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Interview

»Solidarität erfahre ich nur von Juden«

»Die Drusen haben leider keine internationale Community«: Samuel Schidem (51) Foto: Chris Hartung

Samuel Schidem ist Pädagoge, promovierter Philosoph und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin im Bereich interkulturelle Bildung. Er hat Programme für jüdisch-muslimische Beziehungen und Friedenserziehung entwickelt, seine Schwerpunkte sind Minderheitenrechte und die Schoa-Erziehung. Geboren in Israel als Angehöriger der drusischen Minderheit, engagiert er sich auch für seine Gemeinschaft in Syrien – die nun von einem Massaker erschüttert wurde.

Herr Schidem, der Krieg in Syrien bringt großes Leid über die drusische Gemeinschaft. Sie haben dort Verwandte. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Situation um?
Es trifft mich tief. Angehörige meiner Großmutter wurden von Truppen der neuen sogenannten Regierung in Syrien ermordet. Sie sind in ihr Dorf einmarschiert und haben willkürlich Menschen erschossen. Diejenigen, die sich versteckt haben, wurden zu Hause erschossen, wie ich von weiteren Mitgliedern meiner Familie erfahren habe. Dann wurde ihr Haus in Brand gesteckt. Ich bekomme viele Videos – und die Massaker sind nicht vorbei, sie gehen weiter. Das alles ist grausam. Ich bin aber noch nicht in dem Zustand, in dem ich es an mich heranlassen könnte. Ich habe keine Zeit zu trauern, möchte mich lieber engagieren, helfen und bei den Opfern sein. Ich frage mich, an welche Türen ich klopfen soll, wen ich um Unterstützung bitten kann.

Was sagt die muslimische Community in Berlin, was sagen die Christen?
Bis jetzt noch nichts. Nur die Juden solidarisieren sich mit uns.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hat sich eindeutig zu den Demonstrationen in Deutschland geäußert, auf denen das Massaker in Suweida bejubelt wurde …
Ja, das ist großartig. Aber es zeigt auch ein bisschen die Hilflosigkeit und das Unwissen der Behörden hier in Deutschland. Das ist kein Vorwurf. Ich glaube, die Bundesregierung und der Berliner Senat hätten eine bessere Beratung verdient. Die Augen vor diesem Konflikt zu verschließen, hilft keinem. Sich dann auf die Integrationsdebatten zu beschränken, ist sicherlich gut für das Land. Aber das löst nicht das Problem. Auch die Kommentare in den sozialen Medien von ehemaligen geflüchteten Syrern, die zu Hass und Gewalt aufrufen, verheißen nichts Gutes. Das sind Islamisten, die die mediale Freiheit hier in Deutschland ausnutzen. Sie sind Online-Dschihadisten und gefährliche sogenannte Schläfer. Das Bejubeln von Massakern wird von unserer Demokratie geschützt, es fällt unter Meinungsfreiheit. Wir können aber nicht tolerieren, dass Menschen unsere Werte dermaßen mit Füßen treten.

Müssen die Demonstrationen und Hasskommentare als Warnsignale verstanden werden?
Auf jeden Fall! Die Justiz muss eine Lösung finden. Auch die Muslime müssen sich äußern: Welche Art Islam wollen sie haben? Wenn jetzt diese Radikalen im Namen des Islam töten und massakrieren und dabei »Allahu Akbar!« rufen, dann erklären sie einen religiösen Krieg. Und wenn der religiöse Krieg hier gefeiert wird, dann stellt sich die Frage, wer das nächste Opfer sein wird. Ist das wirklich die Art von Islam, den wir in Europa haben wollen?

War ein solches Massaker in Syrien für Sie vorhersehbar?
Für mich als Experte war klar, dass Angehörige von Minderheiten in dieser Situation die Ersten sein werden, die von dieser Radikalisierung betroffen sind. Schon 2012 gab es so ein Massaker in Hula in Syrien. Ich habe daraufhin gewarnt, viele andere auch. Die Welt kann sich jetzt nicht hinstellen und sagen: »Wir haben es nicht geahnt.« Die Drusen haben leider keine internationale Community.

Sie sind ein Volk ohne globale Institutionen, die es vertreten …
… ohne eigene Regierung, ohne Organisationen, die dann auch weltweit wirken können, das stimmt leider. Wütend bin ich auf die Medien, weil sie das Narrativ von zwei Stämmen verbreiten, die sich bekriegen. Es kam nicht ein Einziger von uns zu Wort. Die Sache wird als Krieg zwischen Schiiten und Sunniten dargestellt, und die Drusen wurden dann irgendwie so in die eine Gruppe der Muslime eingeordnet. Wir sagen: »Moment mal, wir sind mehr als das.«

Was zeichnet die Drusen theologisch und kulturell aus?
Theologisch gesehen sind die Drusen eine sehr alte christliche Gruppierung. Wir glauben an die Prophezeiungen und an den Propheten Muhammad. Und wir sind insofern verbunden mit dem Judentum, als wir an Moses, an den Auszug aus Ägypten und auch an die Geschichte von Moses glauben.

Wie gestalten sich Ihre Verbindungen zu den Drusen in Syrien heute?
Seitdem ich in Deutschland lebe, also seit mehr als 20 Jahren, habe ich wieder Kontakt zu meinen Verwandten dort. Von Israel aus war es während der Assad-Zeit kaum möglich. Die syrischen Drusen standen unter ständiger Beobachtung. Für mich eröffnete sich von Berlin aus ein intensiverer Kontakt als für meine Familie in Israel. Mit der drusischen Community in Berlin fühle ich mich durch den Krieg in Syrien ebenfalls verbunden. Drusen verlassen ihre Heimatorte nur in Ausnahmefällen, denn sie sind sesshaft. Bei der großen Flüchtlingswelle 2015 kamen trotzdem viele nach Deutschland.

Sie haben 2016 eine Anlaufstelle für traumatisierte Geflüchtete mitgegründet. Nun erleben Sie, dass einige syrische Geflüchtete das Massaker an Ihrem Volk bejubeln.
Ich vertrete Werte. Selbstverständlich ist es für mich sehr bitter, aber das hindert mich nicht daran, an diesen Werten festzuhalten. Humanitäre Organisationen sind für mich nach wie vor ein Zuhause. Ich appelliere an sie, sich weiterhin zu engagieren. Für mich war und ist es die richtige Entscheidung, mit vollem Elan und voller Kraft weiterzumachen, trotz der finanziellen Kürzungen, die Berlin derzeit umsetzt.

Was haben Sie durch Ihre Arbeit an so unterschiedlichen Bildungs- und Gedenkeinrichtungen – vom Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn über das Jüdische Museum bis hin zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Stiftung Topographie des Terrors – über Erinnerungskultur und Zusammenleben gelernt?
Ich habe inspirierende Geschichten von Menschen gehört, die sich trotz der Schoa anschließend einem vernünftigen und liebevollen Zusammenleben gewidmet haben. Alle Institutionen bieten verschiedene Inhalte, und genau das finde ich spannend. Für mich ist es wichtig, dass ich mich da engagiere.

Sie leben seit mehr als 20 Jahren in Berlin und sind hier sowohl beruflich als auch privat verwurzelt. Wie kam es dazu, dass Sie damals ausgerechnet nach Berlin gekommen sind?
Ich wuchs in Isfiya, einem bereits in der Bibel erwähnten Ort auf dem Berg Carmel, auf und wurde als junger Mann Jugendleiter. Über ein Austauschprogramm bin ich, der Sohn eines Hafenarbeiters, nach Deutschland gekommen – und der Liebe wegen geblieben. Heute haben wir zwei Söhne.

Ist Berlin Ihre Heimat geworden?
Ja, mit Sicherheit. Für mich ist es die schönste Stadt.

Mit dem Pädagogen und Philosophen sprach Christine Schmitt.

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