Lerntool

Timothée Chalamet, Batmizwa und eine Davidstern-Kette

Authentisch: Lerntool »sich be-kennen« Foto: Screenshot

Im Jiddischen heißt einander kennenlernen auch: sich »be-kennen«. Diese wunderbare Doppeldeutigkeit dient jetzt als Namensgeber eines neu entwickelten und bislang wohl einzigartigen Onlinekurses. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat in Kooperation mit der amerikanischen Anti-Defamation League (ADL) das digitale Lerntool »sich be-kennen« veröffentlicht.

Der interaktive Kurs wurde unter der Ägide des Begegnungsprogramms »Meet a Jew« des Zentralrats entwickelt und aus Mitteln des Aktionsfonds gegen Antisemitismus der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.

Jüdinnen und Juden erzählen ihre Geschichten

»›Sich be‑kennen‹ ist der Onlinekurs über jüdisches Leben in Deutschland, in dem Jüdinnen und Juden ihre Geschichten selbst erzählen. In Texten und Hörbeiträgen beantworten sie Fragen, die selten gestellt werden, und geben authentische Einblicke in ihr Leben«, heißt es in der Einleitung der Website www.lernen.meet­ajew.de. Der neue Kurs kann seit Dezember abgerufen werden und richtet sich vor allem an Schulklassen, aber auch an andere interessierte Gruppen.

Herzstück der Didaktik sind die sehr unterschiedlichen jüdischen Stimmen.

Er umfasst vier Module: »Jüdisches Leben in Deutschland heute«, »Jüdische Religion«, »Jüdische Geschichte in Deutschland« sowie »Antisemitismus«. Jedes Modul beinhaltet drei Themen wie etwa Barmizwa, Schabbat oder Kaschrut im Modul Religion. Jedes Thema wiederum wird anhand von drei Beiträgen näher erläutert.

Diese Beiträge sind kurze, redaktionell bearbeitete Texte, die mit authentischen jüdischen Stimmen unterlegt sind – jeweils aus drei unterschiedlichen jüdischen Perspektiven. »Für mich ist der Kern, dass die jüdischen Menschen selbst zu Wort kommen mit ihren eigenen Perspektiven«, sagt Wiebke Rasumny, Referentin für Dialog und Engagement beim Zentralrat.

Austausch auf Augenhöhe

Ein Beispiel: Im Modul »Jüdisches Leben in Deutschland heute« erscheint Karolina aus Berlin im Bild und mit ihrer Audio-Stimme: »Für mich bedeutet Jüdischsein, in meinem Alltag nach den jüdischen Werten zu leben. Jede Entscheidung, welche ich bewusst oder unbewusst treffe, steht in Verbindung zum Judentum. Diese Werte sind mein moralischer Kompass.« Sophia aus Worms dagegen sagt: »Mein Judentum besteht darin zu wissen, dass Timothée Chalamet und Doja Cat jüdische Mütter haben und dass der Schöpfer der Marvel-Comics, Stan Lee, eigentlich Stanley Lieber heißt.«

Das ist das Herz dieser neuen Form der Didaktik: die in gewisser Weise persönliche Begegnung mit Menschen, die ihre sehr unterschiedlichen Standpunkte, Erlebnisse und Erkenntnisse teilen, ähnlich wie es das erfolgreiche Zentralratsprojekt »Meet a Jew« seit 2020 im direkten Austausch an Schulen, Universitäten oder in Sportvereinen durchführt.

Unter dem Motto »Miteinander statt übereinander reden« besuchen jüdische Ehrenamtliche des Projekts Lerngruppen und erzählen dort offen von ihrem Leben. Im Mittelpunkt steht der persönliche Austausch auf Augenhöhe, der jüdische Realität in ihrer Vielfalt sichtbar macht. Nicht umsonst wurde das digitale Projekt in diesem Umfeld entwickelt.

Stimmen unterschiedlichen Alters, verschiedener Migrationshintergründe und Identitäten

»Es ist ja ein Lerntool, das sich an Gruppen im Bildungssystem richtet. Wir wollen gerade diese Vielfalt zum Hauptthema machen. Dass der Schabbat zum Beispiel auf unterschiedliche Weise gehalten werden kann. Deshalb die vielen Stimmen unterschiedlichen Alters und verschiedener Migrationshintergründe und Identitäten«, sagt Wiebke Rasumny. So können Lehrerinnen und Lehrer für alle Altersgruppen und Leistungsniveaus Kurse individuell zusammenstellen.

Aus jedem Modul muss dabei mindestens ein Thema ausgewählt werden. So entstehe ein flexibles, pädagogisch fundiertes Lernangebot. Eine Version wurde auch in Leichter Sprache entwickelt, um maximale Zugänglichkeit zu erreichen.

Auch bedrohliche Szenarien werden nicht ausgespart, etwa im Modul Antisemitismus.

Ein weiterer Ansatz ist dabei der Fokus auf spielerische interaktive Elemente, wenn es etwa heißt: »Jetzt bist du dran! Du hast gerade einiges über das Judentum erfahren. Welche Religionen kennst du noch?« Nach dem erfolgreichen Absolvieren der Kurse erhält jeder Teilnehmer ein Zertifikat.

Das ist mehr als anschaulich, das geht unter die Haut, denn auch bedrohliche Szenarien werden nicht ausgespart, sondern authentisch vermittelt. So erzählt Karina aus Berlin im Modul »Antisemitismus«, wie sie zum ersten Mal in einem Café von drei Mädchen beleidigt wurde: »Sie sahen meine Davidstern-Kette und sagten zu mir: ›Fette Juden mag man nirgendwo.‹«

Und Susanna aus Saarbrücken erklärt: »Nach dem 7. Oktober 2023 hat mich eine Angst ergriffen, die ich in der Form bisher nicht hatte. Ich lebe mit meiner Familie zusammen. Unser Zuhause erschien mir plötzlich gar nicht mehr so sicher.«

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