Interview

»Die Jewrovision ist das Ereignis des Jahres«

Hanna Veiler Foto: Gregor Zielke

Interview

»Die Jewrovision ist das Ereignis des Jahres«

Hanna Veiler über ihre erste Jewrovision, ihre neue Rolle als Moderatorin und die Zukunft für Juden in Deutschland

von Mascha Malburg  13.05.2026 14:46 Uhr

Frau Veiler, erinnern Sie sich an Ihre erste Jewrovision?
Na klar! Ich war 16 und musste von meinem Vater überredet werden, hinzufahren. In meiner Gemeinde gab es kein jüdisches Leben für Menschen unter 70 – und dann kam ich dort an und sah, wie Jugendliche und Betreuer auf den Tischen tanzten! Das war ein Kulturschock. Ein Jahr später stand ich selbst auf der Bühne. Von da an habe ich auf jede »Jewro« hingefiebert – für viele junge Jüdinnen und Juden das Ereignis des Jahres.

Dieses Wochenende stehen Sie in einer neuen Rolle auf der Bühne. Was möchten Sie jungen Jüdinnen und Juden als Moderatorin mitgeben?
Das diesjährige Motto »Voices of Hope« könnte nicht treffender sein. Es klingt vielleicht pathetisch, aber wir haben nicht die Wahl, die Hoffnung aufzugeben. Mir ist wichtig, dass junge Menschen im Publikum verstehen: Du kannst alles werden. Egal, wie klein deine Gemeinde ist. Egal, ob deine Eltern in der Gemeinde aktiv sind oder nicht. Egal, woher du kommst. Du kannst deinen Weg gehen. Und übertragen auf die politische Lage: Egal, wie kompliziert die Zeiten sind, wir machen weiter. Wir gestalten die Gesellschaft mit. Wir sind nicht bereit, unsere Freude und Identität zu verstecken. Genau das zeigen Veranstaltungen wie die Jewrovision sehr deutlich. Jewro bedeutet für mich: uneingeschränkte »Jewish Joy«!

Fällt es jüdischen Jugendlichen in ihrem Alltag schwerer, sich offen zu zeigen?
Ob im Klassenzimmer, in der Sportgruppe oder im Freundeskreis – jungen Juden bleiben meist nur zwei Optionen: ihre Identität geheim zu halten, oder sie ständig verteidigen zu müssen. Aus meiner Erfahrung müssen sie sehr früh lernen, ihre oft komplizierten, schmerzvollen Familiengeschichten und Identitäten zu artikulieren. Deshalb sind Veranstaltungen wie die Jewrovision so wichtig. Für ein Wochenende können junge Menschen einfach feiern, Spaß haben, ohne Erklärungen. Insofern sind diese »Safe Spaces« kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.

Welcher Impuls geht von der Jewrovision für die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland aus?
Dass jüdisches Leben heute wieder in Deutschland existiert, dass jedes Jahr mehr als 1000 jüdische Jugendliche zu einem Musikwettbewerb zusammenkommen, ist ein Wunder. Aber es ist auch ein Widerspruch nach der größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte, der Schoa. Viele jüdische Familien sind in den 90er-Jahren mit einem Vertrauensvorschuss hierhergekommen: Deutschland versprach Sicherheit und Zukunft für ihre Kinder. Doch heute leben viele wieder mit der Sorge, Opfer antisemitischer Gewalt zu werden. Trotzdem sehe ich in Deutschland eine junge jüdische Generation, die nicht bereit ist aufzugeben. Vielleicht gerade wegen dieser besonderen Geschichte.

Mit der Präsidentin der European Union of Jewish Students (EUJS) sprach Mascha Malburg.

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