Weimar

Republik Yiddishland

Alan Bern, künstlerischer Leiter des Yiddish Summer Weimar Foto: Yulia Kabakova

1999 war es noch ein Wochenend-Workshop, jetzt gehört der Yiddish Summer Weimar zu den etabliertesten Festivals der jiddischen Sprache, Musik und Kultur in Europa. Seit Freitag findet es zum 19. Mal in Thüringen, genauer gesagt in Weimar statt.

Der Ort verpflichtet. Nicht nur das nahe gelegene Buchenwald mit dem ehemaligen KZ auf dem Ettersberg geben dem Festival eine Richtung. Diesmal ist es auch das Jahr 1919: die Weimarer Republik. Was war das für eine Zeit in Thüringen, in Berlin und anderen europäischen Städten? Viele jüdische und damit auch Jiddisch sprechende Dichter, Schauspieler, Musiker flohen aus Osteuropa nach Deutschland. Berlin wurde zur »Diaspora im doppelten Sinne«, so die Veranstalter des Yiddish Summer Weimar.

Kreativität »Es war eine Explosion an jiddischer Kreativität, wie sie nie mehr erreicht werden sollte«, sagt Andreas Schmitges, der Kurator des Festivals. »Literatur, Theater, Kabarett – es gab nichts, was es nicht gab!«

Am Wochenende begannen die Workshops für Instrumentalmusik in Cafés, vor Restaurants und auf dem Marktplatz, fast im gesamten Stadtgebiet konnte das Publikum Jamsessions erleben.

Was haben diese Künstler hinterlassen, und wo finden sich heute noch Spuren? Diesem Anliegen widmet sich der Yiddish Summer mit insgesamt zehn Premieren und spürt den Geschichten von vor 100 Jahren nach, unter anderem mit Yuri Vedenyapin, einem russisch-kanadischen Künstler. »Berliner Goles« (Diaspora Berlin) heißt sein Programm.

Am Wochenende begannen die Workshops für Instrumentalmusik in Cafés, vor Restaurants und auf dem Marktplatz, fast im gesamten Stadtgebiet konnte das Publikum Jamsessions erleben – ein Yiddish Summer Feeling, das auch in Erfurt, Apolda und Leipzig präsent sein wird.

Polen Offiziell wird das Festival am 17. Juli eröffnet. Dazu spielen »Veretski Pass« aus den USA, die Musiker haben ihre familiären jüdischen Wurzeln in Polen. Den Festvortrag im Ratssaal der Stadt Weimar hält die namhafte Wissenschaftlerin Diana Matut, die als Jiddistin seit Jahren die Feinheiten der Sprache erforscht.

»Wir freuen uns auf eine spannende und inspirierende Festivalzeit«, sagt Alan Bern, künstlerischer Leiter. »Die Querelen des vergangenen Jahres liegen hinter uns. Wir haben ein großes Programm, viele internationale Künstler zu Gast, die uns begleiten.« Aus mehr als 20 Ländern reisen Musiker und Sänger in die »Weimar Republic of Yiddishland«, wie der Festivaltitel lautet.

Skandal Im vergangenen Jahr hatte ein Artikel in der »Thüringischen Landeszeitung« für viel Wirbel gesorgt, im Endeffekt sogar die Trennung des Verlages (Funke-Mediengruppe) von jener Autorin, die ihn publizierte. Anlass war eine Rezension über den Auftritt eines deutsch-israelischen Chorprojektes innerhalb des Yiddish Summer Weimar.

Der Chefedakteur entschuldigte sich für den Text »mit antisemitischen Äußerungen«, der 2018 in der »Thüringer Landeszeitung« erschienen war.

Nicht nur den künstlerischen Wert stellte die Autorin infrage, sie begründete die Frage nach der Finanzierung eines Festivals wie diesem mit »humanitären Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg«. Vor allem für den Festivalleiter Alan Bern entstanden beleidigende Zusammenhänge. Eine Welle der Empörung zog daraufhin durchs Land, nicht nur durch Thüringen. Der Vorwurf, hier einen Künstler aufgrund seiner jüdischen Wurzeln zu beleidigen, stand im Raum und dominierte von da an das Festival. Später entschuldigte sich der damalige Chefredakteur für den Text »mit antisemitischen Äußerungen« und schrieb bedauernd: »Er hätte nie erscheinen dürfen.«

Rückhalt »Wir hatten viele Debatten und viel Aufmerksamkeit. Für uns ist es wichtig, jetzt nach vorn zu blicken«, formuliert es Alan Bern. Der Rückhalt aus Kultur, Wissenschaft und Politik war groß.

Weimar, das bedeutet: Ein Festival, das sich intensiv einer Sprache widmet, die Dichter wie Itzik Manger (1901–1969) bereichert haben. Geboren in einer armen Czernowitzer Schneiderfamilie, lebte er später in Warschau, Paris, Großbritannien, Kanada und USA. Erst spät, sehr spät, feierte man ihn in Israel als Helden der jiddischen Sprache. Seine Texte, die megile lider, dienten Alan Bern und seinem Team als Vorlage für ein Musiktheaterstück. Di Megile fun Vaymar-Premiere zum Beginn der großen Festivalwoche ist am 25. Juli.

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