersatzdomizil für die Kindererholung finden ließ. Erst 1992 wird die Gedenkstätte unter dem Gründungsdirektor Schoenberner eröffnet.

politik Warum es so lange dauert, die Erinnerung an die NS-Gewalt im Stadtbild sichtbar zu machen? In der Politik herrscht offenbar parteiübergreifend die Auffassung, die Orte der Täter »müssten vom Erdboden verschwinden«, wie in den 1980er-Jahren der einstige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) zugibt. Erst infolge der Studentenbewegung ändert sich das gesellschaftliche Klima.

Ein Beispiel dafür ist das »Gestapo-Gelände« an der ehemaligen Prinz-Albrecht-Straße hart an der Berliner Mauer. Der 1983 gegründete Verein »Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin« konnte im Rahmen der 750-Jahr-Feier Berlins 1987 eine erste provisorische Ausstellung am Ort zeigen, die später sogar nach Ost-Berlin wanderte. Bis zur Eröffnung des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors mit einer Dauerausstellung vergingen jedoch weitere 20 Jahre.

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