Sport

Schwitzen für Berlin

Freitagabend, Duisburg, 20 Uhr: Ein lauter Pfiff hallt durch das Schwimmstadion des Sportparks Wedau. Energisch schraubt sich Artjom Zalesskiy im Wasser nach oben und donnert den Ball ins Tor. Direkt danach ertönt wieder der Pfiff von Trainer Michael Pogrebinski. Jetzt ist der bullige Stürmer Artur Schneider an der Reihe. Auch er knallt den Ball in den Winkel – keine Chance für den Keeper.

»Super, Jungs, weitermachen!«, lobt Pogrebinski seine Mannschaft. Und weiter geht’s: Rund drei Stunden werden die Wasserballer, die am Wochenende am Vorbereitungslehrgang des jüdischen Turn- und Sportverbands Makkabi Deutschland teilgenommen haben, an diesem Tag insgesamt trainieren.

goldesel Zur gleichen Zeit sitzt das Schachteam in der Sportschule Wedau neben dem Schwimmstadion und brütet über den nächsten Spielzügen. Konzentriert, den Kopf auf die Hände gestützt, üben die jungen Männer gerade neue Bauernformationen ein. Die Mannschaft von Isaak Lat ist einer der Goldesel von Makkabi Deutschland: Bei Wettbewerben landeten die Spieler bisher immer auf dem Podium und sammelten fleißig Medaillen.

Der Berliner Leonid Sawlin etwa hat trotz seiner gerade einmal 15 Jahre schon Silber und Bronze bei Makkabiaden gewonnen. Im Juli 2015 bei den European Maccabi Games (EMG) in Berlin möchte er nun Gold holen. »Aller guten Dinge sind drei«, sagt Leonid knapp und widmet sich wieder seinem Spiel.

Unterdessen beginnen auch die Sportler anderer Disziplinen am ersten Lehrgangstag auf dem weitläufigen Sportgelände ihre ersten Trainingseinheiten. 200 jüdische Athleten aus ganz Deutschland sind von Freitag bis Sonntag nach Duisburg gereist, um an der Veranstaltung von Makkabi teilzunehmen. In 20 Disziplinen wie Fußball, Squash und Volleyball werden die Sportler an diesem Wochenende im Hinblick auf eine Teilnahme an den EMG von den Trainern gesichtet und vorbereitet.

identität Doch trotz des Ehrgeizes der Athleten geht es an diesem Wochenende um mehr: Die Veranstaltung soll die Teilnehmer in ihrer jüdischen Identität stärken und Kontakte zu anderen Gemeindemitgliedern ermöglichen. »Auf dem Lehrgang wollen wir abseits des Sports auch unsere Jüdischkeit feiern«, erklärt Makkabi-Präsident Alon Meyer am Rande des Treffens.

Dem 40-jährigen Frankfurter ist es wichtig, den zumeist jüngeren Sportlern ein stolzes, selbstbewusstes und positives Judentum zu vermitteln. Deutschland, aber auch die jüdische Gemeinschaft in Europa, solle erfahren: »Die junge Generation sitzt nicht mehr auf gepackten Koffern. Wir gehören zu Deutschland – und Deutschland gehört zu uns«, betont Meyer.

Ganz bewusst hat sich der jüdische Sportverband für Berlin als Austragungsort der EMG entschieden. Mit der Hauptstadt werden die Spiele so rund 70 Jahre nach dem Holocaust da stattfinden, wo Juden im Jahr 1936 die Teilnahme an den Olympischen Spielen verboten wurde. »Kann es ein stärkeres Symbol geben, als am früheren Ort des Schreckens das größte jüdische Sportereignis seit dem Krieg durchzuführen?«, fragt Meyer. »Allein bei der Eröffnungsfeier werden 2000 jüdische Sportler aus ganz Europa in der Waldbühne für ihre Nation auflaufen – Gänsehaut pur!«

golf Auf genau diesen Tag freut sich die Golferin Berenice Flumenbaum schon seit Monaten. Bis zu den Spielen in Berlin sind es zwar noch genau 388 Tage. Doch schon jetzt fiebert die 15-Jährige dem Einmarsch mit schwarz-rot-goldener Flagge und den Makkabi-Trikots mit dem aufgenähten Magen David entgegen.

»Jüdisch und deutsch – das ist Normalität, nichts Wildes«, sagt Berenice und winkt ab. Viel spannender findet es die Schülerin, über Handicaps, Abschläge und Hole-in-Ones zu reden. Golf ist ihre Welt, mit viel Training und etwas Glück möchte sie irgendwann den Sprung zu den Profis schaffen.

Sarah Poewe hat ihre Karriere als Spitzensportlerin schon hinter sich. Der früheren Profischwimmerin gelang es als bislang einziger deutsch-jüdischen Sportlerin nach 1936, bei Olympischen Spielen eine Medaille zu gewinnen. Am Samstagmorgen nun steht Poewe als Botschafterin der EMG im Schwimmstadion und trifft die Wassersportler zu einem Meet and Greet.

Fragen Anfangs noch etwas schüchtern löchern die Schwimmer sie nach und nach immer mehr mit Fragen. Wie gelingt eine gute Rollwende, will eine Schwimmerin wissen. Ein anderer fragt, wie viel man trainieren muss, um bei Olympia starten zu können. Geduldig steht Poewe Rede und Antwort. Der 31-Jährigen ist ihr Engagement bei Makkabi eine Herzensangelegenheit: »Und für mich selbst ist es auch eine gute Gelegenheit, mich wieder mehr mit meinem Judentum zu befassen.« Nach zwei Stunden wird sie von den jungen Schwimmern mit Applaus verabschiedet.

Doch auch ältere Sportler bereiten sich an diesem Wochenende in Duisburg auf die Spiele in Berlin vor. Eine von ihnen ist die Kölner Ärztin Rebecca Richter. Die Läuferin hat erst vor einigen Monaten in der Zeitung der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf erfahren, dass bei den EMG Athleten jedes Alters starten können. »Jetzt habe ich auf jeden Fall einen guten Ansporn, jeden Tag meinen Lauf-Schweinehund zu überwinden«, sagt die 60-Jährige und lacht. »Ich finde es toll, dass es in mehreren Disziplinen Sportler meines Alters bei Makkabi gibt.«

Etwas weniger Glück hat der Fußballer Shlomo Almagor aus Hamburg. Er hoffte im Vorfeld, dass im zahlenmäßig am stärksten vertretenen Sport auch ein Masters-Team in Duisburg teilnehmen wird. Bisher aber haben sich noch nicht genug interessierte Ü40-Fußballer bei Makkabi gemeldet. Und auch in anderen Sportarten wie Triathlon, Reiten und Badminton werden jüdische Athleten gesucht, um die jeweiligen jüdischen Nationalteams zu verstärken.

»Stand heute werden im nächsten Jahr so viele Sportler wie noch nie bei den EMG für Deutschland an den Start gehen«, sagt Makkabi-Präsident Meyer. Bis dahin werden sich noch viele weitere Athleten für die Spiele anmelden, ist Meyer überzeugt. Denn schon jetzt gehen bei Makkabi von Woche zu Woche immer mehr Anfragen von interessierten Gemeindemitgliedern ein. »Je näher die EMG rücken, desto mehr Anfragen erhalten wir«, erklärt Meyer. »Das war vor dem Treffen hier auch so. Wir sind vorbereitet: Die Spiele können kommen!«

Impressionen, Informationen zum Wettkampf-Kalender und Hintergründe zur Teilnahme an den European Maccabi Games 2015 finden sich auf folgenden Websiten:

www.makkabi.com
www.facebook.com/MakkabiDeutschland
www.facebook.com/EMG2015

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