Bildung

Mathe, Kunst, Hebräisch

Egal, ob Kinder eine jüdische Grundschule besuchen oder nicht – das Lernen soll vor allem Spaß machen. Foto: Getty Images

Seit Dienstag sind die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen zu Ende, und der ganz normale Schulalltag hat wieder begonnen.

Neue Bücher, neue Hefte, und für Erstklässler fängt sogar ein ganz neuer Lebensabschnitt an. Für die Sechs- und Siebenjährigen der Jüdischen Grundschule Dortmund beginnt der Unterricht dazu noch in einer komplett neuen Schule.

Zunächst im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, ab 2032 dann an einem Teil­standort auf dem Campus der Berswordt-Europa-Grundschule, mit einer modernen Lernumgebung, einer Sporthalle, kosche­rer Schulmensa und allem, was eine zeitgemäße jüdische Schule haben sollte. Doch was ist das, neben Hebräisch- oder Religionsunterricht?

»Wir sind Juden, wir wollen unsere Identität stärken.«

Helena, Mutter aus Stuttgart

Für viele Eltern ist es vor allem eine Frage der Identität. Wie für Helena aus Stuttgart, deren drei Kinder alle auf die jüdische Eduard-Pfeiffer-Schule in der baden-württembergischen Landeshauptstadt gehen. »Wir sind Juden – und für uns ist es wichtig, dass die jüdische Identität gestärkt wird. Und natürlich möchten wir, dass unsere Kinder mit jüdischen Kindern in Kontakt sind und sich aufgrund ihrer Religion nicht als Außenseiter fühlen müssen«, betont Helena.

»Vor und nach den Mahlzeiten wird zusammen gebetet, und das Essen ist koscher«

Seit 2008 gibt es die Stuttgarter Grundschule, die zu ihrem 15-jährigen Jubiläum 65 Schülerinnen und Schüler hatte. Auf dem Stundenplan stehen Hebräisch und jüdischer Religionsunterricht, beschreibt die dreifache Mutter. »Vor und nach den Mahlzeiten wird zusammen gebetet, und das Essen ist koscher. Für das alles bezahlen wir gern ein Schulgeld.«

Thea und Avi aus Berlin haben eine neunjährige Tochter, die eine Grundschule in Mitte besucht. Das deutsch-israelische Paar hat sich bewusst für eine konfessionslose staatliche Schule entschieden. Nicht nur, weil das Schulgeld für eine jüdische Grundschule für das Paar zu hoch ist, sondern auch, weil sie ihre Tochter in einer, wie Avi es beschreibt, »säkularen« Umgebung groß werden lassen wollen. Das Angebot der staatlichen Grundschule gefällt der Tochter, die besonders gern Mathematik-Unterricht mag.

»Wir gehen damit ganz anders um: Jeden Freitag bringt unsere Tochter zwei oder drei Freunde zum Schabbatessen mit.« Das sei doch ein viel geeigneterer und lockererer Rahmen, über Dinge wie Bräuche oder Religion im entferntesten Sinne zu sprechen, als der Schulhof, findet der Informatiker. »Hebräisch ist bei uns zu Hause zweite Sprache – und was könnte mehr identitätsformend sein als die Sprache?« Sollte sich ihre Tochter in ein paar Jahren wirklich wünschen, aufs jüdische Gymnasium zu wechseln, würde man dem nicht im Wege stehen – trotz Schulgeld.

Hannas Schulzeit liegt schon ein wenig zurück. Die Dortmunderin studiert heute Management. Sie war im jüdischen Kindergarten, ging dann aber auf eine konfessionslose Grundschule, auf der allerdings auch viele jüdische Schülerinnen und Schüler waren, wie sie erzählt. »Wir wurden dann nach Schulschluss immer mit einem Bus in die Jüdische Gemeinde gefahren, wo wir eine Nachmittagsbetreuung hatten.«

Hebräischunterricht, jüdische Religionslehre, Schach oder eine Hausaufgabenbetreuung

Nachmittagsbetreuung, das hieß »Hebräischunterricht, jüdische Religionslehre, Schach oder eine Hausaufgabenbetreuung« – alles in der Jüdischen Gemeinde. Als Hanna später auf eine weiterführende Schule ging, fuhr sie zum Religionsunterricht in die Gemeinde und verbrachte die Nachmittage oft im Jugendzentrum. Die Studentin findet es rückblickend sehr wertvoll, dass sie so eine »Balance aus jüdischer und nichtjüdischer Bubble« hatte. »Wenn man immer von denselben Leuten umgeben ist, ist das auf Dauer etwas einseitig«, findet sie.

Ihr Freundeskreis sei zwar überwiegend jüdisch, aber das habe auch viel damit zu tun, dass sich alle noch aus dem Kindergarten kennen. Und später als Elternteil? »Wenn ich heute darüber nachdenke, wäre es mir auch wichtig, dass meine Kinder einen Bezug zum Judentum haben. Das muss nicht gleich eine Schule sein, aber auf jeden Fall sollte es eine Konstante sein. Wenn das Kind nicht komplett dagegen wäre.«

Ihr Plan heute: »Eine jüdische Grundschule, um dem Kind eine gute Grundlage zu geben. Denn mit dem Älterwerden kommt vieles von dem, was man als Kind hatte, auch von allein, selbst wenn man nicht auf einem jüdischen Gymnasium ist.« Hanna wäre es wichtig, dass die Traditionen nicht verloren gehen und man immer auch diesen Bezug und auch einen Safe Space hat – obwohl ihr, wie sie betont, nie etwas passiert sei.

Das Thema Sicherheit ist auch für Yosef T. aus Stuttgart präsent: Sein Sohn ist ebenfalls Schüler der Eduard-Pfeiffer-Schule, und Yosef macht sich, wie viele Eltern, Gedanken über den Umgang mit Religion, Anfeindungen und Ressentiments: »Meine Frau und ich – und unser Sohn – wollten nicht Teil eines Experiments sein, das für uns eine öffentliche Schule bedeutet hätte. Wir wollen nicht, dass unser Sohn in einer Klasse lernt, in der er 30 Mitschüler hätte, einige davon mit Migrationshintergrund aus Ländern, wo Antisemitismus und Israelhass stark verankert sind.«

Das eigentliche Schulgebäude wird 2032 umgebaut sein.

Mit der jüdischen Privatschule sei das Paar sehr zufrieden, »denn es gibt kleine Klassen, Probleme werden rasch gelöst, und wir fühlen uns sicher«. Einen schönen Nebeneffekt der jüdischen Grundschule beschreibt Yosef: »Mein Sohn hat die jüdische Tradition mit nach Hause gebracht. Ich selbst bin in einer säkularen Familie aufgewachsen.«

Eine Anregung für staatliche Schulen

Einen konkreten Wunsch für die neue Schule hat die Dortmunderin Hanna nicht direkt, aber wenn sie eine Anregung für staatliche Schulen äußern sollte, dann würde sie sich wünschen, dass es auch an staatlichen Schulen jüdischen Religionsunterricht gibt. »Einfach, dass eine Sensibilisierung dafür stattfindet, dass es neben dem evangelischen und katholischen auch jüdischen Religionsunterricht gibt. Die Schülerinnen und Schüler könnten dadurch sehen, dass es ganz normal ist und dass man keine Angst davor haben muss.«

Der zukünftige Teilstandort der Jüdischen Grundschule Dortmund ist zwar noch im Umbau, aber die Idee dahinter ist das Zusammensein, das Einander-Kennenlernen: Der Bau des jüdischen Teilstandorts der Berswordt-Europa-Grundschule sei »ein wichtiger Meilenstein für die Zukunft«, heißt es vonseiten der Stadt Dortmund. Das Fundament bildeten Gemeinschaft und Kooperation. Dafür gibt es auf jeden Fall schon einmal die Note eins.

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