Denkfabrik

»Schalom Aleikum« veröffentlicht neues Buch

Foto: Hentrich & Hentrich

Denkfabrik

»Schalom Aleikum« veröffentlicht neues Buch

Dialogprojekt des Zentralrats beleuchtet Themen Flucht und Engagement aus jüdischer und muslimischer Perspektive

von Leticia Witte  07.12.2022 16:00 Uhr

Als die Geflüchteten aus der Ukraine kamen, kümmerten sich Helferinnen und Helfer um Unterkünfte, Arzttermine Schulplätze, Therapien – und vieles mehr. So erzählt es Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig.

Viele Mitglieder der Gemeinde hätten Verwandte und Bekannte in der Ukraine und auch in Russland, sodass ihnen der Krieg nah sei. »Deshalb reagiert unser Herz sofort auf den Hilferuf der Schutzsuchenden, und unser Verstand befiehlt uns: ›Handle!‹ «, betont Kaufmann.

Auftakt Er ist einer derjenigen, die in dem neuen Buch Flucht und Engagement. Jüdische und muslimische Perspektiven zu Wort kommen – zu ebenjenen Themen. Der Band ist Auftakt zur wissenschaftlichen Arbeit der neuen jüdisch-muslimischen Denkfabrik »Schalom Aleikum« des Zentralrats der Juden in Deutschland. Damit soll in diesem Rahmen auch der interreligiöse und gesellschaftliche Dialog fortgesetzt werden, wie Denkfabriksleiter Dmitrij Belkin und Zentralratsgeschäftsführer Daniel Botmann in ihrem Beitrag schreiben.

Von Mitte Dezember an ist das Buch erhältlich und wird an diesem Mittwoch in Berlin vorgestellt. Angekündigt für diesen Termin sind unter anderem Zentralratsvizepräsident Abraham Lehrer und der Beauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christian Staffa.

Wer etwas erfahren möchte über die Hilfen von Juden und Muslimen für Geflüchtete – nicht nur aus der Ukraine – oder ihr Engagement in Krisenzeiten allgemein, kann in dem Buch Beispiele finden. So berichtet der Geschäftsführer der Wohlfahrtsstelle Malikitische Gemeinde in Düsseldorf, Rachid Amjahad, über Hilfen von muslimischer Seite: »Die Flüchtlingsarbeit hat bei uns schon mit der Entstehung der ersten Gemeinden in den 1970er-Jahren angefangen, da die meisten Muslime aus Ländern stammen, in denen es nicht gerade blühende Demokratien gibt.«

Die Bereitschaft für gesellschaftliches Engagement wird aus der jeweiligen Religion hergeleitet.

Amjahad hebt eine gute Zusammenarbeit mit Behörden und auch mit christlichen Wohlfahrtsverbänden hervor. Gleichwohl verschweigt er die Probleme nicht, die zum Beispiel durch fehlende Gelder oder Personal entstehen. Mit dem Flüchtlingszuzug ab 2015 seien in Gemeinden Mahlzeiten angeboten worden sowie Deutschkurse, Hilfen bei der Wohnungssuche und Psychotherapien. Auch habe man sich um muslimische Bestattungen gekümmert.

Und: »Wir bieten Veranstaltungen zu Antisemitismus an und klären über Falschnachrichten auf.« Amjahad betont, dass Geflüchtete spezielle Zugänge dazu bräuchten – denn viele sagten: »Wir waren nicht die Täter. Die Täter waren die Deutschen.« Bei der Aufklärungsarbeit schöpfe die Wohlfahrtsstelle aus der marokkanischen Geschichte der malikitischen Rechtsschule: »Wir gehen dabei bewusst auf das marokkanische Judentum ein, dass eine 2.500-jährige Geschichte hat. Dabei betonen wir sowohl das gute Zusammenleben zwischen Muslimen und Juden, erwähnen aber auch Ausschreitungen und Pogrome der muslimischen Bevölkerung gegen Juden.«

Tikkun Im wissenschaftlichen Teil leiten Fachleute die Bereitschaft für gesellschaftliches Engagement aus der jeweiligen Religion her. Für das Judentum wird auf Tikkun Olam – die Welt aktiv zum Besseren gestalten – und Zedaka - Gutes tun - sowie Gebote in der Tora verwiesen. Amjahad von der Wohlfahrtsstelle Malikitische Gemeinde nennt als wichtigen Grund für Engagement die Gottgefälligkeit. Sie besage, »dass die guten Taten am Ende des Lebens schwerer wiegen als die schlechten Taten, um mit dem Paradies belohnt zu werden«.

Das Buch möchte bisher wenig bekanntes Engagement vorstellen. Verwiesen wird zum Beispiel auf den Religionsmonitor 2017: »Während Muslime in bisherigen Studien durch ein unterdurchschnittliches freiwilliges Engagement aufgefallen sind, bringen sie sich in der Geflüchtetenhilfe in weit überdurchschnittlichem Maße ein. So liegt der Anteil der aktiven Geflüchtetenhelfer:innen unter den muslimischen Befragten bei 44 Prozent, das sind mehr als doppelt so viele wie unter den Christen (21 Prozent) und Konfessionslosen (17 Prozent).«

In einem Resümee heißt es, dass jüdische und muslimische Gemeinschaften enorme Kraft in ihrem Engagement eingebracht hätten. Sie trügen damit viel zur Integration von Geflüchteten bei.

Tel Aviv/Ravensburg

Ricarda Louk kämpft für das Andenken an ihre Tochter Shani

Am 7. Oktober 2023 wollte Ricarda Louks Tochter mit anderen jungen Menschen tanzen und feiern – dann kam das Massaker der Hamas. Vor einem Jahr wurde Shanis Leiche gefunden. So geht es ihrer Familie heute

 16.05.2025

Berlin

»So monströs die Verbrechen der Nazis, so gigantisch dein Wille, zu leben«

Leeor Engländer verabschiedet sich in einer berührenden Trauerrede von Margot Friedländer. Wir dokumentieren sie im Wortlaut

von Leeor Engländer  15.05.2025

Trauerfeier

Die unbeugsame Berlinerin

Nach dem Tod von Margot Friedländer trauert ganz Berlin um eine besondere Frau, die als Holocaust-Überlebende unermüdlich für Menschlichkeit eintrat. Bei ihrer Beisetzung nahmen hochrangige Gäste nun Abschied

von Sigrid Hoff  15.05.2025

Abschied

Eine letzte Verneigung

Die am 9. Mai verstorbene Holocaust-Überlebende Margot Friedländer ist am Donnerstag in Berlin beigesetzt worden. An der Trauerfeier nahmen neben Wegbegleitern auch die gesamte Staatsspitze teil

von Markus Geiler  15.05.2025

Berlin

Große Anteilnahme bei Beisetzung von Margot Friedländer

Knapp eine Woche nach ihrem Tod wird die Holocaust-Überlebende beigesetzt. Zu der Trauerfeier kommen viele Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft

 15.05.2025 Aktualisiert

Jahrestag

Erben der Erinnerung

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau gedachten Schoa-Überlebende sowie Vertreter aus Politik und Gesellschaft der Befreiung vor 80 Jahren

von Vivian Rosen  15.05.2025

Gedenkstunde

»Der Sieg ist auch der Sieg der Gefallenen«

Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern ehrte die jüdischen Soldaten mit einer Kranzniederlegung

von Vivian Rosen  15.05.2025

Essen

Blumen aus Lotan

Ein Team des Kibbuz im Negev ist zu Gast in der Alten Synagoge, um Jugendlichen Ökologie, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit näherzubringen

von Stefan Laurin  15.05.2025

Berlin

Margot Friedländer wird beigesetzt

Auch knapp eine Woche nach dem Tod von Margot Friedländer trauern viele Menschen um die Frau, die als Holocaust-Überlebende für Menschlichkeit eintrat. Zu ihrer Beisetzung kommen hochrangige Gäste

 15.05.2025