Forschung

Storys per QR-Code

Das Projekt-Team der TU Berlin mit Studiengangsleiter Marcus Funck (r.) und der Studentischen Hilfskraft Liv Ergang (l.) Foto: TU Berlin

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Storys per QR-Code

Studierende der TU recherchieren zu Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf

von Helmut Kuhn  31.08.2025 18:05 Uhr

Rund 300 Gedenktafeln und mehr als 2600 Stolpersteine erinnern im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf an die jüdische Geschichte der 2001 zusammengelegten Stadtteile. In beiden Bezirken lebten 1933 noch jeweils 27.000 jüdische Einwohner, was in Charlottenburg acht und in Wilmersdorf rund 14 Prozent der Bevölkerung entsprach.

Charlottenburg hieß im Volksmund damals auch »Charlottengrad«, weil sich nach der Oktoberrevolution 1917 viele russische Intellektuelle dort angesiedelt hatten – darunter auch die jüdischen Schriftsteller Boris Pasternak, Viktor Schklowski, Mark Aldanow oder Ilja Ehrenburg.

Längst ist der Bezirk wieder ein Zentrum jüdischen Lebens – mit dem großen Gemeindehaus in der Fasanenstraße, mehreren Synagogen, zahlreichen Geschäften, Restaurants oder Cafés. Und dennoch finden sich immer neue Spuren jüdischen Lebens in diesem Viertel. Wer weiß heute noch, dass auf dem Gebiet des heutigen Walter-Benjamin-Platzes mit seinen Leibniz-Kolonnaden bis zur Wielandstraße kurz vor den Olympischen Spielen 1936 ein internationales Tennisturnier stattfand – veranstaltet vom jüdischen Sportverband Makkabi?

»Sichtbarmachung jüdischen Lebens«

Das Sportereignis ist jetzt Gegenstand einer Forschungsarbeit der Technischen Universität Berlin (TU). Studierende des Masterstudienganges Interdisziplinäre Antisemitismusforschung der TU haben sich unter der wissenschaftlichen Leitung von Marcus Funck und der Mitarbeit von Yael Kupferberg einem Projekt verschrieben, das sich die »Sichtbarmachung jüdischen Lebens in Charlottenburg-Wilmersdorf in Geschichte und Gegenwart« zur Aufgabe gemacht hat.

Die Initiative geht zurück auf Oliver Schruoffeneger, Bezirksstadtrat für Ordnung, Umwelt, Straßen und Grünflächen (Grüne). »Er ist auf uns zugekommen und fragte, ob wir Interesse und Kapazitäten hätten, ein solches Projekt inhaltlich zu entwickeln und zu verantworten«, sagt Studiengangsleiter Marcus Funck.

»Als Zentrum für Antisemitismusforschung arbeiten wir insbesondere historisch, und es lag nahe, gewissermaßen diese Expertise anzuzapfen. Aber wir wollen es nicht als ein Projekt von Wissenschaftlern für eine Handvoll Leute anlegen, sondern von Studierenden gestalten lassen, die auch in der Lage sind, andere Altersgruppen anzusprechen, andere Themen und Schwerpunkte zu setzen. Wir wollen Neues erforschen, was vor allem jüdisches Leben nach 1945 betrifft.«

Wer weiß heute noch, dass Makkabi 1936 hier ein internationales Tennisturnier austrug?

Es gehe darum, wie jüdisches Leben im Alltag, in den Bereichen Freizeit und Wirtschaften wieder neu entstanden sei und sich später weiterentwickelte. Ein Konzept, das den Bezirk überzeugte. »Ich finde es spannend, dass man uns eine so große Entscheidungsfreiheit gelassen hat und sich alle Studierenden selbst einen Ort aussuchen dürfen, den sie interessant finden«, sagt die Studentische Hilfskraft Liv Ergang. So hätten die Studierenden »richtig Lust darauf und machen auch mehr, als sie müssten, ohne Geld oder ECTS-Punkte dafür zu bekommen«.

Jeder sucht sich einen Ort und die Geschichte einer Person oder einer Gruppe aus

Das heißt, jeder sucht sich einen Ort und die Geschichte einer Person oder einer Gruppe aus, die an einem bestimmten Ort gelebt und gewirkt haben. So hat sich eine Studentin für die Rekonstruktion des Makkabi-Tennisturniers auf dem heutigen Walter-Benjamin-Platz entschieden – einhergehend mit der Auswertung autobiografischer Dokumente junger Tennisspieler.

Ein weiteres Projekt widmet sich der Geschichte sozialer Arbeit innerhalb der jüdischen Gemeinde. Im Fokus der Arbeit steht Hanna Schulze, die frühere Leiterin der Sozialabteilung und der Jugendabteilung der Gemeinde. Ein erstes Interview dazu wurde bereits mit ihrer Tochter, der Schauspielerin Daphne Rosenthal, geführt.

Anhand jeweils eines Ortes breiten die Arbeiten interessante Storys aus, die dahinterstecken – wie die Geschichte der jüdischen Frontsoldaten am Beispiel der Niederlassung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten am Kurfürstendamm. Oder es wird ein Lebensweg nacherzählt, wie jener der Fotografin Martha Görtel, die in der Passauer Straße einen Kunstsalon betrieb.

So wird Geschichte lebendig. Protagonisten bekommen Gesichter.

So geht Storytelling, wird Geschichte lebendig. Protagonisten bekommen, soweit möglich, über Videos und Podcasts Gesichter und Stimmen. »Das ist uns ganz wichtig«, so Marcus Funck.

»Es ist eben nicht nur Archivarbeit. Wir gehen hinaus, sprechen mit Leuten, die heute im Bezirk leben, und das sind ja nicht wenige. Wir legen den Schwerpunkt nicht nur auf Antisemitismus, sondern auf jüdisches Leben«, sagt Liv Ergang. Das Projekt sei auf mehrere Jahre angelegt. Studiengangsleiter Marcus Funck rechnet bis dahin mit rund 30 Forschungsarbeiten.

Am Ende sollen die Ergebnisse für die Öffentlichkeit »niedrigschwellig« zugänglich gemacht werden

Am Ende sollen die Ergebnisse für die Öffentlichkeit »niedrigschwellig« zugänglich gemacht werden: auf der bereits existenten und vor allem bei Schülern beliebten Website »histomapberlin.de« sowie über eine entsprechende App und an den jeweiligen historischen Orten platzierte QR-Codes. »Das könnte auch zu Stadtspaziergängen animieren«, hofft Funck.

Zudem sollen im Rahmen des Projektes Lesungen, Konzerte oder Performance-Kunst stattfinden. »Veranstaltungen zu Geschichte und Gegenwart, bei denen wir gezielt die Umgebung mit in den Blick nehmen«, so Funck. Das Projekt ziele darauf, jüdisches Leben in Charlottenburg-Wilmersdorf »als festen Bestandteil der Stadtkultur« weiter zu verankern und »stereotype Vorstellungen von Judentum in der Gegenwart aufzubrechen«.

Die Jüdische Gemeinde ist dabei in einem beratenden Gremium vertreten. Im Herbst sollen das Projekt und die ersten Ergebnisse der Öffentlichkeit im Kubus auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes vorgestellt werden. »Auch mit Zeitzeugen – sofern sie zeitlich verfügbar sind«, sagt Funck.

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