»Koscher-Licious«

Mazze, Challe, Wodka

Stolz deutet Nathan auf die bunten Törtchen, die auf einer Etagere arrangiert sind. Einige sind mit Früchten verziert, andere scheinen aus purer Schokocreme zu bestehen. »Meine Mutter hat die gemacht«, verrät der 13-Jährige. Sie backe koschere Torten, Tartes und Gebäck auf Bestellung. Zu Geburtstagen und anlässlich besonderer Feiertage.

Hat er heute schon etwas probiert, genascht? Nathan schüttelt heftig den Kopf. »Nein, nein, ich bin hier, um zu helfen«, sagt er, und schon ist er wieder verschwunden, um einen Besucher bei der Auswahl der kunstvollen Patisserien, die an französisches Backwerk erinnern, zu beraten.

Was bedeutet »koscher«, will ein Besucher wissen.

Am Stand nebenan werden koschere Sushi Rolls mit Thunfisch gefüllt, auf der Theke davor stehen für die Gäste des Streetfoodfestivals »Koscher-Licious« Papierschälchen mit dunkler Sojasoße zum Tunken bereit. Einen Stand weiter gibt es Schawarma für fünf Euro, koscheren Apfelstrudel können Foodies bereits für 3,50 Euro probieren.

Wer möchte, kann sich – für kleines Geld – durch eine riesige Auswahl an internationalen Spezialitäten schlemmen. Denn die jüdische Küche zeichnet sich vor allem durch kulinarische Einflüsse aus der ganzen Welt aus. Genau das ist auch ein Anliegen des »Koscher-Licious«-Festivals im Berliner Ortsteil Wilmersdorf: den Besuchern die Vielfalt der jüdischen (Koch-)Kultur zu vermitteln.

Was bedeutet »koscher«, will ein Besucher wissen, dem das Essen offensichtlich schmeckt. Koscher sei die hebräische Bezeichnung für »geeignet« oder »tauglich«, erfährt er.

Für kleines Geld kann man sich durch eine Auswahl internationaler Spezialitäten schlemmen.

Die Zubereitung der Lebensmittel folge der Kaschrut, den jüdischen Speisegesetzen, erklärt eine ältere Frau, die neben ihm steht. Die beiden kommen angeregt miteinander ins Gespräch.

Neben Klassikern wie Challe, Falafel, Schawarma und Plov – ein herzhaftes zentralasiatisches Eintopf-Reisgericht – stehen auch Life-Koch-Aktionen, Mazzebacken für Kinder und gemeinsames Challebacken auf dem Programm des Foodfestivals, das bereits zum fünften Mal stattfindet.

Während von draußen einige Strahlen der Frühlingssonne Lichtstreifen in das Gebäude werfen, fällt auf, dass die Turnhalle, die der jüdischen Gemeinde auch als Festsaal dient, mit roten und weißen Tüchern an der Decke geschmückt wurde. Das erzeugt den Eindruck einer Markthalle, ein passendes Ambiente für ein Foodfestival am Pears Jüdischen Campus mitten in Berlin – selbstredend unter den üblichen Sicherheitsbedingungen.

Dass sich diese Veranstaltung, die von der Jüdischen Gemeinde Chabad auf die Beine gestellt wird, nicht nur an Jüdinnen und Juden, sondern an ein breites Publikum richtet, wurde bereits im Vorfeld kommuniziert.

Unterdessen dreht Rabbi Yehuda Teichtal seine Runde, nimmt sich Zeit für jeden Stand und kommt mit Ausstellern wie mit Besuchern ins Gespräch. Teichtal probiert usbekische Köstlichkeiten, kurz darauf schwingt er den Kochlöffel am chinesischen Stand.

»Essen verbindet uns Menschen«, sagt Teichtal. »Wir wollen diesen Tag gemeinsam mit unseren Besuchern mit viel Lebensfreude genießen.« Mehr als 1500 Menschen seien bislang gekommen, eine erfreuliche Entwicklung, gerade und besonders in diesen angespannten Zeiten.

Nach so viel Essen noch ein koscheres Bier? Kein Problem!

Der Campus, der beim diesjährigen Festival von rund 20 Lebensmittel-Ausstellern bespielt wird, sei ein positiver Ort der Begegnung, betont Teichtal. Die Mehrheit der Menschen stünde dem Judentum aufgeschlossen gegenüber, doch natürlich müsse man dafür auch etwas tun. Sogar das Ritz-Carlton Berlin bestreitet wieder einen kulinarischen Stand. Das Luxushotel am Potsdamer Platz hat koschere Menüs für Veranstaltungen, Konferenzen und für spezielle Anfragen im Sortiment, ein koscheres Catering gibt es außerdem. Für das Streetfoodfestival bietet die Sterneküche diesmal Kürbis mit einer Salsa aus Tomate und Granatapfel für sagenhafte 2,50 Euro an.

Während sich die Halle immer weiter mit Besuchern füllt, wird im fünften Obergeschoss Mazze gebacken. Sieben Kinder haben sich eingefunden, sie tragen Kochschürzen aus Kunststoff, die Haare sind mit Kochhäubchen aus Papier bedeckt. Auf dem Tisch der Kinder-Backstube liegen Nudelhölzer bereit, daneben Schälchen mit Weizenkörnern.

Kinder mit Kochschürzen backen Mazze und lernen, woher der Weizen stammt.

»Wer von euch weiß, warum wir zu Pessach Mazze essen?«, fragt Tsvi Schustermann, der für heute das Amt des Mazze-Bäckermeisters innehat. Woher das Mehl für die Mazze kommt, lernen die Kinder spätestens, als sie dazu aufgefordert werden, die Getreidekörner mithilfe des Mörsers zu Mehl zu zerstoßen. Nachdem der Teig endlich durchgeknetet ist, werden die kleinen Fladen im Ofen gebacken. Frische Mazze to go.

Danach beginnt im zweiten Obergeschoss das Challebacken. Gut anderthalb Kilo Mehl wandern in große Metallschüsseln, wo sie mit Hefe und Wasser zu einem Teig verknetet werden.

»Normalerweise ist das Challebacken den Frauen vorbehalten«, erklärt Leah Teichtal, heute dürften aber auch Männer mitmachen.

Zurück in die große Halle: Wer nach so viel Essen zum Abschluss noch ein koscheres Bier aus Israel oder einen koscheren Digestif probieren möchte, hat die Qual der Wahl an der kreisrunden Bar im Zentrum des Food-Markts.

Katerina Simon bietet unter der Hausmarke »Simons of Hannover« beispielsweise koscheren Kirschschnaps oder einen Wildkirsch-Likör unter dem Namen »Hannover Kuss« an. »Den kann man gut mit Sekt oder Champagner mischen«, verrät ihr Ehemann Marc, der mitgekommen ist, um die Produkte zu präsentieren.

Auf einem Tischchen hält er eine weitere Besonderheit bereit: einen koscheren Obstler. »Eine deutsch-jüdische Symbiose«, verrät Marc und reicht seinen Gästen Probiergläser. L’Chaim!

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