Feiertage

Sukka als Gesamtkunstwerk

Mal etwas anderes: Die Wände der Frankfurter Schul-Sukka bestehen aus geflochtenen Plastiktüten und Stoffen. Foto: Katharina Schwarz

Ratsch, die Fetzen fliegen. Mit Vorsatz und Plan wird der Stoff der Länge nach in schmale Bahnen gerissen. In Regenbogenfarben angeordnet, werden die Streifen dann in einem hölzernen Rahmen zu einer Wand gewoben. Eine Wand der Sukka ist fertig. Die Bauherren der selbst gebauten Variante der großen Sukka, die alljährlich vom Hausmeister auf dem Dach der Lichtigfeld-Schule in Frankfurt errichtet wird, sind traditionell die Siebtklässler.

»Es war so cool, die Stoffe zu zerreißen«, sagt Isabelle am Ende des Projekttages. Und Sophia konstatiert zufrieden, dass »wir alles im Team gemacht haben und es bei so etwas meist keinen Streit gibt«. Max mag es besonders, »in einer selbst gebauten Sukka zu sitzen«. Wie man diese überhaupt baut, haben die Schüler morgens erfragt und erlesen und damit »neben der schriftlichen Tora auch die mündliche kennengelernt«, sagt Religionslehrerin Nurith Schönfeld. Denn nur dort werde beispielsweise beantwortet, wie groß eine Sukka sein muss, wie hoch sie maximal sein darf und welches Material für den Bau zugelassen ist.

Theorie Nach der theoretischen Einführung geht es sofort an den Bau. »Die Zeit ist so knapp«, sagt Joelle, »seit Beginn des neuen Schuljahres hatten wir ja erst fünf Schultage.« Die Stoffreste haben die Schüler selbst organisiert, auch die Plastiktüten, aus denen die Fassade der zweiten Wand entstanden ist. Für die dritte Wand war Kunstlehrerin Angela Pfotenhauer mit der Heckenschere in Nachbars Garten unterwegs und hat Efeu geschnitten, »damit die Sukka auch eine echte Laubhütte ist«.

Für den Aufbau »ihrer« Laubhütte sind die Schüler mittlerweile aber zu bewegungshungrig: »Wir hätten jetzt Sport«, moniert Isabelle, und auch ihre Mitschülerin Madeleine kann nach Stunden des Zuhörens und Bastelns kaum noch still sitzen. Die Lehrer haben ein Einsehen und schicken die Schüler zum Auspowern in die Turnhalle. Und machen sich selbst im strömenden Regen auf, um die Wände der Laubhütte zusammenzuschrauben. Das Dach entsteht aus Bambusstäben, wird allerdings nicht ganz bedeckt: »Die Sukka darf erst nach Jom Kippur fertig gebaut werden«, erklärt Religionslehrerin Nurith Schönfeld die noch freie Dachfläche des etwa zwei mal zwei Meter großen Baus.

Sie erachtet den Bau nicht nur im Hinblick auf Sukkot für sinnvoll: »Es soll die Schüler im Rahmen der Flüchtlingsdebatte daran erinnern, dass wir auch einmal Flüchtlinge waren und kein festes Dach über dem Kopf hatten. So spannen wir einen Bogen vom Auszug aus Ägypten über Sukkot bis hin zum Mitzwah Day.«

Ausgestaltung Zunächst einmal aber geht es noch um die Ausgestaltung der Sukka. Bei Grundschullehrerin Sigal Markhoff haben die Schüler Girlanden in Form von Granatäpfeln und Äpfeln gebastelt, die sieben »Uschpisin«, die biblischen Vorfahren, die als unsichtbare spirituelle Gäste in die Sukka eingeladen werden, haben bei Grundschullehrer Thomas Heidenreich Gestalt angenommen. Der papierne Abraham ist als Stammvater besonders groß geworden, David wurde sogar mit einer Steinschleuder ausgestattet – die Viertklässler, die ihn gemalt haben, kommentieren die Entstehung pragmatisch: »Unserer ist der Hässlichste, dafür hat er die schönsten Hände.«

Mark Krasnov, der in der Mittelstufe Religion und Spanisch unterrichtet, zieht eine positive Bilanz des Sukkabaus und deren Ausgestaltung: »Wie das jüdische Volk einst vor einer großen Herausforderung stand, so hatten unsere Schüler heute auch eine Herkulesarbeit zu bewältigen. Aber sie waren kreativ und mit Enthusiasmus dabei – und so kann sich das Ergebnis auch sehen lassen.«

überblick Derweil bereiten sich auch andere Gemeinden auf das Laubhüttenfest vor. Die einen freuen sich über festen Boden unter den Füßen, die anderen haben aus luftiger Höhe den besten Überblick über die Stadt: Die Sukka jeder Gemeinde hat ihre Besonderheiten. Für Ruth Röcher, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, wird in diesem Jahr ein Traum wahr, denn zum ersten Mal seit 20 Jahren hat die Laubhütte, die traditionell auf einem Wiesengrundstück der Gemeinde errichtet wird, einen festen Steinboden. Und das heißt: Selbst bei Regen bleiben die Füße trocken, was die Gemütlichkeit des Aufenthalts in der Laubhütte deutlich erhöht.

Für ein angenehmes Ambiente sorgen außerdem Bastelarbeiten, die die Kinder der Gemeinde am letzten Septembersonntag, noch rechtzeitig vor Beginn des Laubhüttenfestes, anfertigen werden. Ebenfalls »just in time« erwartet die Gemeinde Chemnitz die Lieferung des Grüns für das Dach der Hütte. Seit Jahren schon spendet das Forstamt der Stadt das Laub und wird es pünktlich nach Jom Kippur und vor Schabbat bringen, damit die Männer der Jüdischen Gemeinde das Dach der Laubhütte errichten können. Wie es in Chemnitz Tradition ist, sind auch in diesem Jahr wieder nichtjüdische Gäste in der Gemeinde-Sukka willkommen.

Kiddusch Wer die Dresdner Laubhütte besuchen will, muss hoch hinaus. Die jüdische Gemeinde der sächsischen Landeshauptstadt hat die Dachterrasse des Gemeindezentrums zum Bauplatz erkoren. Das Laub erhalten die Dresdner vom Grünflächenamt der Stadt. Etwas Neues gibt es auch hier: An zwei Tagen findet ein »Potluck-Kiddusch« statt: Jeder bringt nach amerikanischer Tradition etwas zu essen für ein abwechslungsreiches Buffet mit. »So erfährt man mehr über die geheimen Kochqualitäten der anderen, und gleichzeitig wird die Gemeindeküche entlastet«, erklärt Rabbiner Alexander Nachama.

An der Konstruktion der Leipziger Laubhütte dürfte nicht zu rütteln sein, schließlich wurde sie von lauter Ingenieuren aus der Israelitischen Religionsgemeinde entworfen. »Wir haben eine sehr schöne große Sukka, in der 40 bis 50 Leute gemeinsam essen können«, sagt Rabbiner Zsolt Balla nicht ohne Stolz.

Feststrauss Den traditionellen Feststrauß haben die Leipziger wie jedes Jahr bei der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) bestellt. Für die Dekoration sind auch in Leipzig die Kinder zuständig. Im Ariowitsch-Haus treffen sie sich, um für die Gemeindehütte Kunstwerke anzufertigen.

In Gelsenkirchen und Dessau sind die Laubhütten von außen gut sichtbar. Zwar steht die Hütte in Gelsenkirchen im Hof der Gemeinde, aber da es zur Straße hin eine Glaswand gibt, können Passanten sich das Bauwerk jederzeit ansehen. Die Jüdische Gemeinde Dessau errichtet die Sukka auf einem offenen Grundstück vor der Gemeinde.

Vorsorglich haben die Dessauer eine Bewachung ihrer Laubhütte organisiert, doch Negatives ist dem Vorsitzenden der Gemeinde, Alexander Wassermann, im Vorfeld der Feiertage nicht zu Ohren gekommen. Im Gegenteil: In der Stadt gebe es viele Anfragen von Nichtjuden, ob man die Hütte einmal besuchen dürfe. Besonders die Vertreter der Kirchen seien interessiert. »Natürlich können Gäste kommen und schauen«, betont Wassermann. Die Stadt fragt bei der Jüdischen Gemeinde sogar von sich aus nach, ob sie Zweige für das Laubdach liefern soll.

Zweige In Gelsenkirchen ist Judith Neuwald-Tasbach, die Vorsitzende der Gemeinde, ebenfalls dankbar für die Unterstützung durch das Grünflächenamt, das Zweige und Baumschnittreste bei der Jüdischen Gemeinde abliefert. »Das hilft uns sehr, denn die Zweige sind schlecht zu transportieren. Außerdem haben wir weder das Werkzeug noch einen Ort, um die Äste selbst zu schneiden.« Für die Befestigung des Grüns an den Wänden und Dächern sind die Hausmeister der Gemeinde zuständig. Die Kinder basteln Girlanden, malen Bilder und dekorieren die Laubhütte mit Obst. »Die Sukka entsteht durch viele Hände«, fasst Judith Neuwald-Tasbach zusammen.

In Dessau wird zwar ebenfalls gebastelt, aber hier sind die Senioren im Einsatz. »Wir haben leider nicht so viele Kinder in unserer Gemeinde«, bedauert der Vorsitzende. Dafür sind in Dessau die Gemeindemitglieder noch mit 80 oder 90 Jahren kreativ.

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