Nachruf

Regionales wird zur Weltgeschichte

Edith Raim (1965–2025) Foto: Privatbesitz

Nachruf

Regionales wird zur Weltgeschichte

Zum Tod der Historikerin Edith Raim, die ein bedeutendes publizistisches Vermächtnis hinterlässt

von Ellen Presser  22.07.2025 15:12 Uhr

Obgleich schon länger sehr krank, freute sich Edith Raim (1965–2025) darauf, am 2. Juli im Historicum ihr jüngstes Werk über den jüdischen Philanthropen James Loeb vorzustellen. Eingeladen hatten dazu der Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur sowie die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern. Doch dazu gekommen ist es nicht mehr, da die Historikerin einen Tag davor ihrem Leiden erlag.

Die Geschichte ihrer Familie in der NS-Zeit und ihre Teilnahme als Schülerin in Landsberg am Wettbewerb Deutsche Geschichte, wozu sie eine Arbeit über den Außenlagerkomplex Kaufering des KZ Dachau einreichte, prägten ihren Berufsweg entscheidend. Raim studierte Geschichte und Germanistik in München und Princeton und promovierte mit einer Studie über Kaufering und Mühldorf, die bis heute als Standardwerk gilt.

Das gilt auch für ihre Habilitationsschrift zum Thema Justiz zwischen Diktatur und Demokratie. Wiederaufbau und Ahndung von NS-Verbrechen in Westdeutschland 1945–1949. Im Nachruf des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg ist zu lesen, dass Edith Raim »Generationen von Studierenden speziell für die Geschichte der Weimarer Republik, der NS-Diktatur und der Nachkriegszeit sensibilisierte«. Man trauert um eine Kollegin, die »unermüdliche Recherche, intellektuelle Klarheit und tiefes ethisches Verantwortungsbewusstsein« auszeichneten. Auch die Stiftung Bayerische Gedenkstätten würdigt die Fachkompetenz der »gefragten Beraterin für Gedenkstättenprojekte und erinnerungskulturelle Initiativen«.

Man trauert um eine Kollegin, die »unermüdliche Recherche, intellektuelle Klarheit und tiefes ethisches Verantwortungsbewusstsein« auszeichneten.

Noch 2024 hatte Raim die wissenschaftliche Leitung des Projekts »Nazi Crimes Atlas – Digitaler Atlas NS-Verbrechen« übernommen. Wie vielfältig und doch immer auf Verlauf und Folgen der NS-Zeit fokussiert ihre Arbeiten solo oder in Kooperation waren, zeigt ihre Publikationsliste. Da geht es 2008 um Überlebende von Kaufering. Biografische Skizzen jüdischer ehemaliger Häftlinge und 2010 um Yehuda Amichai, 2013 in Das leere Haus um »Spuren jüdischen Lebens in Schwaben«, 2019 Verloren in Manhattan: Synagogen im Herzen New Yorks. Ihr Wohnort, die oberbayerische Kreisstadt Landsberg, ließ sie zeitlebens nicht los. 1995 erschien Ein Ort wie jeder andere. Bilder einer deutschen Kleinstadt. Landsberg 1923–1958, 2015 Don’t Take Your Guns To Town. Johnny Cash und die Amerikaner in Landsberg 1951-1954 und noch einmal Cash in Barbaria. Schnappschüsse aus Landsberg am Lech 1953/54, wo die spätere Countrymusik-Ikone Johnny Cash stationiert war. Bis zuletzt engagierte sie sich für die Errichtung einer Gedenkstätte für das KZ-Außenlager Kaufering VII bei Landsberg.

Und sie nahm sich 2020 eine weitere Gemeinde vor: ›Es kommen kalte Zeiten‹: Murnau 1919–1950. Vier Jahre später, unterbrochen durch eine Arbeit über Revolution und Reaktion. Die Anfänge der NS-Bewegung im bayerischen Oberland 1919 bis 1923, erschien 2024 in der Reihe »Studien zur jüdischen Geschichte und Kultur in Bayern«, herausgegeben von Michael Brenner und Andreas Heusler, ihre Monografie über James Loeb, der sich in die Landschaft um Murnau am Staffelsee verliebte und dort das Landhaus Hohenried bauen ließ. Ausgerechnet Murnau, eine Nazi-Hochburg seit den 1920er-Jahren, profitierte von der Großzügigkeit des jüdischen Bankiers aus New York, der mit diversen Stiftungen die dortige Infrastruktur auf Vordermann brachte, während die örtlichen Nationalsozialisten gegen das »jüdische Geld« ätzten.

In München gibt es eine James-Loeb-Straße, unweit vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie, dessen Vorläufer – unter dem Eindruck der Traumata des Ersten Weltkriegs – ebenfalls durch Spenden von Loeb zustande kam.

Edith Raim: »Der jüdische Mäzen und die Nazis. James Loeb und Murnau 1919–1933«. De Gruyter, Berlin 2024, 337 S., 49,95 €

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026

München

Vorhang auf für die Kids

Zum Start der Sommerferien führen die Kinder der Sinai-Grundschule ein Musical in englischer Sprache auf

von Luis Gruhler  28.07.2026