Er bezeichnet sich selbst als kabarettistischen Zeitzeugen: Dieter Nuhr kommentiert in seinem satirischen Bühnenprogramm das Tagesgeschehen und aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Immer wieder bezieht er dabei Stellung gegen Judenhass. Nun verleiht ihm der Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis und würdigt damit seinen entschiedenen Einsatz gegen Antisemitismus in der Medienlandschaft.
Zentralratspräsident Josef Schuster teilte am Montag mit, dass Dieter Nuhr seine Rolle als Kabarettist und seine Plattform im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nutze, um konsequent Doppelstandards in der deutschen Debatte um Israel offenzulegen. »Mit seinen Beiträgen setzt er einen Kontrapunkt zu antisemitischen Narrativen in der deutschen Medienlandschaft und positioniert sich klar an der Seite jüdischen Lebens«, so Schuster.
Gegenüber der Jüdische Allgemeinen erklärte Dieter Nuhr, dass ihm die Auszeichnung des Zentralrats viel bedeute: »Weil das nicht nur eine Auszeichnung für Humor ist, sondern eine, die mir zeigt, dass meine Arbeit eine gewisse Relevanz hat.« Gleichwohl sei es eigentlich kein gutes Zeichen, dass man für das Eintreten gegen Antisemitismus Preise verleihen müsse. »Es ist ein Trauerspiel, dass die Ablehnung des Antisemitismus heute gerade im Kulturbetrieb alles andere als selbstverständlich ist. Das macht mich fassungslos«, so Nuhr. Dass Antisemitismus einmal wieder ein Massenphänomen werden würde, sei in seiner Jugend unvorstellbar gewesen.
Er ist einer der erfolgreichsten Kabarettisten des Landes
Dieter Nuhr wurde 1960 in Wesel geboren und wuchs in Düsseldorf auf. Er studierte in Essen Bildende Kunst und Geschichte auf Lehramt und wechselte Mitte der 80er-Jahre auf die Bühne. Seit 1994 ist er mit einem Soloprogramm auf Tour. Er ist einer der erfolgreichsten Kabarettisten des Landes. Seit 2011 moderiert er die Sendung Nuhr im Ersten. Er beschreibt sich selbst als »stramm linksgrün« sozialisiert. 1980 war er Gründungsmitglied von Bündnis 90/Die Grünen. 1986 war Nuhr zum ersten Mal in Israel. Und er hat seine ganz eigene Sicht auf die Lage im Nahen Osten. Der Satiriker meint, »dass der Kampf um Palästina kein Freiheitskampf ist, sondern nur – wie es Hamas, Hisbollah, Huthi und die Mullahs im Iran völlig offen zugeben – ein weiterer Versuch der Judenvernichtung«.
In Bezug auf den Hamas-Angriff auf den jüdischen Staat am 7. Oktober 2023 sagt er: »Antisemitismus ist, wenn man diejenigen, die Juden umbringen, weil sie Juden sind, nicht ›Mörder‹ nennt, weil sie ja nur Juden sind.« Und er merkt an, dass auch die woken Linken, die sonst überall Rassismus und Sexismus wittern, erstaunlich still geworden seien, wenn es um Juden gehe. Von ihm stammt auch folgender Satz: »Die Linke hasst die Globalisierung, die Rechte die Globalisten. Gemeint sind dieselben, oft Juden. Antisemitismus ist links- wie rechtsaußen wieder salonfähig.«
Dieter Nuhr wurde mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet, ist Münchhausen-Preisträger und erhielt 2017 den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen.
Die Auszeichnung bewahrt das Andenken an Rabbiner Leo Baeck sel. A.
Nun erhält er den Leo-Baeck-Preis. Seit 1957 zeichnet der Zentralrat der Juden Persönlichkeiten aus, die in besonderem Maße für die jüdische Gemeinschaft eingetreten sind. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung bewahrt das Andenken an Rabbiner Leo Baeck sel. A. Zu den Preisträgern zählen der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Verlegerin Friede Springer sowie der Präsident von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke. Die Preisverleihung an Dieter Nuhr findet am 10. Juni in Berlin statt. Der Laudator ist der Psychologe und Autor Ahmad Mansour.
Mansour sagt, dass er die Laudatio auf Dieter Nuhr aus voller Überzeugung halte. »Gerade weil er Teil der deutschen Medien- und Kulturlandschaft ist, hat seine Haltung ein besonderes Gewicht.«
Dieter Nuhr habe diese Haltung in einer Zeit artikuliert, in der sich viele Medien und Teile des Kulturbetriebs in Narrativen verloren haben, die Ursache und Reaktion zunehmend verwischt haben. Dass der Zentralrat der Juden gerade ihn ehre, sei deshalb ein wichtiges Signal weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus – an Medien, Kultur und Öffentlichkeit, so Ahmad Mansour. »Es ist die Anerkennung für jemanden, der seine Reichweite genutzt hat, um sich sichtbar und unmissverständlich an die Seite jüdischen Lebens in Deutschland zu stellen.« ja